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revierkick

Spielzeit 1959/60

Traska flüchtet, Rahn geht

Die erste Bestleistung steht schon vor dem Saison-Anpfiff-Fest. Der Elf von Hamborn 07 ist nach ihrem vierten Aufstieg der Fahrstuhl-Nachkriegsrekord kaum noch zu nehmen. Zum Dank verlängert der Vorstand die Verträge mit allen Spielern, um danach ausgerechnet Trainer Fuchs gehen zu lassen. Seinen Platz übernimmt der mit allen Duisburger Wassern gewaschene Fred Harthaus.

Pünktlich zum Saisonbeginn ist auch Helmut Traska wieder da. Mit allen Mitteln war die Horster Keeperhoffnung von den Aufkäufern der Liga bedrängt worden. Als schließlich sogar ein nichtbestellter, von Oberhausener Vereinsfreunden gecharterter Möbelwagen aufzukreuzen droht, entschließt sich Traska zur Flucht. Unbestätigt bleibt die durch sämtliche Medien geisternde Meldung, Helmut sei in ein Landhaus des Oberhausener Obmanns Biederbeck entführt worden. Präsident Peter Maaßen: „Sportskamerad Biederbeck wäre glücklich, wenn er ein Landhaus besitzen würde.“ Vielleicht hatte Maaßen ja selbst eines. Als Traska zum ersten Spieltag aufläuft, trägt er jedenfalls das Kleeblatt-Trikot.

Ein Spieler-Wechsel ganz anderer Größenordnung ist der Kölner Coup mit Helmut Rahn. Der „Boß“, 1958 fünffacher WM-Torschütze und auf Platz drei in der Wertung „Europas Fußballer des Jahres“, wird aufgrund zahlreicher Eskapaden, die ihm u.a. auch den Führerschein gekostet haben, von Rot-Weiss Essen freigegeben. „Kann der 1.FC Köln Rahn an die Kette legen?“ lautet die meistbesprochene Frage. Nach der Saison 1959/60, die den Geißböcken einen glänzend herausgespielten West-Titel bringt, liefert der auf dem Rasen erfolgreiche, privat aber eigenwillige Helmut die Antwort selbst: „Wenn Sie mit mir nackend in die Wüste gehen, komme ich im Anzug wieder“ und verschwindet, für die gesamte Liga unfassbar, zum holländischen SC Enschede. Die Oberliga West sieht ihn nie wieder. Zur ersten Bundesliga-Saison aber tritt Rahn noch einmal im Zebradress des MSV Duisburg an.

Helmuts Abgang wirkt wie ein Zeichen. Die neue Stürmergeneration heißt „Max und Moritz“ (so wird das sich blind verstehende Dortmunder Sturmduo Jürgen Schütz und Friedhelm Konietzka im Volksmund genannt) oder „Müller“ (Vorname: Christian, vom 1.FC Köln, doch entscheidender ist der Nachname, der bis in die Achtziger eine geradezu verpflichtende Goalgettertradition werden sollte) und weicht ab vom Uralt-Bild des Reißertypen hin zum mitdenkenden und -spielenden Torjäger.

Ein Novum, das in der Oberliga West auch nachher nicht mehr erreicht wird, hat ebenfalls mit der Trefferquote zu tun. Erstmals steigt mit dem Tabellenletzten Schwarz-Weiß Essen ein Verein mit positivem Torverhältnis ab! Dass die Essener noch bis zum drittletzten Spieltag auf dem 11. Platz rangieren, zeigt, wie knapp die Abstiegsentscheidung in diesem Jahr ist. Ganze vier Punkte sind es schließlich, die die Uhlenkrug-Elf von dem sechstplatzierten Lokalrivalen Rot-Weiss Essen trennt. Wie dünn die Luft der Liga ist, beweist auch der „Fall Brocker“, der den Meidericher SV und Schalke 04 (0:1) zur Verlängerung an den grünen Tisch und den Duisburgern letztlich einen „0:0-Sieg“ (der Schalker Brocker hatte trotz vorheriger dreimaliger Verwarnung mitgewirkt) bringt. Erst durch diesen doppelten Kadi-Punktgewinn aber klettert der MSV vom vorletzten auf den achten(!) Platz.

 

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Endrunde um die Deutsche Meisterschaft 1960

„The same procedure as last year?“ – Beinah jedenfalls. Wieder ließ sich Westfalia Herne unter Wert abspeisen. Nach einer spektakulären 4:5-Niederlage gegen den KSC – „Ich könnte heulen. Seitdem ich Fußball spiele verlor ich noch nie so unglücklich und unverdient wie heute“, so Helmut Benthaus – brachen die beiden bitteren Niederlagen gegen den HSV die Moral der Mannschaft. In beiden Partien waren die Herner in den Augen der Presse die spielstärkere Mannschaft gewesen, die aber letztlich am „Phänomen Uwe Seeler“ scheiterte. Endlich erreichte auch der mit Nationalspielern gespickte 1.FC Köln zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte das Meisterschaftsfinale. Die Domstädter spielten dort lange Zeit selbstbewusst und überlegen. Nach ihrem Führungstreffer feierten sie jedoch zu lange, so dass im direkten Gegenzug Uwe Seeler den Ausgleich markieren konnte. Danach war das Spiel bis zum Schluss offen. In der 86. Minute erzielte erneut Uwe Seeler den entscheidenden Siegtreffer. Nach zwei Endspielniederlagen (1957 und 1958) konnte die junge Hamburger Mannschaft mit dem Durchschnittsalter von 24 Jahren zu guter Letzt ihren Meistertitel feiern.