Impressum | Kontakt

revierkick

Die großen Erfolge

Rot-Weiss Essen Pokalsieger 1953

Der „erste“ Pott geht ins Revier

Es war ein weiteres Stückchen auf dem Weg in eine gesellschaftliche Normalität der jungen Bundesrepublik, als der DFB dem Drängen der Vereine nach der Wiedereinführung eines Liga-übergreifenden K.o.-Wettbewerbs nachkam. Neun Jahre nach dem letzten Endspiel um den damaligen „von-Tschammer-Pokal“ wurde 1952/53 zum ersten Mal der „DFB-Vereinspokal“ installiert. Anders als in der Vorkriegszeit wurde der Wettbewerb allerdings auch im Saisonverlauf und nicht im Jahresverlauf ausgespielt. Alle Vereine, die dem DFB angeschlossen waren, hatten die Möglichkeit, teilzunehmen. Auf regionale Ausscheidungsrunden folgte schließlich im August 1952 die erste Hauptrunde, die im K.o.-System bis zum Finale führte. Der neue Pokalwettbewerb brauchte jedoch über zehn Jahre, um wirklich eine Reputation und einen eigenen Glanz zu bekommen. Selbst die DFB-Verantwortlichen standen dem Wettbewerb anfangs distanziert gegenüber. So zog es die gesamte Funktionärsprominenz um DFB-Präsident Peco Bauwens vor, statt das erste deutsche Pokalfinale in Düsseldorf zu besuchen, einer Einladung zum parallel stattfindenden englischen Cup-Final nach Wembley zu folgen. Eine selbstherrliche Entscheidung, die in der Sport-Öffentlichkeit heftig kritisiert wurde.

Ein westdeutsches Finale

Der Begeisterung der Fans tat die Ignoranz der DFB-Spitze keinen Abbruch. Mit Alemannia Aachen und Rot-Weiss Essen standen sich zwei westdeutsche Mannschaften im ersten Pokalfinale gegenüber, und aus beiden Städten setzten sich die Anhänger an diesem wunderschönen und heißen 1. Mai 1953 mit Bus, Bahn und mit den wenigen Privat-PKWs nach Düsseldorf in Bewegung. 38.000 Zuschauer sorgten im Rheinstadion mit ihren Anfeuerungsgesängen schon vor dem Anpfiff für eine „würdige“ Atmosphäre. Alemannia gegen RWE – die Duelle der beiden Gründungsmitglieder der Oberliga West hatten auch damals schon Tradition. Und es war auch das Aufeinandertreffen zweier „Stars“: auf der einen Seite Essens Kapitän August Gottschalk und auf der anderen Seite Aachens Sturmführer Jupp Derwall, der spätere Bundestrainer. Die Zuschauer jedenfalls fieberten dem Spiel entgegen und sie sollten tatsächlich ein spannungsgeladenes und hochklassiges Spiel zu sehen bekommen, das jeden Pfennig des Eintrittsgeldes wert war.

Die Aachener begannen recht stürmisch, stellten Fritz Herkenrath schon gleich in der Anfangsphase mehrmals auf die Probe, die er wie gewohnt mit Bravour meisterte. Nach und nach stabilisierte sich dann die Essener Hintermannschaft. Abromeit bekam den gefährlichen Mittelfeld-Motor Pfeiffer immer besser in den Griff, Jahnels Aufbauarbeit wurde druckvoller. Je sicherer das Rot-Weiss-Spiel wurde, desto mehr schwand das Aachener Selbstbewusstsein. Die RWE-Stürmer sorgten nun ihrerseits für Verwirrung in der gegnerischen Abwehr. Rahn, Islacker und Termath versetzten ihre Gegenspieler ein um das andere Mal, spielten die klareren Tormöglichkeiten heraus. In der 12. Minute zischte eine Rahn-Bombe nur knapp an dem von Heinrichs gehüteten Gehäuse vorbei, Richter nahm Islacker den Ball vom einschussbereiten Fuß. Gottschalks Kopfbälle verfehlten nur um wenige Zentimeter ihr Ziel.

Penny fackelte nicht lange

Schließlich konnte es Köchling nicht mehr mit ansehen, welche dicken Chancen seine Mannschaftskameraden serienweise vergaben. Nachdem er Aachens Rechtsaußen den Ball vom Fuß genommen hatte, trieb er das runde Leder bis zur Mittellinie, um dann Islacker mit einem brillanten 40-m-Paß zu bedienen. „Penny“ fackelte nicht lange und „schaufelte“ den Ball von der Strafraumgrenze ins Netz. Der 0:1-Rückstand beim Seitenwechsel schmeichelte den Kaiserstädtern, die nur mit viel Glück weitere Treffer verhindern konnten. „Es ist nicht übertrieben: Zur Pause hätte Rot-Weiss gut und gern 3:0 führen können“, schrieb der WAZ-Redakteur Ludger Ströter damals.

