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revierkick

Spielzeit 1956/57

Ein Zehntel oben, drei Zehntel unten

Der Fußball-Westen reibt sich verwundert die Augen: „Wer soll diese Duisburger schlagen?“ Die in großen Lettern gehaltene Aufmachung der Sport-Titelseiten spricht das aus, was spätestens seit dem 1:0-Sieg des Duisburger SV beim Titelfavoriten Borussia Dortmund alle denken. Mit 14:0 Punkten weisen die Ruhrort-Mannen um Stopper Willi Koll eine schier unglaubliche Siegesserie auf. Bis zum 23. Spieltag führen sie ununterbrochen die Tabelle an, verlieren nur drei von 22 Spielen. Torwart-Routinier Jupp Broden meldet sogar Ansprüche an: „Wir können das Attribut ‚Altmeister’ nicht mehr hören – wir wollen endlich Neu-Meister werden.“ Und Trainer Fred Harthaus sächselt: „Mir woll’n dies’s Char zum Gurfürsch’ndamm!“ Womit er auf den möglichen Endspielort Berlin anspielte. Aber dann folgt doch der Einbruch. Dortmund zieht vorbei und der SV sieht plötzlich die Endrunden-Felle davonschwimmen. Zwei Minuten vor Saisonabschluss liegen die Duisburger vor eigenem Publikum mit 1:2 gegen Schalke 04 zurück, während der punktgleiche Tabellendritte 1. FC Köln in Aachen ein 3:3 hält. Dann, nach 88 Verzweiflungsminuten, nimmt sich Verteidiger Josten den Ball und zieht bei regnerischen Wetter aus 30 Metern ab. Irgendwie kommt Koll dran und mit starkem Effet landet der Ball dort, wovon die Ruhrstadt-Fans die gesamte Spielzeit eher verhalten zu träumen gewagt hatten: 2:2, der große Unbekannte Duisburger SV mit einem Zehntel-Tor-Vorsprung(!) in den Gruppenspielen zur Deutschen Meisterschaft! Trainer Harthaus, der später zum Herberger „Duisburgs“ ernannt wird, sollte Recht behalten, hatte er doch lange vor dem letzten Spieltag in seiner unnachahmlichen Art die Entscheidung vorausgesächselt: „Also, die Borussen und mir oder mir und die Borussen.“

Den Zuschauern in Aachen entgeht die Gemeinschaftsarbeit Josten/Koll übrigens. Der Stadionsprecher verkündet irrtümlich einen Schalker Sieg und – auch das ist bemerkenswert – ein grenzenloser Aachener(!) Jubel erreicht Heimsieg-Phonstärke. Am Tivoli feiert man die vermeintlich erfolgreichen Kölner. Verbrüderung auf Platz und Rängen. Wann hat es das im rheinischen Konkurrenzklima je gegeben?

In Dortmund läuft alles wie gehabt: die eingespielte Mannschaft wird am Ende doch erneut Westmeister und geht als Favorit in die Endrunde. Dass zum Ende der Spielzeit ausgerechnet Meistermacher Helmut Schneider mit seinem Lieblingsstürmer Kapitulski die Bierstadt in Richtung Pirmasens verlässt, trübt das grenzenlose Selbstbewusstsein beim BVB keineswegs. Von Preißler und Kelbassa, als Torjäger inzwischen schwarz-gelbe „Ehrenbürger von Barsinghausen“, wird der neue Trainer Hans Tauchert gleich an die Kette gelegt: „Er darf uns nicht mit neuen Methoden kommen. Erhält uns Tauchert nur die Kondition, dann kommen wir miteinander aus. Sonst… .“

Keine Saison ohne „Fall“. Wegen verbotener Schwarz-Zahlungen an sämtliche Spieler wird der SV Sodingen im Dezember 1956 zu acht Punkten Abzug verdonnert. Monatelang kämpft die Elf von der Zeche Mont Cenis vielbewundert gegen den sicheren Abstieg. Doch erst ein Gnadengesuch erhält ihnen schließlich die Klasse. Das neue Urteil im April lautet auf minus sechs Zähler“, führt auch im Abstiegskampf die Prozentrechnung ein und lässt Schwarz-Weiß Essen mit einem um drei Zehntel schlechteren Torverhältnis in den Abgrund schauen.

 

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Endrunde um die Deutsche Meisterschaft 1957

Die im verkürzten Modus ausgetragene Endrunde hatte nicht die Spannung und das Niveau der Jahre zuvor. Der Duisburger SV schlug sich mehr als achtbar. Lange Zeit war der Westzweite sensationell auf Finalkurs, ehe in der letzten Gruppenpartie sechs Minuten vor Schluss der Nürnberger Schmidt mit seinem Treffer zum 2:2-Ausgleich doch dem Abonnementsmeister des Nordens, dem Hamburger SV, die erste Finalteilnahme der Nachkriegszeit ermöglichte. Als Gegner der Hamburger spielten sich die ungeschlagenen, allerdings wenig überzeugenden Dortmunder ins Finale (Ý Gr. Erfolge). Dort aber liefen die Borussen, die in der gleichen Besetzung spielten wie ein Jahr zuvor, wenigstens für ein paar Minuten zu großer Form auf: Kelbassa (16., 25.) und Niepieklo (26.) schossen Borussia mit 3:1 in Führung, woraufhin die Schwarz-Gelben mehr als einen Gang zurückschalteten, und die Mannen um Jungstar Uwe Seeler nicht viel mehr zusetzen konnten. „Borussia spielte, zermahlte, jonglierte, bluffte, siegte und begeisterte dennoch nicht“, urteilte der ‚Kicker‘.

Das Resultat der Endrunde gab es gleich am 1. Spieltag im Wuppertaler Stadion am Zoo: Der 1.FC Kaiserslautern deklassierte Hertha BSC mit 14:1: Endrundenrekord! Der besondere Witz des Spiels lag darin, dass die Berliner nach zehn Minuten tatsächlich mit 1:0 in Führung gegangen waren.