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Die großen Erfolge

Borussia Dortmund Deutscher Meister 1956

Geheimprämie 50 Mark

„Herr Preißler, wollen Sie mich ins Gefängnis bringen?“ Mit hochrotem Kopf soll der BVB-Vor- sitzende Dr. Wilms das Ansinnen von Kapitän Addi Preißler nach einer Meisterschaftsprämie zurückgewiesen haben. „Das DFB-Statut verbietet jede Prämie“, führte der Vorsitzende aus, „wenn ich Ihnen nur eine Mark zahle, stehe ich mit einem Bein im Zuchthaus.“ So erzählt die Legende über jenen Sonntag, dem 24. Juni 1956, als die Elf vom Borsigplatz im Berliner Olympiastadion den Karlsruher SC mit 4:2 besiegte und zum ersten Mal die Viktoria nach Dortmund holte. Fast fünfzig Jahre sind seit dem vergangen, aber Respekt vor den Kindermännern beim DFB haben die Helden von Berlin immer noch. Nur hinter vorgehaltener Hand wird verraten: Immerhin 50 Mark Geheimprämie wurde dann doch gezahlt – damit sollten sich die Spieler einen schönen Abend auf dem Kudamm gestalten.

Heute lässt sich der BVB bekanntlich weniger lumpen. Damals kassierten die Spieler ein Vertragshonorar von monatlich 400 Mark und bei der Rückkehr in Dortmund den Jubel von 250.000 Menschen. Eineinhalb Stunden brauchte der Autokorso im Begeisterungstaumel für die wenigen hundert Meter vom Bahnhof zum Rathaus. Die Kinder waren in den Vereinsfarben kostümiert, die Herren trugen gelb-schwarze Schlipse. In jenen Tagen der letzte Schrei. Mit Borussias Erfolgen seit Ende der achtziger Jahre begann auch eine Renaissance der alten Oberliga-Veteranen. Viele der Spieler erfuhren seitens des Vereins und der Fans den Respekt und die Anerkennung, die sie verdienten. „Heute werden wir noch mehr verehrt als damals“, freute sich Laufwunder Elwin Schlebrowski, der im Februar 2000 verstarb, über diese späte Genugtuung, und Torwart-Legende Heini Kwiatkowski hat bis heute den Schreibtisch voll Autogrammpost.

Eine turbulente Endrunde

Schon drei Spieltage vor Ende der Saison 1954/55 stand der BVB als neuer Westmeister fest. Trainer Helmut Schneider hatte die Stars und die Arbeiter der Mannschaft zu einem geschlossenen Team geformt, dass neben dem HSV und dem 1.FC Kaiserslautern als Mitfavorit auf die Meisterschaft galt. Der Weg zur deutschen Meisterschaft, so schrieb „Der Fußball-Sport – Das führende Fachblatt des Westens“ bereits im Vorfeld, musste über den Borsigplatz führen. Und im dritten Endrundenspiel untermauerten die Schwarz-Gelben eindrucksvoll diese Vorhersage: der Hamburger SV wurde mit 5:0 demontiert. Gegen das Offensivspiel der Borussen geriet die HSV-Defensive zur „Groteske“, urteilte der „Kicker“, und stempelte den BVB fortan zum Endspielfavoriten: „Der Einfädler (Preißler), der Pendler (Kelbassa) und der Vollstrecker (Niepieklo) – kündeten sie dem staunenden Revier die Weissagung vom zweiten Endspiel der alten Borussia?“ Drei Tage später schossen die Borussen mit einem weiteren Fußball-Brillantfeuerwerk Viktoria Berlin mit 6:0 ab. Für die Gazetten gab es nur noch einen Meisterschaftsfavoriten, bis – bis die junge Hamburger Mannschaft Revanche nahm und den hochgehandelten BVB im Volksparkstadion mit 2:1 niederrang. Die Entscheidung fiel also erst am letzten Spieltag. Der BVB konnte dabei das Endspiel mit einem Sieg aus eigener Kraft erreichen, denn im indirekten Vergleich mit dem HSV hatte der Westmeister das eindeutig bessere Torverhältnis. Erwartungsvoll drängten über 46.000 Zuschauer zum letzten Gruppenspiel gegen den VfB Stuttgart in das total überfüllte Stadion Rote Erde. Die Borussen wirkten nervös und fanden anfangs nicht zu ihrem gewohnten Sturmspiel. Man merkte jedem Spieler die zentnerschwere Last an. In dieser Situation nahm Kapitän und Routinier Adi Preißler entschlossen das Heft des Handelns in die Hand. Seine Tore befreiten die Mannschaft und ebneten den Weg ins Finale, das fast sogar zu einem Revier-Derby geworden wäre, aber Schalke 04 verpasste den Einzug nur durch den berüchtigten „Tor-Quotienten“. Der Endspielgegner der Borussen hieß nun Karlsruher SC.

