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Spielzeit 1951/52

Essens Rutschpartie an der Hafenstraße

Nach dem dreimaligen Titelgewinn von Borussia Dortmund und der Meisterschaft von Schalke 04 im Vorjahre sieht die Saison 1951/52 einen dritten Verein auf dem Throne des westdeutschen Fußballs: Rot-Weiss Essen. Seit ihrem Aufstieg 1948 immer zur Spitzengruppe gehörend, sind die Bergeborbecker Jungs mit ihrem Torjäger-Trio Helmut Rahn, August Gottschalk und Berni Termath in diesem Jahr allen Konkurrenten haushoch überlegen. 16. Spieltage (ohne die vielen Spielverlegungen dieser Saison wären es weit mehr geworden) stehen sie an der Tabellenspitze und geben an der heimischen Hafenstraße in der Hinrunde nur einen einzigen Punkt ab.

Die Essener sind es auch, die sich das kurioseste Heimspiel des Jahres leisten. 8.000 Zuschauer erleben im Januar 1952 eine Schnee- und Eispartie gegen die Spvgg. Erkenschwick, in der die sinnigerweise in ,blau‘-weiß gekleideten Hohmann-Schützlinge, wie der „Sportbeobachter“ es beschreibt, herumtorkeln wie Gehbehinderte auf Glatteis. Nicht einer von ihnen kann laufen, nicht einer kann sich um die eigene Achse drehen, ohne zu fallen“. Ganz anders die Erkenschwicker: Sie kombinieren so flüssig wie das von ihrem findigen Trainer Ernst Kuzorra für die Spezialstollen verwendete Petroleum – ein längst bekanntes Anti-Rutschmittel – und hauen ihrem hilflosen Gegner die Bude voll. 0:5 steht es nach 38 Minuten, Helmut Rahn und Kurt Zaro ziehen ihre Schuhe aus, aber Schiedsrichter Guizetti befiehlt das Wiederanziehen. In der Pause werden auch in der Essener Kabine eifrig die Schuhe geschmiert, doch die Aufholjagd der jetzt Standfesteren kommt zu spät. Das Spiel endet 4:6.

Neben dem Höhenflug der Essener fällt die zwischenzeitlich besorgniserregende Talfahrt der Dortmunder Borussen auf, die noch am elften Spieltag auf den 15. Tabellenplatz abrutschen. Erst eine grandiose Rückrunde sichert ihnen den doch noch standesgemäßen vierten Rang. In der letztmalig ausgespielten Qualifikationsrunde behaupten sich die bisher „ewigen“ Oberligisten STV Horst und Spvgg. Erkenschwick. Von nun an geht’s automatisch auf- und abwärts: Zwei Aufsteiger ersetzen die zwei Absteiger des Oberhauses. Allerdings ist dazu erstmal die unpopuläre Maßnahme des Massenabstiegs aus der zweiten Liga erforderlich, was im Sommer 1952 für 16 Vereinen zwecks eines eingleisigen Unterbaues der Lizenzentzug bedeutet.

Ganz im Gegensatz zum lautstarken Rummel hinter den Kulissen steht ein Spieltag an der Essener Hafenstraße. Als sich Rot-Weiss Essen und Fortuna Düsseldorf im Falle einer Spielverlegung nicht einigen können, bestimmt der Verband mit dem 4. März einen Wochentag für die Neuansetzung. Die für die Vereine unannehmbare Funktionärsentscheidung macht einen Herrn namens Temieden zum einsamsten Schiri Deutschlands: Zum Anpfiff kein Kicker weit und breit.

Dann ist da noch die „Fahne“ des Unparteiischen Fähnrich aus Richterich bei Aachen, die ihm am 11. November 1951 im Spiel Schwarz-Weiß Essen gegen Borussia Dortmund (3:2) von Max Michallek nachgesagt wird. Fähnrich läßt diesen Vorwurf nicht auf sich sitzen und unterzieht sich sofort nach dem Spiel einer Blutprobe in einem Essener Krankenhaus, die negativ verläuft. Michallek muß 100 Mark wegen Schiedsrichterbeleidigung berappen, der Verein öffentlich widerrufen und noch 50 Märker drauflegen.

 

1952 petrdeum bild

 

Endrunde um die Deutsche Meisterschaft 1952

Die wichtigste Neuerung des Jahres war eine fußball-politische: das Saarland kehrte in das bundesdeutsche Ligasystem zurück. Der 1.FC Saarbrücken und Borussia Neunkirchen wurden in die Oberliga Südwest aufgenommen. Der Einzug des 1.FC Saarbrücken in das Endspiel bereitete dem DFB allerdings erhebliches Kopfzerbrechen: Wie sollte man auf einen Deutschen Meister aus Saarbrücken reagieren, wenn doch das Saarland politisch gar nicht zur Bundesrepublik gehörte? Der VfB Stuttgart ließ mögliche diplomatische Komplikationen allerdings erst gar nicht aufkommen und gewann das Endspiel mit 3:2.

Der Westen hatte in diesem Jahr überhaupt nichts zu bestellen: Rot-Weiss Essen, die dominierende Mannschaft der Oberliga West und als Geheimfavorit gehandelt, konnte seine Klasse erst in der Rückrunde unter Beweis stellen. Die drei Siege kamen allerdings zu spät. Schalke 04 war gänzlich überfordert und kassierte im letztlich zwar unbedeutenden Spiel in Hamburg sogar eine 2:8-Schlappe: die höchste Niederlage, die die Knappen jemals in einer Endrunde bezogen.