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revierkick

Spielzeit 1945/46

Zwischen Trümmern rollt der Ball

An der Straße entlang sieht man bizarre Formen, besonders da, wo die Häuser ausgebrannt sind. Die Rippen der Zentralheizung sind häufig stehen geblieben, wo das Haus einstürzte, eigenartig verbogen, an der Mauer anhängend wie Früchte an einem exotischen Gewächs. Der Schutt ist meist an den Straßenrändern aufgehäuft, wie Schnee im Winter, dahinter laufen die Fußgänger entlang der vernichteten Häuser. Es sind immer viele Menschen auf der Straße, man fragt sich unwillkürlich, wo diese Menschen herkommen, und wo sie sich aufhalten. Sie wohnen in Kellern, in Zimmern ohne Fenster, in Behelfsheimen zwischen nackten Mauern unter löcherigen Dächern, aber sie wohnen irgendwo und leben.â So beschrieb der nach Jahren des Exils zurückgekehrte Herner Journalist Fritz Günzburger seine Nachkriegseindrücke des Ruhrgebiets Anfang 1946. Offensichtlich war die Zerstörung des Krieges mit aller Gewalt in das Land zurückgekehrt, von dem sie ausgegangen war. Nachdem alliierte Truppen am 17. April 1945 das Ruhrgebiet endgültig eingenommen hatten, begann der Wiederaufbau. Zwischen den Trümmern galt es fortan, das tägliche Überleben zu organisieren.

Mit anti-nazistischen Maßnahmen versuchten die Alliierten auch im Sport, einen deutlichen Schlussstrich zu ziehen. Der NS-Reichsbund für Leibesübungen, dem alle Sportvereine seit 1938 angeschlossen waren, wurde aufgelöst; ebenso viele Fußball-Vereine, die im Verdacht standen, von einer besonderen Nähe zur lokalen NS-Clique profitiert zu haben. Die Militär-Regierungs-Kommandanten werden jedoch daran erinnert, dass die Geschichte von Sportvereinen unter dem Naziregime zeigt, dass sie ein mächtiges Werkzeug zur Verbreitung von Nazilehrern und Einprägung von Militarismus bildetenâÂÂ, hieß es in einer Richtlinie. Aber wie in der gesamten Gesellschaft beschäftigte man sich auch in den Fußballvereinen nicht mit der eigenen Verantwortung. Bereits im Juni 1945 gestattete die Militärregierung die Wiederaufnahme des örtlichen Sportbetriebes gemäß der Richtlinien für die Wiederzulassung oder Neueröffnung von Sport- und MusikvereinenâÂÂ, nach denen die neuenâ Vorstandsmitglieder weder Mitglieder der NSDAP noch Angehörige der SA oder SS gewesen sein durften. Auf Kreisebene begannen die ersten Freundschaftsspiele, aber viele Stadien wie die Glückauf-Kampfbahn, das Stadion Rote Erde oder die Essener Hafenstraße lagen noch in Trümmern. Provisorisch wurden die Sportstätten wieder hergestellt und Trikots, Tornetze, Bälle und Schuhe auf abenteuerliche Weise organisiertâÂÂ. Der Schwarzmarkt mit seiner Tauschwährung blühte. Dabei hatten die Vereine, die an eine Zeche angeschlossen waren, einen Startvorteil. In einer Zeit, in der das Geld nicht das Papier wert war, auf dem es gedruckt worden war, galten andere WährungenâÂÂ: Im von der Zeche Mont-Cenis geprägten Herner Stadtteil Sodingen zog zum Beispiel ein Haufen junger Leute von Haus zu Haus um eine freiwillige Kohlenspende für ihre Fußballmannschaft einzusammeln. Als man genug hatte, stapelte man die Kohlensäcke auf einen Lastwagen, fuhr in die Textilstadt Wuppertal und tauschte das begehrte schwarze Goldâ gegen einen Satz neuer Trikots ein. Bereits in diesen ersten Nachkriegsmonaten zeichnete sich ab, dass der Sport einen neuen Aufschwung erleben sollte. Selbst Fußballspiele und Veranstaltungen auf Kreisklassenebene waren gut besucht. Die Menschen suchten Zerstreuung und Ablenkung vom trostlosen Alltag, und viele Alternativen gab es nicht.

Aber selbst der Fußball konnte über die massiven gesellschaftlichen Probleme der Nachkriegszeit nicht hinweggehen. Die Ernährungssituation im Ruhrgebiet war katastrophal. Die Stadtverwaltungen gaben brachliegenden Flächen, Park- und Grünanlagen zur landwirtschaftlichenâ Nutzung frei. Hamsterfahrten, der Schwarzhandel und die Kompensationâ wurden zu den Zeichen der Zeit. Mit Fahrrädern oder in überfüllten Zügen fuhren die Stadtmenschen aufs Land, um Lebensmittel zu erbeuten â oft im Tausch gegen Textilien, Lederwaren und andere Alltagsgegenstände. Die Fußballmannschaften schlossen sich dieser Bewegung an. Die Kalorienspieleâ wurden geboren. Die Fußballstars des Ruhrgebiets spielten in ländlichen Gegenden gegen Brot, Schinken und einen Sack Kartoffeln. Wir gewannen 20 : 0, ich habe allein 14 Tore geschossen, und pro Spieler bekamen wir einen Sack Kartoffeln mitâÂÂ, erinnert sich Jule Ludorf, der Stürmerstar der Spvgg. Erkenschwick, an ein Spiel im münsterländischen Nottuln. So absurd es klingen mag, aber in einer Zeit, in der Geld überhaupt keine Rolle spielte â die Reichsmark war vor der Währungsreform am 20. Juni 1948 als reales Tauschmittel nahezu bedeutungslos âÂÂ, setzte sich der (Teil-)Professionalismus unter den Spielern endgültig durch. Zwar verdienten sie mit ihrem Gekickeâ nur Naturalien, aber da das Pfund Butter etwa 200 Mark kostete, war diese Tauschwährung viel härter als jeder Geldschein.

Die Reorganisation des Fußballs nahm im Spätsommer 1945 konkrete Züge an. In der Gaststätte Haus Timmeringâ in Altenbögge trafen sich die Vertreter der westfälischen Vereine und verabredeten eine neue 1. Division WestâÂÂ, in der alle Mannschaften spielen sollten, die zwischen 1939 und 1945 in der Gauliga West vertreten waren. Die Vielzahl der Klubs machte eine Aufteilung in zwei Gruppen notwendig, in denen ab dem 17. Februar 1946 der organisierte Spielbetrieb wieder begann. Dabei standen die britische Militärbehörde dem überregionalen Spielverkehr skeptisch gegenüber und blockierte das geplante Endspiel um die Westfalenmeisterschaft zwischen Schalke 04 und der Spvgg. Erkenschwick, was durchaus reizvoll gewesen wäre, hätte doch der Spieler Ernst Kuzorra gegen den Trainer Ernst Kuzorra (bei Erkenschwick) antreten müssen. Im Gegensatz dazu hatte sich in der amerikanischen Zone schon seit November 1945 eine höchste Spielklasse etabliert. Die Oberliga Süd, deren Spieler schon mit 30 Mark pro Spiel entlohnt wurden, sollte das Vorbild für die Entwicklung des deutschen Nachkriegsfußballs werden. Aus diesem ungleichen Stand des Ligabetriebes resultierte auch, dass die Einkäuferâ der hessischen und baden-württembergischen Vereine mit großzügigen Geld- und Arbeitsangeboten besonders im Ruhrgebiet auf Spielersuche gingen.

 

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