Die zweite Halbzeit begann so, wie die erste geendet hatte. Mit stürmischen Angriffen der in ihren Vereinsfarben spielenden Essener. Sie wollten unbedingt ein schnelles zweites Tor, das ihnen auch gelang. Gottschalk passte von der Außenlinie zum „Boss“, der in seiner unnachahmlichen Art gleich drei Mann aussteigen ließ und den Ball aus Mittelstürmerposition mit dem linken Fuß ins linke Toreck knallte. Eine Vorentscheidung schien gefallen. Kurz darauf verpasste Abromeit sogar das 3:0, als er freistehend ein kluges Zuspiel von Termath vergab.

Urplötzlich war die Begegnung dann wieder völlig offen. Jupp Derwall hatte für alle überraschend aus fast 25 Metern abgezogen und mit einem platzierten Schuss unter die Latte Keeper Herkenrath keine Abwehrmöglichkeit gelassen. Die Alemannen witterten nun ihre Chance, das Steuer vielleicht doch noch herumzureißen. 34 Minuten waren noch zu spielen. Angefeuert von ihren in über 80 Bussen angereisten Anhängern, drängten sie mächtig auf den Ausgleich. Auch die große Schar der Essener Fans, die eindeutig in der Mehrheit waren, stärkte ihrer Elf den Rücken, als sie spürte, dass es noch einmal brenzlig werden konnte. Die Abwehr mit Herkenrath, Göbel, Köchling und Wewers hatte Schwerstarbeit zu leisten. Die Entlastungsangriffe über Rahn und Gottschalk blieben aber auch weiterhin brandgefährlich. Ein raffinierter Kopfball Abromeits wurde von Heinrichs erst im letzten Moment unschädlich gemacht. Als die gesamte Aachener Abwehr ausgespielt wurde, stand Abromeit leider im Abseits.

Mit den Kräften am Ende

In der Schlussphase forderte das schnelle Spiel bei annähernd 25 Grad Wärme seinen Tribut von allen 22 Aktiven. Die Aktionen im Brutkessel Rheinstadion wurden immer langsamer, der Schlusspfiff des aufmerksamen Schiedsrichters Reinhard aus Stuttgart von fast allen herbeigesehnt. Auch von den Gelb-Schwarzen, die mit ihren Kräften total am Ende waren. In den letzten Minuten der Partie hatten sie angefangen, zu resignieren. Das dauernde vergebliche Anstürmen hatte sie nicht nur körperlich, sondern auch seelisch zermürbt. Zudem waren Islacker und Termath auf der einen Seite sowie Coenen und Derwall auf der anderen Seite angeschlagen. Die Zuschauer, insbesondere natürlich die Essener, hofften, dass ihnen eine Verlängerung erspart bleiben würde.

Der letzte Pfiff des Unparteiischen setzte dann einen Schlusspunkt unter eine Begegnung, die beiden Teams alles abverlangt und dem Publikum alles geboten hatte, was ein Fußballspiel bieten kann: Herrliche Tore, spielerische und kämpferische Glanzpunkte sowie Spannung und Dramatik. Der Wille zum Sieg stand von Anfang an im Vordergrund und ließ die taktischen Anweisungen schnell vergessen.

„Jahnels Regie, Rahns Rasanz und Herkenraths Paraden sicherten Essens Sieg“, überschrieb das „Sport-Magazin“ seinen Endspielbericht, in dem aber auch die Leistung des unterlegenen Außenseiters gewürdigt wurde, deren Trainer Hermann Lindemann vor allem psychologische Faktoren als Ursache für die Niederlage anführte: „Die Endspielbelastung hat uns, im Gegensatz zu den großkampfgewohnten Essenern, erdrückt.“ Essens Trainer Karl Hohmann erklärte im Hinblick auf die Reputation des neugegründeten Wettbewerbs: „Ich bin nicht der Meinung, dass dieser Wettbewerb ohne Interesse ist, wenn keine süddeutschen Mannschaften (im Finale) teilnehmen. Schließlich hatten es unsere süddeutschen Kameraden selbst in der Hand, als sie von uns und Aachen bezwungen wurden. Ich glaube, dass beide Mannschaften dazu beigetragen haben, dass der Pokal wieder populär wird.“ Und im Hinblick auf die unterlegenen Alemannen setzte er noch hinzu. „Es kann nur einer gewinnen, diesmal waren wir die glücklicheren!“

Der Pokal ging jedenfalls in die Ruhrmetropole, zur Hafenstraße. Abgekämpft, doch glücklich nahmen die Rot-Weissen unter dem frenetischen Jubel der zahlreichen RWE-Anhänger den „Pott“ entgegen. Dass der Erfolg verdient war, wurde von keinem angezweifelt, zu überlegen hatte die Truppe über weite Strecken, insbesondere von der 10. bis zur 60. Minute, die Begegnung gestaltet. Dass die Essener Bevölkerung ihrem Pokalsieger einen herzlichen Empfang bereitete, war für die damalige Zeit eine Selbstverständlichkeit.

Bildrwe53