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revierkick

Spielzeit 1958/59

„Macht Schluss mit der rohen Bolzerei“

Was mit dem Platzverweis des Düsseldorfers Juskowiak im Weltmeisterschafts-Halbfinale gegen Schweden beginnt, scheint sich auch in der Oberliga fortzusetzen. „Macht Schluss mit der rohen Bolzerei“ heißt es in den Schlagzeilen der Sportzeitungen. Die harten Tatsachen zur Liga-Halbzeit im Dezember: Von 1.076 eingesetzten Spielern haben nur 249 sämtliche Hinrunden-Begegnungen mitgemacht, also nur vier Kicker pro Klub. Für den Deutschen Meister Schalke 04 aber sind selbst diese Zahlen nur graue Theorie. Kein einziger der Blau-Weißen „überlebt“ auch nur die ersten dreizehn Spiele. Den Rekord mit zwölf Spielen hält Manfred Kreuz, dann fällt auch er aufs selbige.

Viel hätte nicht gefehlt, und der Westen wäre bei der Deutschen Meisterschaft 1959 von zwei Endrunden-Neulingen vertreten worden. Bis zum 22. Spieltag rühren die Revier- Nachbarn Westfalia Herne und der VfL Bochum die Liga an. Erst im Schlussspurt werden die Bochumer, in der letzten Spielzeit immerhin nur knapp dem Abstieg entronnen, noch abgefangen.

Für die Westfalia-Kicker vom Stadion Schloss Strünkede aber wird es die erfolgreichste Saison seit Vereinsbestehen. Als Vorjahres-Zwölfte nicht unbedingt zum Favoritenkreis zählend, sichert sich die seit dem siebten Saisonsonntag an der Tabellenspitze stehende Langner-Truppe souverän die Westmeisterschaft. Dazu hinten und vorne Rekorde: Während der überragende Hans Tilkowski, der ebenso wie Verteidiger Alfred Pyka und Außenläufer Helmut Benthaus zur Rarität eines Herner Nationalspielers wird, in den dreißig Spielen nur 23 Mal hinter sich greifen muss (was, mit Ausnahme der ersten beiden, nur in 13er-Gruppen gespielten Spieljahre, ewigen Oberliga West-Rekord bedeutet), beendet am anderen Ende der 20-jährige Mittelstürmer Gerhard Clement die dreijährige Torschützenkönig-Hegemonie der Dortmunder Kelbassa und Niepieklo. Clements 28 Treffer machen fast die Hälfte aller Herner Erfolge aus.

Das Pendant zum Herner Abwehrriegel aber kommt vom Rhein. Die Düsseldorfer Wolffram, Derwall, Jansen & Co. bleiben nur zwei Spiele ohne Torerfolg und sichern ihrer Fortuna mit 89 Jubeleinheiten den erst 1962 vom 1.FC Köln eingestellten Goalgetter-Pokal für Vereinsmannschaften. Dennoch reicht es für die Mannen von der Kö mal wieder nicht zum zweiten Platz. Im entscheidenden Spiel gegen den Kölner Erzrivalen sehen 56.000 Zuschauer im Rheinstadion zwar eines der besten und spannendsten Oberliga-Duelle der letzten Jahre, aber ein 4:3-Sieg reicht schließlich den Domstädtern, um mit einem minimalen Torvorsprung von 0,13 in die Endrunde zur Deutschen Meisterschaft einzuziehen.

Während der Fußball-Transfermarkt immer mondäner wird (der Wuppertaler Szymaniak macht seinen Wechsel zum Karlsruher SC auf Mallorca klar), scheint in die Abstiegsfrage eine Reise in den Schwarzwald einzugreifen. Der Fahrer, Preußen Münsters Trainer Hentschke, überbringt seinem dort untergetauchten Wunschspieler Schmidt, ehemals beim Nordlicht Heider SV unter Vertrag, das versprochene „Wechselgeld“ von 3.000 Mark. Als die Sache bekannt wird, tauft man den Lockversuch „Fall Münster“ und zieht den Preußen 6.000 Mark und neun Punkte ab. Erst kurz vor Toresschluss kommt die Begnadigung, die die Westfalen nur weitere 3.000 Märker und ihren Spielausschussvorsitzenden Oevermann, dem seit 1952 in der Oberliga kickenden Lokalrivalen des Herner Titelträgers, den SV Sodingen, jedoch den Klassenerhalt kostet.

 

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Endrunde um die Deutsche Meisterschaft 1959

Nach vier Jahren war die Dominanz des Westen gebrochen. Beide Westvertreter scheiterten deutlich in ihren Gruppen, aber der Trainer des Westfälischen Fußballverbandes Dettmar Cramer trat allen Angriffen entgegen. „Herne hat keineswegs versagt“, soufflierte er der Presse. „Wir dürfen im Westen unserem Meister nicht böse sein. Das hat die Mannschaft wirklich nicht verdient. Der Westfalia fehlte das Endrundenglück.“ Außerdem, so der Verbandstrainer, müssten Führungsspieler wie Benthaus, Tilkowski und Pyka erst „ausreifen“. Das Endspiel in Berlin geriet jedenfalls zum hessischen Derby: Kickers Offenbach und Eintracht Frankfurt sollten sich dabei ein atemberaubendes Spiel liefern, das am Ende die Eintracht durch drei Tore von Ekkehard Feigenspan für sich entschied. Das es sich dabei um keine Zufallsmeisterschaft handelte, bewiesen die Frankfurter im nächsten Jahr als sie ins Endspiel des Europapokals einzogen und dort in einem sensationellen Spiel Real Madrid mit 3:7 unterlagen. Für etwas Freude im Westen sorgte allein Schwarz-Weiß Essen mit dem überraschenden DFB-Pokalsieg (Ý Gr. Erfolge).