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Die großen Erfolge

SV Sodingen Endrunde Deutsche Meisterschaft 1955

Vom Glanz des Kometen

Tausende von Zuschauern säumten das Spielfeld, saßen und lagen auf dem Rasen, dessen Umrandungen nur noch zu erahnen waren. Jeder Quadratzentimeter der Schalker Glückauf- Kampfbahn war besetzt, und insgesamt drängten sich etwa 55.000 Menschen im bis zum Bersten gefüllten Rund. 43.000 davon waren mit gültigen Eintrittskarten ins Stadion gelangt, während sich Tausende über durchbrochene Absperrungen den Zutritt verschafft hatten. Weitere 10.000 – viele davon mit einer gültigen Eintrittskarte – mussten vor den Eingangstoren wieder umkehren. Die Durchführung des Spiels selbst stand auf kippligen Füßen. Um Eckstöße überhaupt ausführen zu können, mussten sich die Spieler erst eine Schneise durch die Menschenmenge bahnen. Mehrfach unterbrach der Schiedsrichter das Spielgeschehen, und per Lautsprecherdurchsage drohte der DFB sogar mit einem Abbruch, wenn die Zuschauer nicht wenigstens bis hinter die Spielfeldlinien weichen würden. „Es war ein großes Glück, dass die Wellenbrecher in den einzelnen Blocks gehalten haben und dass das Tribünendach nicht gestürmt wurde. Sonst hätte es Verletzte und Tote gegeben“, konstatierte der Westdeutsche Fußball-Verband. Aber welches Fußball-Ereignis hatte am 22. Mai 1955 für einen derartigen Menschenauflauf in der Glückauf-Kampfbahn gesorgt? Die Wiedergeburt des „Schalker Kreisels“? Mitnichten. Der SV Sodingen, die Mannschaft aus der Nachbarstadt Herne, der seine Heimspiele in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft nicht im eigenen Stadion ausführen durfte, spielte gegen den 1.FC Kaiserlautern. Dieses Spiel der „Bergarbeitertruppe“ gegen die „Mannschaft der Nationalspieler“ hatte die ungeahnte Menschenmasse mobilisiert.

Der SVS räumt ab!

Der SV Sodingen, „der Komet des Westens“, wie die Gazetten die Mannschaft respektvoll nannten, strahlte in der Saison 1954/55 heller denn je. Völlig überraschend erreichte der SVS, der in den Jahren zuvor jeweils gegen den Abstieg gekämpft hatte, hinter Rot-Weiss Essen die Vizemeisterschaft und mit einem glatten 3:0-Sieg im Ausscheidungsspiel gegen den SSV Reutlingen gelang sogar die Endrunden-Qualifikation um die ‚Deutsche‘. Die Mannschaft aus dem Bergarbeitervorort demonstrierte auf dem Platz, was auch „auf’m Pütt“ zählte: Kraft, Ausdauer, Zähigkeit und kompromisslose Härte gegen sich selbst und andere. „In der ganzen Meisterschaft, und das war wohl unsere größte Stärke gewesen, wenn der Gegner schlapp machte, die letzten zwanzig Minuten, dann haben wir Dampf gemacht, dann ging das noch mal richtig zur Sache. Und der Heinz Edler sagte dann ‚Abräumen‘. Das hieß nicht, unfair spielen oder so was. Wir sind dann aber keinem Zweikampf aus dem Wege gegangen und haben unsere körperliche Stärke und Kondition richtig eingesetzt“, erzählte der Fördermaschinist auf der Zeche Mont-Cenis und Verteidiger Leo Konopczynski. Selbst Bundestrainer Sepp Herberger stellte fest, dass der „SV Sodingen wohl die einzige deutsche Mannschaft ist, die mit englischer Härte spielt.“ Die Kehrseite der Medaille war allerdings, dass die Grün-Weißen gerade im süddeutschen Raum schnell als „Kloppertruppe“ verschrien waren.

