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revierkick

Spielzeit 1946/47

Ein Protest und ein Machtwechsel als Ouvertüre

Zu Beginn der ersten richtigen Nachkriegsaison bot der Fußball im neuen Land Nordrhein-Westfalen, das von der britischen Militärregierung offiziell am 23. August 1946 gegründet wurde, ein zersplittertes Bild: In Westfalen spielte man stadt- und kreisübergreifend in zwei Zehnerstaffeln, während am Niederrhein lediglich auf Bezirksebene gekickt wurde. Am Mittelrhein machten sich sogar sechzehn Mannschaften selbständig und gründeten eine „Runde der Abtrünnigen“. Als schon früh in der Spielzeit 1946/47 bekannt wurde, dass nach dem Ende der Saison im Bereich der britischen Zone zwei Oberligen (Nord und West) nach dem Muster der Oberliga Süd eingerichtet werden sollten, löste diese Ankündigung unter den Vereinen einen enormen Wettlauf um die begehrten Plätze aus. Selbst als am Ende der Saison nach einem regelrechten Marathon von Aufstiegs- und Qualifikationsspielen die zwölf auserkorenen Vereine für die neue Oberliga West feststanden, kam es noch zu einem Nachspiel am „grünen Tisch“. Der TSG Vohwinkel machte Einsprüche gegen Meisterschaftsspiele in der Niederrhein Gruppe Berg-Mark geltend und kam damit auch durch. Nachträglich wurde die Elf damit punktgleicher Gruppensieger mit Fortuna Düsseldorf, was eigentlich ein Entscheidungsspiel um die Gruppenmeisterschaft – gleichbedeutend mit der direkten Qualifikation für die Oberliga – zur Folge gehabt hätte. Die Situation wurde noch komplizierter, da Vohwinkel in den Qualifikationsspielen zur Oberliga, bei denen es oftmals auch drunter und drüber ging, scheiterte. Am Ende half nur ein Kompromiss: Vohwinkel wurde der Oberliga zugeteilt und aus den geplanten zwölf Oberligisten wurden nunmehr dreizehn. Als Vater der Oberliga West gilt dabei Konrad Schmedeshagen aus Gelsenkirchen, der spätere Vorsitzende des Westdeutschen Fußballverbandes (WFV), der die Idee einer westdeutschen Spitzenklasse gegen alle Hindernisse vorangetrieben hatte und im ersten Jahr auch als ihr technischer Leiter verantwortlich zeichnete.

Im Schatten der Qualifikationsspiele brachte das Jahr aber auch eine sportliche Sensation mit sich: Nach 21 Jahren (!) löste Borussia Dortmund Schalke 04 als Westfalenmeister ab. Bereits nach dem Krieg kassierte der sonst stets überlegene Altmeister einige Niederlagen, die in den erst spärlich vorhandenen Zeitungen aufmerksam registriert wurden. „Was ist nur mit den ‚Knappen‘ los?“ titelte die Westfälische Rundschau bereits 1946, als zwei Pleiten in der neugegründeten 1. Division West gab. Offensichtlich lief der Schalker Kreisel nicht mehr so geschmiert wie vor dem Krieg. Die Legenden Ernst Kuzorra und Fritz Szepan waren als 40jährige in das Fußball-Rentenalter gekommen und hatten ihren Zenith überschritten. Am 18. Mai 1947 kam es schließlich im Stadion Schloss Strünkede in Herne vor über 30.000 Zuschauern zum Ende einer Vormachtstellung.

Im Endspiel um die Westfalenmeisterschaft traf der S04 auf Borussia Dortmund, den Sieger der Gruppe 2. Es regnete Bindenfäden in Herne, und der Platz glich eher einer großen Matsche. An ein hohes spielerisches Niveau war auf diesem Boden überhaupt nicht zu denken. Das Spiel verlief vorerst in gewohnten Bahnen: Königsblau lag zur Halbzeit nach einem Abstaubertor von Heinz Hinz mit 1:0 in Führung. Aber es sollte eine „schwarze Dreiviertelstunde“ für Schalke und vor allem für die Gebrüder Klodt folgen: Stürmer Berni Klodt humpelte bereits ab der 50. Spielminute nur noch als Statist auf dem rechten Flügel und sein Bruder Hans, der schon beim 2:2-Ausgleichstreffer nicht besonders gut aussah, segelte sechs Minuten vor Schluss an einer Flanke vorbei, die der Dortmunder Herbert Sandmann zum 3:2 in das verwaiste Tor einschob. Der Abonnementsmeister wurde vom BVB entthront und wirkte nicht nur angesichts des Herner Dauerregens reichlich verschnupft. Zwar war für die Presse vorerst der Fall der Knappen vom westfälischen Fußballthron die eigentliche Sensation („Schalke nicht mehr Westfalenmeister!“ so die Schlagzeile der Rhein-Ruhr-Zeitung), aber bald sollte deutlich werden, dass sich das Kraftzentrum des Westfälischen Fußballs vom Schalker Markt zum Borsigplatz verschoben hatte. Auch für den Journalisten Harald Landefeld, Zeitzeuge im Herner „Schweinestall“, leitete dieses Spiel „eine neue Ära“ im Westen ein. Die Oberliga West konnte kommen, zudem auch bisher unbekannte Mannschaften wie die Spvgg. Erkenschwick, Rot-Weiß Oberhausen, STV Horst-Emscher und die Spfr. Katernberg für positive Schlagzeilen sorgten. Statt der Dominanz einer Mannschaft wie zu Zeiten der Gauliga versprach bereits die Ouvertüre, dass die neue Oberliga, die sich regional über das spätere Bundesland Nordrhein-Westfalen ausbreitete, mit einer Handvoll spielstarker Mannschaften weit facettenreicher und spannender werden sollte.

 

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