Impressum | Kontakt

revierkick

Die großen Erfolge

Rot-Weiss Essen Deutscher Meister 1955

Der größte Triumph

Es gibt sicher viele Höhepunkte in der Geschichte des SC Rot-Weiss Essen, an die sich die Mitglieder und Anhänger des Klubs gerne erinnern. Den zweifellos größten Triumph aber feierte der Verein am 26. Juni 1955 mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft. Durch einen 4:3-Endspielsieg über den 1. FC Kaiserslautern konnte sich RWE in das „Buch der Geschichte des DFB“ eintragen und der Vereinschronik ein einzigartiges Ruhmesblatt hinzufügen.

In der Endrunde hatten die Bergeborbecker Kickers Offenbach, Wormatia Worms und Bremerhaven 93 eindeutig auf die Plätze verwiesen. Dennoch ging der 1. FC Kaiserslautern als Favorit in das Finale. Bereits zweimal hatten die Pfälzer, die sich mit einem zweistelligen Erfolg über Viktoria 89 Berlin für das Endspiel qualifizierten, in den letzten vier Jahren den Titel erringen können. Außerdem standen mit Fritz Walter, Liebrich, Kohlmeyer und Eckel vier Spieler in ihren Reihen, die ein Jahr zuvor im Berner Wankdorf-Stadion Weltmeister geworden waren.

Die letzten Tage vor dem großen Spiel verbringt RWE in Bigge im Sauerland. Hier soll die Elf von Trainer Fritz Szepan den letzten Schliff bekommen, aber auch Kraft tanken und sich erholen, um ausgeruht und konzentriert die Reise zum Endspielort Hannover antreten zu können. Am 25. Juni schließlich reist das Team unter der Leitung des Ehrenvorsitzenden Georg Melches in die niedersächsische Landeshauptstadt und bezieht im Hotel „Luisenhof“ Quartier. Den Spielern ist keinerlei Nervosität anzumerken, obwohl sie zum ersten Mal um die „Viktoria“ kämpfen. Einen Tag später ist es dann soweit.

Bei herrlichem Sonnenschein sind über 80.000 Besucher, die eine farbenfrohe Kulisse bilden, ins Niedersachsen-Stadion gekommen und warten ungeduldig auf den Anpfiff. Mit unzähligen Privatautos und Sonderzügen sind die Rot-Weiss-Anhänger nach Hannover gepilgert, um „live“ dabei zu sein, wenn der große Wurf gelingt. Unter Jubelrufen, Sirenengeheul, Trompetenstößen und dem Beifall der schon vorher Begeisterten betreten beide Mannschaften den Rasen.

Gleich nach dem Anpfiff von Schiedsrichter Meißner reißen die „Roten Teufel“ vom Betzenberg das Spiel an sich und gehen durch Wenzel schon nach elf Minuten mit 1:0 in Führung. 60 Sekunden später verhindert Herkenrath eine Vorentscheidung zugunsten der Lauterer. Linksaußen Scheffler zieht auf und davon, doch der RWE-Keeper wirft sich ihm mutig und entschlossen entgegen. Der Torwart verletzt sich zwar dabei, kann aber unter großen Schmerzen weiterspielen. Langsam findet RWE ins Spiel. Nach einer Viertelstunde werden die Angriffe druckvoller und sofort gelingt der verdiente Ausgleich. In der 18. Minute verwandelt Penny Islacker eine Flanke von Röhrig zum 1:1.

Entfesselte Essener

Wie entfesselt berennen die Rot-Weissen nun das von Hölz gehütete Tor. Rahn läßt Kohlmeyer und Eckel in seiner unnachahmlichen Manier aussteigen, bedient den freistehenden Röhrig, dessen Kopfball zum 2:1 ins Netz zischt. Nach 27 Minuten liegt der Westmeister also zum ersten Mal in Führung. Die Lauterer antworten mit wütenden Angriffen. Innerhalb von 180 Sekunden erzielen sie vier Eckstöße, die jedoch nichts einbringen. Gottschalk, Rahn, Islacker und Röhrig leiten immer wieder gefährliche Konter ein, die die gegnerische Abwehr mehr als einmal in Verlegenheit bringen.

