Impressum | Kontakt

revierkick

Spielzeit 1957/58

Die Oberliga West als Straßenbahnliga

Die Saison beginnt mit einem Eklat, der zwar im Südwesten der Republik spielt, aber auch an Rhein und Ruhr für gespitzte Ohren sorgt: Ausgerechnet der „heilige“ Fritz Walter soll für drei Monate gesperrt werden, weil ein 45.000-Mark-Darlehen des 1.FC Kaiserslautern für Fritzens Kino-Neubau angeblich gegen das DFB-Vertragsspielerstatut verstoßen hat. Unter nationalem Kopfschütteln kommt es tatsächlich zu einer Verhandlung, die ihren Clou nicht lange verbirgt: Der DFB selbst hatte für sein spielendes Aushängeschild eine Unterstützung von 90.000 Mark empfohlen! Dass Walter den Gerichtssaal mit einem Freispruch verlässt, braucht nicht lange erklärt zu werden, die Episode aber bleibt ein Zeichen für den auch im Westen schon lange unhaltbaren Zwitterzustand der immer professioneller werdenden „320-Mark“-Kicker und die misstrauisch-konfuse Vertragsspieler-,,Politik“ der Funktionäre.

Zurück in den Westen geht’s mit Kilometerzähler. Eine Statistik errechnet die saisonalen Reisewege aller deutschen Oberliga-Teams. Während Hessen Kassel dabei mit 12.660 Kilometern zum unbestrittenen Globetrotter gekrönt wird und sowohl für die Nordlichter als auch für die „Südstaatler“ der Zähler nicht unter 5.000 rutscht, sitzt Rot-Weiss Essen als Statistik-Letzter seine 1.300 ,,Meilensteine“ auf einer Backe ab. Überhaupt ist kein Westverein unter den ersten 26 Dauerfahrten-Clubs zu finden. Die Oberliga West als Straßenbahnliga!

Trotz der kurzweiligen Gastspielreisen aber muss sich ausgerechnet der Kicker-Westen geduldig zeigen: Bereits 560 Minuten ist die Saison alt, als das erste Oberliga-Tor gegen Alemannia Aachen fällt. In der 20. Minute des siebten Spiels stolpert Aachens unheimlicher Nimbus über den Mittelstürmer des Duisburger SV, Benning. Alemannia-Torhüter Schiffer: „Wir haben uns geistig auf das erste Gegentor eingestellt, darauf, dass uns diese Tatsache nicht aus der Fassung bringen würde.“ Das frühe Beispiel für die Bedeutung mentalen Trainings nutzt, Aachen gewinnt die Partie in Duisburg mit 2: l und setzt seine Siegesserie bis Mitte Oktober fort: 18:0 Punkte, 20:2 Tore! Erst am 23. Kickersonntag, also exakt jenem Spieltag, an dem im Vorjahr auch den Ausreißern vom Duisburger SV die Luft ausgegangen war, hat die Liga ihre Alemannia wieder. 0:4 Punkte, darunter ein 0:4 beim gleichnamigen Verfolger Schalke und schließlich auch noch die Tragik des knapp verpassten zweiten Platzes durch das böse 0:2 gegen die Kölner Geißböcke. An jenem 3. April 1958 aber fällt nicht nur die Alemannia aus allen Endrunden-Wolken: 36.000 Zuschauer, die dichtgedrängt und erwartungsvoll den Tivoli bevölkern, erleben eine der ersten Zuschauerkatastrophen, als Mitte der zweiten Halbzeit eine Menschenlawine die eiserne Umzäunung hinter dem Kölner Tor glatt überrollt. Zum Glück verletzte sich niemand ernsthaft.

Und ein anderer Verein sorgt in der Rückrunde für eine Überraschung: Kellerkind Westfalia Herne bleibt von Januar bis März 1958 in zwölf Spielen hintereinander ungeschlagen und kann so den sicher geglaubten Abstieg vermeiden. Trainer Fritz Langner hat scheinbar eine gute Mannschaft mit jungen Talenten beisammen, die ihre Zukunft noch vor sich hat.

 

1958aachen bild

 

Endrunde um die Deutsche Meisterschaft 1958

Es war die Endrunde der Königsblauen und ihres Spielführers Berni Klodt, der endlich – fast schon am Ende seiner großartigen Karriere – seinen großen persönlichen Triumph feiern konnte (Ý Gr. Erfolge). Die Schalker ließen auch in den Endrunden-Spielen an ihrer diesjährigen Vormachtstellung keinen Zweifel: drei Siege mit 16:1 Toren sprechen eine deutliche Sprache. Zum vierten Mal in Folge blieb die Meisterschale im Ruhrgebiet. Leidtragender war wieder einmal der HSV. „Meine Mannschaft ist noch nicht so weit, aber ihre Zeit wird kommen“, versprach HSV-Trainer Mahlmann. Als weitere Westmannschaft ging der 1.FC Köln ins Rennen, der in einer kräftezehrenden Qualifikation den 1.FC Kaiserslautern ausschaltete, aber dann eine Woche später an den Hamburger Seeler-Brüdern scheiterte: Zwei Kopfballtore von Uwe und eins von Dieter Seeler besiegelten die bereits für den Finaleinzug vorentscheidende 1:3-Niederlage.