Im ersten Endrundenspiel zeigte der hochfavorisierte Hamburger SV jedenfalls gehörigen Respekt – und das zu Recht: „Sodingen ebenso hart wie Kruppstahl“, schrieb „Der Fußball-Sport“ und sprach von einer wahren Fußballschlacht: „Wenn das Spiel als Maßstab für den diesjährigen Härtegrad in der deutschen Meisterschaft Richtlinie sein soll, dann gehen wir noch ‚lustigen‘ Tagen entgegen. Im Altonaer Volkspark-Stadion waren zeitweilig nicht genug Tragbahren vorhanden, um die Verletzten vom Rasen zu tragen.“ Die Sodinger versuchten die spielerische Überlegenheit der Hamburger durch enormen Kampfgeist auszugleichen. Der 100-Tore-Sturm des Nordens kam nicht wie gewohnt zur Geltung, und Torhüter Sawitzki konnte mit einer imponierenden Leistung mehrfach Chancen von Uwe Seeler und Klaus Stürmer vereiteln. In der zweiten Halbzeit fand der Westzweite immer besser ins Spiel, obwohl die Mannschaft teilweise wegen Verletzungen nur mit acht Feldspielern auskommen musste. In einem dieser unglückseligen Momente in Unterzahl gelang dem HSV schließlich die Führung: Schlegel markierte zehn Minuten vor Schluss mit einem satten Schuss das 1:0. Die Grün-Weißen gaben sich nicht auf, fighteten – und dann der Jubel in der 85. Minute: Der HSV-Keeper Schnoor sprang an einer Flanke vorbei und Linksaußen Franz Wächter nahm den Ball mit dem Körper mit und schob ihn zum Ausgleich ins Netz. Sogleich ertönte der Pfiff des Schiedsrichters, aber statt zum Mittelpunkt zu zeigen, entschied er wegen eines angeblichen Handspiels auf Freistoß für den HSV. Trotz aller Proteste blieb es bei der unglücklichen 0:1-Niederlage. Die Punkte waren weg und darüber konnte auch der klare 5:1-Sieg am nächsten Spieltag über Berlins Meister Viktoria 89 nicht hinwegtäuschen.

Was kann diese Mannschaft kämpfen!

Das Spiel am 22. Mai 1955 gegen den Südwestmeister 1.FC Kaiserslautern in der Glückauf-Kampfbahn hatte also schon einen vorentscheidenden Charakter über den weiteren Verlauf der Endrunde. Die Atmosphäre im überfüllten Stadion glich einem Endspiel. Erwartungsvoll warteten die Zuschauer auf den „Komet des Westens“, den SV Sodingen. Und die Mannschaft zeigte, dass sie nicht nur kämpfen konnte: mit spielerischen Mitteln drückte man die mit den vier Weltmeistern Horst Eckel, Werner Liebrich, Fritz Walter und Werner Kohlmeyer angetretenen Lauterer in die Defensive. Die Sodinger Läuferreihe um Gerdi Harpers und Fritz Gärner organisierte unermüdlich das Angriffsspiel. „Wohl lange nicht mehr mußte Kaiserslauterns Abwehr solches Herzklopfen mitmachen wie heute in der Mitte der zweiten Halbzeit. Mit pausenlosen fließenden Kombinationszügen hetzten die Sodinger die rote Hintermannschaft“, schrieb der „Kicker“, um am Ende festzustellen: „Wir sahen heute eines der packendsten und schönsten Spiele seit langem, würdig einem Endspiel. Ohne Fritz Walters Spielgenie wäre Lautern von den Sturmfluten der offensiven Westfalenelf überwältigt worden“. Am Ende hielten die routinierten Pfälzer ein 2:2-Unentschieden. Werner Liebrich erklärte nach den packenden neunzig Minuten: „Ich bin angenehm überrascht vom SV Sodingen. Ich kann mir nicht erklären, warum dieser Mannschaft Unfairness vorgeworfen wird.“ Bereits eine Woche später gab es ein Wiedersehen der beiden Kontrahenten. Schon beim Einlaufen auf dem Betzenberg wurden die Spieler aus dem Ruhrgebiet ausgepfiffen. „Wenn wir den Sodingern noch einmal begegnen“, so der „Fußball-Sport“, „dann wünschen wir ihnen und uns, dass sie nicht mehr unter dem schlechten Ruf zu leiden haben, der ihnen zu Unrecht in den Südwesten vorauseilt. Das Publikum wollte offensichtlich bestätigt sehen, was die Presse über die Jungens aus dem Kohlenpott verbreitet hatte.“ Wieder einmal spielten die Sodinger gegen den schlechten Ruf an, eine „Kloppertruppe“ zu sein, und erneut gelang es ihnen, sich auf dem Rasen den Respekt des Gegners zu verschaffen. Diesmal dominierten die Lauterer, aber zum Turm in der grün-weißen Abwehrschlacht wurde Leo Konopczynski, der allein sechsmal in letzter Sekunde rettete. Erneut trennte man sich 2:2-Unentschieden. Am Ende musste Fritz Walter beeindruckt feststellen: „Was kann diese Mannschaft kämpfen!“

