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revierkick

Spielzeit 1954/55

Helmuts Erzählungen und der „Fall Rappenberg“

Die deutsche Nationalmannschaft kehrt aus der Schweiz als frischgebackener Weltmeister zurück. Der gefeierte Mann nicht nur im Westen heißt Helmut Rahn. Wo der Essener Rot-Weisse auch hinkommt, die allgegenwärtige Frage seiner zukünftigen Kicker- und Kneipenwege lautet von nun an: „Helmut, erzähl mich dat Tor!“ Stolz hört eine gesamte Region zu, wenn der „Boss“ berichtet, wie er Ungarns Keeper Grosics zum entscheidenden 3:2 bezwungen hat. Die Zahl der Begeisterten, die „ihrem Helmut“ bei seiner triumphalen Rückkehr nach Essen zujubeln und dabei ein Menschenspalier von vielen Kilometern ausmacht, wird auf 100.000 geschätzt.

Für die Essener ist es ein Jahr nach Maß: Ohne Niederlage, mit 27:3 Punkten und einem meilenweiten Sieben-Punkte-Vorsprung planen die Rot-Weißen, bei denen Fritz Szepan die Bankregie übernommen hat und Kapitän August Gottschalk zum letzten Mal seinen berühmten „Kegelbruder-Bauch“ über den Platz bewegt, schon zur Saison-Halbzeit die Fahrten zur Deutschen Endrunde. Und das, obwohl ausgerechnet ihr WM-Idol Helmut wegen des rätselhaften Nationalmannschaft-Gelbfiebers ganze acht Spieltage ausfällt!

Kurios ist sicherlich der gesamte Halbzeitstand: Einer (Rot-Weiss) ist auf und davon, ein zweiter (die Überraschungsmannschaft des SV Sodingen) schon ein gutes Stück entfernt (20:10 Punkte) und der Rest (ab 17:13 Punkten) ist abstiegsgefährdet! Ganze sechs Punkte trennen den Dritten vom Letzten.

Statisch, ja fast apathisch schleppt sich der Oberliga-Tross zum Saisonende. Dortmund, Schalke? Unter ferner liefen. Köln, Münster? Glänzen zwischen dem 16. und 19. Spieltag sogar im Rotlicht des Tabellenletzten. Der Essener Luxus von drei Niederlagen in einer Woche fällt kaum auf, keiner außer den beständigen Sodingern kommt näher als acht Punkte heran. Die kuriose Folge des gähnend langweiligen Titelabos: Ein Absteiger wird Zuschauermagnet. Mit rund 21.000 Zuschauern im Schnitt verlässt der VfL Bochum die Liga als Kassen-Krösus, im Abschiedsgepäck die Zusage der Stadtväter für eine neue Tribüne an der Castroper Straße.

Bitterer ist der Abstieg für den Meidericher SV. Er geht als „Fall Rappenberg“ in die Oberliga-Geschichte ein und beschäftigt noch bis in den September hinein sämtliche Gremien der deutschen Kicker-Gerichtsbarkeit. In der Frage, ob der im Februar 1955 zu Westfalia Herne zurückgekehrte Gerd Rappenberg – der noch im Oktober 1954 nach mehreren Platzverweisen und einer seinetwegen drohenden ,,Super-Höchst- strafe“ des Westdeutschen Fußballverbands seinen Verein von selbst verlassen hatte – am 27. Februar gegen eben jenen MSV (Endstand 1:1) spielberechtigt war, widersprechen sich die verschiedenen Instanzen nach MSV-Klagen und Herner Einsprüchen in schöner Regelmäßigkeit. Nach mehrmonatigen Klagen entschied am Ende das DFB-Bundesgericht: Das Spiel gegen Meiderich wurde zwar als „für Westfalia verloren“ gewertet, aber die restlichen Spiele, in denen Rappenberg eingesetzt worden war, behielten ihre Gültigkeit. Damit war vier Monate nach Saisonende der Klassenerhalt für Herne und der Abstieg der Duisburger endgültig besiegelt.

 

1955svs bild

 

Endrunde um die Deutsche Meisterschaft 1955

Das Jahr, in dem sich der Fußball-Westen zurückmeldete. Der souveräne Westmeister Rot-Weiss Essen (Ý Gr. Erfolge) dominierte seine Endrunden-Gruppe und zog ungeschlagen und mit vier Punkten Vorsprung ins Finale ein. Spannender verlief das Rennen in Gruppe 2. Der SV Sodingen (Ý Gr. Erfolge). wurde zum Kassenmagneten. Die Außenseiter aus dem Herner Zechenvorort verloren nur ihr Auftaktspiel in Hamburg und trotzten dann auch dem großen 1.FC Kaiserslautern zwei Unentschieden ab. Beim „Heimspiel“ gegen die Roten Teufel, dass die Sodinger in der Schalker Glückauf-Kampfbahn austrugen, kam es zu einer regelrechten Menscheninvasion. 70.000 Zuschauer wollten in ein Stadion, in das nur 43.000 passten. Erst am letzten Spieltag setzte sich der „1.FC K“ mit einem spektakulären 10:0-Sieg über den wieder einmal überforderten Westberlin-Meister Viktoria 89 durch. Im dramatischen Endspiel gewannen schließlich die Männer aus Bergeborbeck, bei denen „Penny“ Islacker drei Tore erzielte. Der Siegtreffer in der 85. Minute fiel dabei aus abseitsverdächtiger Position, was zu einem Eklat führte. Stocksauer verweigerten die Lauterer dem neuen deutschen Meister zuerst den Handschlag und legten offiziell Protest ein, was aber nichts nützte. Zum ersten Mal nach dem Krieg ging der Titel in den „Kohlenpott“.