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revierkick

Spielzeit 1960/61

Hennes’ Superfete und die Euro-Liga

Die kuriosesten Töne kommen aus dem Hause Weisweiler. Nach einem 2:1-Sieg gegen Borussia Dortmund kommt es in der Wohnung des Viktoria Köln-Trainers zu einer zünftigen Siegesfeier, die umso feuchter ausfällt, als man mit der 0:2-Niederlage des Kölner Stadtrivalen FC in Schalke noch einen zweiten Grund zur Ausgelassenheit findet. Sangesfreudig stimmt die selige Becher-Belegschaft nach der Melodie eines Weihnachtsliedes ein „FC hat verloren – Viktoria ward geboren, freue Dich oh Neubauer“ an. Der Angesprochene Heinz Neubauer, Fußballobmann der Geißböcke und mit Weisweiler gemeinsamer Hausbesitzer, hockt derweil ein Stockwerk tiefer und grimmt ob der gemeinen Schmähungen vor sich hin. Ein paar Tage später kündigt der FC, bei dem man sich plötzlich wieder an eine mysteriöse, nach einem verlorenen Endrundenspiel kursierende Todesanzeige „Geißbock verstorben“ erinnert, durch seinen Präsidenten Kremer der Viktoria offiziell die Freundschaft.

Laut, aber nicht so heiter-provinziell ist es auch im Frankfurter Römer. Der 12. Nachkriegsbundestag des Deutschen Fußballbundes beschließt, nun scheinbar endgültig, die Einführung der Bundesliga ab 1962. Die plötzliche Übereinstimmung in Sachen „Berufsfußballer“ verbirgt jedoch eine längst überfällige Bankrotterklärung des DFB-Kontrollausschusses. Man könne mit Buchprüfungen und unverhofften Kontrollen alten Stils sowieso keine Statuten-Sünder mehr erwischen, erklärt Curt Müller, Vater der Vertragsspielerverfassung. Darum habe man sie einfach aufgegeben. Ein zweiter, in den letzten Jahren immer aktueller werdender Beweggrund zur Kicker-Rationalisierung ist der drohende Liga-Ausverkauf in die sonnigen Lira- und Peseten-Ligen.

Auch wenn Deutschlands einteilige Fußball-Utopie erst ein Jahr später Wirklichkeit wird, weitaus mehr daneben liegt der in diesen Tagen vieldiskutierte Plan des langjährigen Schweizer Nationaltrainers Karl Rappan, wonach schon ab Juni 1961 (!) eine „Europäische Clubmeisterschaft“ starten soll, für die 10–12 Nationen mit ihren vier bis sechs besten Clubs vorgesehen sind.

Dass Rappans Projekt und die geheimen Wünsche der Luftfahrtindustrie an der UEFA scheitern, kratzt zumindest an der Essener Hafenstraße keine Fußballseele. Ausgerechnet in dieser Saison verlässt mit Rot-Weiss Essen eine der auch international prominentesten Mannschaften die Oberligabühne. Über 100 Spiele gegen ausländische Spitzenteams: Kein deutscher Verein hatte in dieser Hinsicht zwischen 1950 und 1957 mehr zu bieten. Dass Essens Keeper Herkenrath mit 46 Gegen-Treffem nicht mehr hinnehmen muss als sein Kollege Kwiatkowski, der mit seiner Borussia am Ende immerhin Tabellenzweiter wird, deckt die Sturmschwächen der Bergeborbecker im „Jahr zwei nach Rahn“ schonungslos auf. Trotz Islacker, Vordenbäumen, Hornig und Pfeiffer schießen sie in zwölf Spielen kein Tor.

Der ungewohnten Abstiegsstille an der Hafenstraße aber folgt der Aufstiegsjubel am Uhlenkrug. Im Sommer 1961 heißt es für Essens Fußballfans zum ersten Mal: Schwarz-Weiß vor Rot-Weiß. Das sind Gefühle, die nur noch in Köln verstanden werden. Denn dort wird der Weisweiler-geschmähte 1.FC Köln West-Meister. Und das dürfte besonders in den Parterrewänden des Heinz Neubauer wieder für geregelte Verhältnisse gesorgt haben.

 

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Endrunde um die Deutsche Meisterschaft 1961

Ohne Zweifel zeichnete sich bereits zu Beginn der Endrundenpartien der Siegeszug des 1.FC Nürnberg ab. Die junge Mannschaft um den 36-jährigen Routinier Max Morlock hatte nicht nur trotz so starker Gegner wie Eintracht Frankfurt und dem Karlsruher SC die Oberliga Süd beherrscht, sondern marschierte auch ungeschlagen durch die Gruppe 2. Sogar beim Westmeister 1.FC Köln gewann der „Club“ mit 2:1. Die Kölner, die sich unter ihrem Boss Franz Kremer zu einem der modernsten Vereine der Bundesrepublik entwickelten, scheiterten auf dem Rasen mal wieder an ihren eigenen Ansprüchen. Vor allem die überraschende 3:4-Heimniederlage gegen den krassen Außenseiter Hertha BSC, der zuvor in 180 Endrunden-Minuten kein Tor zustande bekam, ließ alle Endspielhoffnungen zunichte werden. Die routinierten Dortmunder Borussen hingegen kämpften sich durch zwei großartige Siege, 2:1 in Frankfurt und 7:2 gegen den amtierenden Meister Hamburger SV, der zu diesem Zeitpunkt ebenfalls noch Ambitionen auf die Titelverteidigung hatte, ins Finale, wo sie jedoch gegen den 1.FC Nürnberg keine Chance hatten (Ý Gr. Erfolge). Die Franken setzten sich mit dieser achten Meisterschaft der Vereinsgeschichte wieder die Krone des Rekordmeisters auf.