Trotz der großen Hitze zeigen beide Mannschaften herzerfrischenden Offensiv-Fußball, an dem die 80.000 ihre helle Freude haben. Wenige Augenblicke vor dem Seitenwechsel schweben die vielen mitgereisten Essener im „siebenten Fußballhimmel“. Islacker umdribbelt seinen Gegenspieler Render, schießt flach ins lange Eck. Hölz hat erneut keine Abwehrchance. Pennys Geschoss zappelt im Netz. Zwei Tore Vorsprung zur Pause sind selbst für die Optimisten eine angenehme Überraschung, auch wenn es keinen Zweifel gibt, dass die Führung in dieser Höhe verdient ist. Den RWE-Fans schmeckt das Bier in der Pause auf jeden Fall ausgezeichnet.

Wie nicht anders erwartet, versucht die Walter-Elf, das Steuer in den zweiten 45 Minuten noch herumzureißen. Liebrich spielt nun Mittelstürmer, während Render die Liberoposition übernimmt. Doch noch läuft das Essener Spiel – immer wieder angetrieben von August Gottschalk – auf Hochtouren.

In der 55. Minute fordern die Pfälzer lautstark Elfmeter, als Herkenrath sich dem anstürmenden Wanger entgegenwirft und ihn dabei (angeblich) behindert. Der gut postierte Schiedsrichter winkt ab und läßt weiterspielen. Doch dann passiert es doch. Liebrich flankt von der rechten Seite und Wenzel läßt Fritz Herkenrath mit seinem wuchtigen Kopfstoß zum zweiten Mal keine Abwehrmöglichkeit. Die Begegnung ist also wieder offen, die Härte nimmt zu. Rahn hat in der 65. und 68. Minute zwei Einschussmöglichkeiten, die Render bzw. Hölz im letzten Augenblick zur Ecke abwehren.

Dann haben die Essener Schlachtenbummler bange Minuten zu überstehen. Islacker verletzt sich im Zweikampf mit Eckel, muß vom Platz getragen werden, wo sich Dr. Kargus und Fritz Szepan intensiv um ihn bemühen. Die dezimierte Mannschaft muß sich jetzt verstärkt den Lauterer Angriffen erwehren. Scheffler dringt in den Strafraum ein, stürzt mit Jahnel, Jänisch und Herkenrath zu Boden. Der Unparteiische zeigt zur Verwunderung der Rot-Weissen auf den ominösen Punkt und Baßler läßt sich 18 Minuten vor Schluss die große Möglichkeit nicht entgehen, verwandelt knallhart zum 3:3 unter die Latte.

Das Stadion gleicht einem Tollhaus. Jeder weiß, wer das nächste Tor erzielt, ist Deutscher Meister. Stimmgewaltig versuchen die Fans, ihre Mannschaften nach vorne zu treiben. Penny Islacker kehrt zwar wenig später auf das Spielfeld zurück, muß es aber kurze Zeit darauf erneut verlassen, um behandelt zu werden.

Hochspannung in der Schlussphase

In der 84. Minute stockt den Anhängern aus der Ruhrmetropole der Atem. Fritz Walter hebt den Ball in den Strafraum, drei Lauterer drücken die runde Lederkugel über die Linie. Der Sieg für die Pfälzer? Nein! In den Anfeuerungsrufen war der Pfiff des Schiedsrichters, der die klare Abseitsposition des Trios erkannt hatte, untergegangen. Islacker beißt noch einmal die Zähne zusammen, macht einen letzten Versuch, die Partie bis zum Ende durchzustehen.

Noch fünf Minuten zu spielen. Die Spannung ist kaum noch zu überbieten, da setzt sich der dribbelstarke Termath auf der rechten Seite gegen Render durch, zieht den Ball nahe der Auslinie nach innen. Mit letzter Kraft wirft sich der schwer angeschlagene Islacker in die Flanke und köpft wuchtig am verdutzten Hölz vorbei ins Netz. Baßler reklamiert zwar Abseits, doch der Mann in Schwarz erkennt auf Tor, da auch der Linienrichter zur Mitte zeigt.

