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revierkick

Spielzeit 1953/54

Nervende Domstädter: Nach 26 Jahren ein Fünf-Minuten-Finish

„Man müsste sie alle anklagen, die Müller, Schäfer, Nordmann, Röhrig. Wegen Gesundheitsschädigung. Denn Tausende von Kölner Schlachtenbummlern starben hundert Tode, sie wurden fast zur Raserei gebracht.“ So steht es zu lesen im ,Sportbeobachter‘, gemeint ist der neue Westdeutsche Meister, der 1. FC Köln.

Es geschieht an einem schönen Frühlingssonntag zwischen 16.35 und 16.40 Uhr. Die spannendste Saison seit Bestehen der Oberliga geht an jenem 11. April in die letzten fünf Minuten. Immer wieder haben sich die Kölner mit Rot-Weiss Essen und Schalke 04 an der Tabellenspitze abgewechselt. Die Preußen aus Münster, als Halbzeitmeister noch lachende Vierte, sind nach einem 1:8-Desaster gegen die Geißböcke mittlerweile abgeschlagen. Mit 3,9 Millionen Zuschauern melden die Vereinskassierer einen neuen Banknoten-Rekord. Doch wer wird Meister?

Rundblick 85. Minute: Vor 30.000 Zuschauern steht es zwischen dem SV Sodingen und Spitzenreiter Köln 1:1. Im Verfolgerduell an der Essener Hafenstraße halten die zweitplatzierten Schalker ein 2:2. Wer von beiden den nächsten Treffer erzielt, ist Meister. Dann der Essener Doppelschlag durch Rahn und Islacker. 4:2, die Schalker sind aus dem Rennen, aber ein weiteres Tor der Sodinger würde jetzt den Rot-Weißen zum Titel genügen. Kölns Kicker, die keine Zwischenstände kennen und davon ausgehen müssen, in Sodingen zu gewinnen, laufen mit zittrigen Beinen. Schäfer steht vor dem menschenleeren SV-Tor und knallt den Ball vor den Pfosten, Nordmann trifft nur die Latte und eine Röhrig-Flanke scheppert die Torlinie entlang. Erst Sekunden vor Schluss fällt die endgültige Entscheidung, erlöst Müllers Kopfball den schon apathisch gewordenen Kölner Anhang. Nach 26 Jahren – damals hatte sich die durch den Wiener Swatosch verstärkte Elf von Sülz 07 vor dem Stern aus dem Ruhrgebiet, Schalke 04, durchgesetzt – jubelt die Domstadt wieder einem westlichen Kickerkönig zu!

Überhaupt ist es ein Jahr der Nerven. In Dortmund geht es Schiedsrichter Faist an den Kragen, als er dem 1.FC Köln einen höchst umstrittenen Handelfmeter zuspricht, der zum 2:2-Endstand führt. Die meuternde Masse liefert sich eine Schlägerei und kennt selbst mit der Polizei keine Gnade. Faist jedoch entkommt auf leisen Sohlen und verschlungenen Wegen. Kein Entrinnen gibt es dagegen für die Vorstandsmitglieder des Absteigers Rheydter SV. Nach einem Heimspiel gegen Schwarz-Weiß Essen (1:3) stürmen einige der, „Treuesten“ die Tribüne und verprügeln die in ihren Augen „wahren Schuldigen“. Zusammen mit den Rheinländern, allerdings in wesentlich ruhigerer Gangart, reiten erstmals auch die Emscher-Husaren in die Zweite Liga. Der unrühmliche Höhepunkt bei den Horstern hat mit dem chancenlosen Geschehen auf dem Rasen allerdings nichts zu tun und kommt auf breitem Amtsrücken: Vor dem Spiel gegen den SV Sodingen wird in aller Öffentlichkeit eine Steuerpfändung durchgeführt.

 

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Endrunde um die Deutsche Meisterschaft 1954

Die bevorstehende Weltmeisterschaft in der Schweiz überragte alles. Nach jedem Oberliga-Spieltag diskutierte die Presse die beste Aufstellung und welche Spieler Bundestrainer Sepp Herberger unbedingt berücksichtigen müsste. Auch die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft wurde in einer gekürzten Variante gespielt: neben den fünf Regionalmeistern nahm nur der Pokalsieger teil. Da der VfB Stuttgart Pokalsieger und Meister der Oberliga Süd wurde, rückte Eintracht Frankfurt als Südzweiter nach. Für den Westen ging der 1.FC Köln ins Rennen, der aber in einem dramatischen Spiel im ausverkauften Stuttgarter Neckarstadion mit 3:4 gegen Kaiserslautern verlor. In der Domstadt mokierte man sich anschließend noch tagelang über fragwürdige Schiedsrichter Entscheidungen zugunsten der etablierten Pfälzer, die immerhin mit fünf Nationalspielern den Grundstock der Herberger Elf bildeten. Dementsprechend aufgeregt reagierte auch die Öffentlichkeit, als der haushohe Favorit und Vorjahresmeister von den Außenseitern aus Hannover im Finale mit 5:1 abgeschossen wurde. „Zu alt“ und „zu verbraucht“ seinen die Pfälzer, insbesondere ihr Kapitän Fritz Walter, hieß es, und Herberger wurde aufgefordert, sein Nationalmannschaftskonzept dringendst umzustellen. Der sture Bundestrainer tat es nicht, wie man weiß. Der Rest ist Geschichte: 3:2.