In der Gruppe schien der Hamburger SV nun der lachende Dritte zu sein, denn nur der erste Platz führte ins Endspiel. Aber bereits eine Woche später wurden die Karten neu gemischt: Kaiserslautern gewann in Hamburg mit 2:1 und Sodingen in Berlin mit 3:2. Vor dem letzten Spieltag lagen also der HSV und Kaiserslautern mit jeweils 7:3 Punkten vor dem SV Sodingen mit 6:4 Punkten. Alle drei Mannschaften hatten noch ihre Chance, ins Finale einzuziehen. Aufgrund der Erfahrungen des Katastrophen-Spiels gegen Lautern verlegten die Verantwortlichen des SVS das letzte Gruppenspiel gegen den HSV ins Müngersdorfer Stadion nach Köln. Auch fern vom Ruhrgebiet, und obwohl es „aus allen Schleusen regnete“, fanden sich 50.000 Zuschauer ein und sahen „ein Spiel ganz nach unserem Herzen“, wie das „Sport-Magazin“ berichtete. Beide Mannschaften schenkten sich nichts und produzierten auf dem seifigen Boden Chancen um Chancen. Der junge Uwe Seeler brachte die Norddeutschen in Führung und auf Finalkurs, aber Willi Demskis unwiderstehlicher Sololauf mit dem Ausgleichstreffer in der 48. Minute durchkreuzte alle HSV-Pläne. „Und dann sah man, daß Fußball auch mit dem Herzen gespielt wird. Dem HSV schien nämlich dieses Verlusttor moralisch das Rückgrat zu brechen. Zehn Minuten und noch länger herrschte nur eine Mannschaft: Sodingen!“, schrieb der „Kicker“. Aber trotz allen Bemühens reichte es für keine der beiden Seiten mehr zum Sieg, der auch nutzlos gewesen wäre: zur gleichen Zeit überrollte Kaiserslautern Viktoria Berlin mit 10:0. Der erste Platz und damit der Einzug ins Endspiel waren vergeben.

Noch Jahre später haderte man in dem kleinen Arbeitervorort mit dem Schicksal: „Hätte der Schiedsrichter im Hamburger Volksparkstadion anders entschieden, und hätten wir eines der Unentschieden gegen Lautern in einen Sieg ummünzen können, was durchaus drin gewesen wäre, hätten wir sogar ins Endspiel einziehen können“, so die „Rechnung“ der Sodinger, die von Fußballplatz zu Fußballplatz und von Kneipe zu Kneipe getragen wurde. Aber jenseits allem Wunschdenkens hatte das „Phänomen SV Sodingen“ im Mai und Juni 1955 den ganzen Fußball-Westen in seinen Bann gezogen. Über 120.000 Zuschauer hatten die drei „Heimspiele“ des krassen Außenseiter verfolgt, der sich im Konzert der Großen hervorragend geschlagen hatte, und dessen Achtungserfolg symbolisch für das „alte Ruhrgebiet“ stand: die Mannschaft aus dem unbekannten Bergarbeitervorort mit den Tugenden des Pütts; die alles dominierende Zeche, mit der die Anhänger, die Spieler und der Vorstand unzertrennlich verbunden waren, und die soziale Nähe zwischen den Fußballern und den Zuschauern, die im selben Stadtteil lebten und in der Arbeitswoche am Schacht oder in der Kaue Gleiche unter Gleichen waren. Noch einmal flackerte für eine kurze Zeit der alte Mythos der Schalker Knappen auf, nur hatten sich die Zeiten doch geändert: im deutschen Wirtschaftswunderland gelang es dem SV Sodingen nicht, sich dauerhaft in der Spitze zu etablieren. Der „Komet des Westens“ leuchtete hell, leidenschaftlich und intensiv, aber auch nur für ein kurzes Jahr.

Bild 1955sodingen