In den letzten 300 Sekunden mobilisieren die Essener, beflügelt durch den Führungstreffer, die letzten Reserven und bringen den Vorsprung sicher über die Zeit, obwohl der Unparteiische die Nerven der Fans noch stärker strapaziert, weil er drei Minuten nachspielen lässt. Mit dem Abpfiff steht es fest: Rot-Weiss Essen ist Deutscher Meister! Der erste Nachkriegs-Titelträger des Westens. Das Niedersachsen-Stadion gleicht anschließend einem Fahnenmeer in Rot und Weiss. Die Anhänger stürmen den Rasen, heben die Spieler auf ihre Schultern. Der Jubel kennt keine Grenzen.

Spieler, Verantwortliche und Schlachtenbummler lassen sich ihre ausgelassene Freude auch nicht durch das anschließend wenig sportliche Verhalten der Walter-Elf nehmen. Hölz, Baßler und Kohlmeyer sind erst nach besonderer Aufforderung bereit, zur Siegerehrung zu erscheinen. Zum anschließenden Bankett kommen die Lauterer mit zweistündiger Verspätung und am gleichen Abend legt der 1. FC Kaiserslautern offiziell Protest gegen die Wertung des Endspiels ein. Der wird jedoch, wie nicht anders erwartet, am nächsten Vormittag als unbegründet zurückgewiesen. Auch die Berufung vor dem DFB-Bundesgericht wird verworfen.

Mit dem sicheren Gefühl, ein verdienter und würdiger Meister zu sein, verlässt die RWE-Delegation am 27. Juni die Stätte ihres großen Erfolges. Schon auf der Heimreise wird der Verein in Oelde, Dortmund und Bochum von den dort ansässigen Klubs, die ihre Freude über den Sieg des West-Teams spontan zum Ausdruck bringen, geehrt.

„Essen rüstet sich, den Deutschen Meister gebührend zu empfangen“, so lautet die Schlagzeile einer Morgenzeitung, die die Spieler noch in Hannover lesen. Darum sind die Akteure auf einiges vorbereitet. Dass es aber solch ein begeisternder oder besser triumphaler Empfang wird, das kann wirklich niemand ahnen. Tränen stehen den Rot-Weissen in den Augen, als sie aus dem Bahnhof treten. Der Vorplatz ist von einer Menschenmenge überflutet. Man kann sein eigenes Wort nicht mehr verstehen, denn der Jubelschrei der Massen übertönt alles. Nur mit Mühe können die Gefeierten zu ihren Fahrzeugen gelangen. Der Triumphzug durch Essen beginnt. Im Saalbau gibt es zunächst eine kurze Erholungspause. In seiner Ansprache ruft Oberbürgermeister Dr. Toussaint den Spielern und Offiziellen zu: „Die Stadt Essen ist stolz auf euch, nicht nur weil ihr den Sieg in die Ruhrgebietsmetropole geholt habt, sondern weil ihr den Titel in vorbildlicher sportlicher Haltung erstritten habt. Ihr seid eine würdige Meisterelf.“

Vom Saalbau aus geht die Fahrt nach Bergeborbeck. Menschen jeden Alters und aller Berufsgruppen erwarten beängstigend dicht gedrängt die Ankunft der Mannschaft. Noch nie hat die Stadt eine derart herzliche Anteilnahme der Bevölkerung erlebt, die in unbeschreiblichem Jubel ihre Anhänglichkeit zum Verein und zur Erringung der Deutschen Meisterschaft zum Ausdruck bringt. Am Festzelt gegenüber dem Stadiongelände ist die einmalige Fahrt beendet. Mühsam bahnen sich die Spieler einen Weg ins Zelt, wo eine lange Nacht beginnt.

Bild 1955rwe