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revierkick

Spielzeit 1955/56

Der DFB in Aufruhr: Revolutionsversuche

Stürmen Deutschlands Rasenhelden in den Revolutionshimmel? Mit äußerster Unruhe sieht der bisher allgewaltige DFB der vom rotblonden Stürmer des Wuppertaler SV, Alfred „Coppi“ Beck, im April 1956 gegründeten Spieler-Gewerkschaft „Deutscher Vertragsspieler-Bund“ (DVB) entgegen. Nicht die Abseitsregel oder ein neuer Abstiegsmodus beherrschen die Kicker-Köpfe, sondern Gedanken um soziale Absicherung und Selbstbestimmung! Hatten bisher nur Nationalspieler und große Stars die Möglichkeit, sich als Wirte, Tabakladen- oder Tankstellenbesitzer das Portemonnaie auch nach der Arena-Laufbahn kräftig zu füllen, so beansprucht die DVB für die Zukunft einen guten Teil der Totogelder des DFB, um jedem altersschwachen oder invalidenreif getretenen Fußballer die Erstellung eines Eigenheims und ausreichende Mittel zum Existenzaufbau für das ballfreie Nachher zu ermöglichen. Trotz des betont unpolitischen Charakters wird Becks „revolutionäre Vereinigung“ von den traditionell hierarchisch denkenden Fußballern eher gemieden und bleibt so allenfalls ein frühes, wenn auch bemerkenswertes Beispiel visionärer Kräfte im Bereich der kickenden Rasenkultur.

Ein ganz anderer Teufel scheint die Funktionäre des Westdeutschen Fußballverbandstages im Juli 1955 zu reiten. Ihr wohl fehlgeleiteter, aber trotzdem verwirrender Beschluß, die 2. Liga abzuschaffen, geistert plötzlich durch die Liga-Geschäftsstellen an Rhein und Ruhr und verschwindet erst im März 1956 genauso kläglich, wie er ersonnen worden ist. Einziger Makel des DFB-Urteils, das die zwar unterklassigen, aber verbrieften Spielrechte der Zweitligavereine bestätigt:

Die auflösungswilligen Schreibtischtäter müssen das Verfahren nicht aus ihrer Privatschatulle bezahlen.

Überhaupt ist es ein Jahr der Juristen: Wo auch nur gemunkelt wird, beschäftigt man die Instanzen. Der Aachener Krämer, Schwarz-Weiß Essens Torwart Brehmer, Scheidt (Preußen Münster), Kallenborn (Hambom 07), Jäckel (1.FC Köln) …, die Masse der Vereinsklagen gegen angeblich nicht genehmigte Kicker-Einsätze nimmt inflationäre Züge an.

Selbst der höheren Gewalt eines harten Winters will man sich nicht ohnmächtig unterordnen. Die beim 1.FC Köln mit 2:3 unterlegenen Schalker erwägen den eisigen Zentimeter-Protest: Durch den Schnee soll die Torhöhe statt der geforderten 2,44 nur 2,37 Meter betragen haben!

Erst als der Frühling naht, knospen wieder sportliche Legenden. Eine davon spielt am Dortmunder Borsigplatz und ist in der bewegten Oberliga-Geschichte einmalig geblieben: Am 26. Februar stellt Borussen-Trainer Helmut Schneider gegen die andere Borussia aus Mönchengladbach zum ersten Mal jene Elf auf, die in exakt der gleichen Besetzung die Deutschen Meistertitel der nächsten beiden Jahre holt. Während die Standardelf Kwiatkowski, Burgsmüller, Sandmann, Schlebrowski, Michallek, Bracht, Peters, Preißler, Kelbassa, Niepieklo, Kapitulski das Endspiel 1956 gegen den Karlsruher SC mit 4:2 gewinnt, setzt es am Tivoli eine Tränenflut, von der man noch heute spricht. Von einer bereits druckfrischen Sportzeitungs-Ausgabe schon als Endrundenteilnehmer gefeiert, verspielt die Alemannia am letzten Spieltag durch ein 0:0 gegen den Fast-Absteiger Westfalia Herne den sicher geglaubten zweiten Platz an die im Torverhältnis besser gestellten Schalker Knappen.

 

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Endrunde um die Deutsche Meisterschaft 1956

Reich an Kuriositäten präsentierte sich die Endrunde 1956. Hannover 96 brauchte ganze 330 Spielminuten um unter die letzten Acht zu gelangen. Entsprechend ausgelaugt agierten die Niedersachsen in den ersten Spielen. Damit nicht genug: beim Spiel gegen Schalke 04 setzte im Niedersachsenstadion ein derart starkes Unwetter ein, dass das Spiel abgebrochen werden musste. Die jungen Schalker Knappen zeigten mehrmals Nerven. Auf dem Betzenberg führten sie kurz vor Schluss mit 4:2 und mussten dann noch zwei Tore zum Ausgleich hinnehmen. Noch gravierender der Fauxpas im Wildparkstadion: Der S04 dominierte das Spiel und war dem Führungstreffer deutlich näher als die Badenser – bis zu jener 79. Spielminute, als Schalkes Torhüter Orzessek einen harmlosen Flankenball aus den Händen fallen ließ, der im Zeitlupentempo über die Linie trudelte. Die Niederlage war besiegelt, und am Ende entschied das berühmt-berüchtigte Divisionsverfahren: hier lag der KSC um sieben Hundertstel vorne. In Gruppe 2 wäre Borussia Dortmund (Ý Gr. Erfolge) fast ebenfalls eine Unkonzentriertheit zum Verhängnis geworden: Außenseiter Viktoria 89 Berlin nahm man beim Spiel in der Roten Erde auf die leichte Schulter und kam nur zu einem enttäuschenden Remis. Nach der Niederlage in Hamburg musste auch hier das Divisionsverfahren herhalten, aber die Dortmunder Torgaranten Niepieklo, Preißler und Kelbassa hatten für einen beruhigenden Torquotienten gesorgt und auch im Finale gegen den Karlsruher SC sorgten die „Drei Alfredos“ für den 4:2-Sieg des BVB.