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revierkick

Spielzeit 1961/62

Die Oberliga ist tot, es lebe die Oberliga?

Es ist ein Jahr zwischen Gestern und Morgen. Sportlich dominiert mit dem 1. FC Köln eindeutig die Zukunft. Dessen dritte Westmeisterschaft hintereinander holt nicht nur den alten Dortmunder Rekord ein, sondern entwickelt sich zum Startblock für einen souveränen Kölner Durchmarsch in der Deutschen Endrunde. Hinter den Kulissen hat Kölns Präsident Franz Kremer sein großes Jahr. 103:26 heißt es im Sommer 1962 für seine Bundesliga-Pläne vor dem Bundestag des DFB. Doch war das Ergebnis wirklich so klar wie der erste Victoria-Gewinn seiner Kicker?

Innerhalb der Saison jedenfalls überwiegt der Blick zurück. Im Februar 1962 werden im Südwesten wegen des Grubenunglücks auf der Saar-Schachtanlage Luisenthal alle Spiele abgesagt. Auch der Fußball im Westen, insbesondere in den Kohlerevieren an der Ruhr und um Aachen, trauert um die Opfer. Die Zechen haben auf Halbmast geflaggt, die Oberliga-Begegnungen werden für eine Gedenkminute unterbrochen. Schalke 04 bittet seine Zuschauer bei einem Flutlichtspiel in der Glückauf-Kampfbahn, zur Pause ein Streichholz zu entzünden. Noch einmal erinnert man sich in der „Stadt der tausend Feuer“ der Anfänge des westlichen Kickertums. Die Kumpels waren es, die neben ihrer Brieftaubenkultur den Fußballsport zu ihrem Liebling erkoren. Auf ihre Initiative geht die Gründung so vieler Fußballvereine im Westen zurück.

Überhaupt ist in diesen Tagen die Frage nach dem woher und wohin des Fußballs das Hauptthema. Plötzlich ist die gute, alte Oberliga wieder in. Auf einer Tagung des Westdeutschen Fußballverbands jedenfalls beschließt die Mehrheit der Vertragsvereine ein sensationelles Nein zu der zuvor vom DFB auf 1963 verschobenen Eliteneugründung. Ihre Sprecher Peter Maaßen (Rot-Weiß Oberhausen) – der zusätzlich ein hektographiertes Rundschreiben unter Pseudonym verfasst haben soll – und Peter Havers (Hamborn 07) prophezeien den Verlust der Liga-Volkstümlichkeit. Noch weiß niemand, dass dies das letzte Aufbäumen der Verfechter des Amateurgedankens sein wird. Franz Kremer, einflussreicher Vorsitzender der Interessengemeinschaft der Vertragsvereine (IG), sieht noch zu diesem Zeitpunkt wie der sichere Verlierer aus und mobilisiert die letzten Funktionärskräfte. Für kurze Zeit scheint sogar eine „wilde Bundesliga“ möglich. Unerwartete Schützenhilfe erhält er von der ersten großen Italo-Legionärswelle (Szymaniak, Brülls, Geiger, Haller, schon im Gespräch: Schnellinger), der die Oberligen hilf- und banknotenlos gegenüberstehen, und dem „Fall König“, der Schalkes Vorsitzenden Hans-Georg König wegen Unterschlagung von Steuer- und Eintrittsgeldern sogar vor ein ordentliches Gericht bringt. Während Kremer imageträchtig seinen Schnellinger nicht für eine Million herzugeben gedenkt, haut eine zusammengetrommelte Protestversammlung Schalker Vereinsmitglieder, die Königs Vereinsinteresse hochleben lässt und sämtliche Anklagepunkte auf das unzulängliche Vertragsspielerstatut zurückführt, ungewollt in Kremers Kerbe. Die Stimmung schlägt um… . Erst am 28. Juli 1962 bestätigt der Bundestag des DFB das neue Kickerzeitalter. Dass allerdings niemand dieses Ergebnis sicher vorherzusagen wagte, zeigt wie knapp ein 103:26 sein kann.

 

1962köln bild

 

Endrunde zur Deutschen Meisterschaft 1962

Aufgrund der WM in Chile fand wieder nur eine verkürzte Endrunde statt, für die sich nach vier Jahren Abstinenz auch wieder Schalke 04 qualifizierte. Die Schalker konnten sich im Entscheidungsspiel gegen Werder Bremen, den Vizemeister des Nordens, nach Toren von Ipta, Koslowski, Asmy und Klodt mit 4:1 nach Verlängerung durchsetzen. Auch in den Gruppenspielen agierte die Mannschaft um Routinier Berni Klodt erfolgreich, so dass es am 5. Mai 1962 im Nürnberger Frankenstadion gegen den „Club“ zu einem Endspiel um den Finaleinzug kam. Willi Koslowski, der letzte gelernte Bergmann in den Reihen der Knappen, brachte seine Mannschaft mit 1:0 in Führung. Dann aber schlug der „Dienstälteste“ auf dem Platz zu: Max Morlock brachte mit zwei Treffern innerhalb von vier Minuten (28., 32.) die Franken auf die Siegerstraße, die schließlich, in einem insgesamt wenig begeisternden Spiel, nach einem Kopfballtor von Gustav Flachenecker zum 3:1 direkt nach Berlin führte. In Gruppe 2 lieferte der 1.FC Köln eine Demonstration des „modernen Fußballs“ ab, so der ‚Kicker‘, und galt nicht erst seit dem 10:0-Sieg über den FK Pirmasens als Favorit des Finales, in dem allgemein anerkannt die beiden besten deutschen Vereinsmannschaften standen. Dennoch sollte das Spiel im Berliner Olympiastadion zu einem Triumph für die Domstädter und zum Waterloo für den „Club“ werden. Hans Schäfer, die Schlüsselfigur des Kölner Sieges, leitete die Torreigen durch einen fulminanten Schuss von der Strafraumgrenze selbst ein. Danach ließen die Kölner mit einer starken Mannschaftsleistung keinen Zweifel mehr aufkommen. Am Ende hieß es 4:0, und rund um das Geißbockheim durfte endlich die erste Meisterschaft gefeiert werden.