Endlich am Ziel!

Als der BVB 1949 sein letztes Endspiel verlor, lag eine Gluthitze über dem Stuttgarter Neckarstadion. Sieben Jahre später im Berliner Olympiastadion hatte es vor dem Anpfiff stundenlang in Strömen geregnet. Nicht der einzige Unterschied, wie sich zeigen sollte. Das Endspiel war keineswegs ausverkauft. Eine ungeschickte Kartenverteilung hatte dafür gesorgt, dass viele Plätze leer geblieben waren. Aus Dortmund reisten 10.000 Anhänger an. 15.000 Fußballfreunde kamen – die Mauer war noch nicht gebaut – mit der S-Bahn aus Ost-Berlin. Das Spiel begann für den BVB alles andere als glücklich: auf dem regennassen Boden leitete ein Ausrutscher von Mittelläufer Max Michallek nach neun Minuten den 0:1-Rückstand ein – ausgerechnet Spinne Michallek, den Trainer Helmut Schneider als neuralgischen Punkt im Auge hatte. Doch dann nahm der Dirigent den Taktstock entschlossen in die Hand, und das magische Viereck – bestehend aus den Außenläufern Schlebowski und Bracht und den Halbstürmern Preißler und Niepieklo – zauberte so gekonnt jegliche Form eines Vierecks vom Trapez bis zum Parallelogramm aufs Spielfeld, dass keiner der Schlachtenbummler aus dem Westen auch nur einen Augenblick um den Sieg bangte. Bis zur 54. Spielminute drehten die „drei Alfredos“ den Spieß um. Tully Peters Abstauber und Willi Burgsmüllers Eigentor stellten schließlich den 4:2-Endstand her. Dieses Endspiel hatte viel Klasse, nur keine Spannung. Zu übermächtig schien die Kombinationskunst der Borussen. Nach dem Abpfiff verabschiedeten die 75.000 Zuschauer im Olympia-Stadion den BVB mit stehenden Ovationen. Die Mannschaft hatte die Nachfolge von Rot-Weiss Essen angetreten. Das Schwergewicht des deutschen Fußballs verlagerte sich wieder von Süddeutschland in die Region zwischen Rhein und Ruhr.

„Der Westen ist stolz auf Borussia Dortmund“, dröhnte es aus den Radio-Reportagen und prangte als Schlagzeile in dicken Lettern auf den Sportseiten der Zeitungen. Mit seiner ersten Deutschen Meisterschaft war der BVB endlich im Klub der großen Vereine angekommen. Nur gegenüber den Spielern gab man sich – wie schon angesprochen – wesentlich bescheidener. Selbst der Mannschaftswunsch nach einer Tüte Bonbons zum Kinobesuch am Vorabend des Endspiels wurde vom Kassierer mit dem Hinweis, das könnte er nicht verbuchen, abschlägig beschieden. Der Liebe zu Schwarz-Gelb taten die fehlenden Zuckerstücke keinen Abbruch. „Unsere Borussia setzte sich nicht aus Mitspielern, sondern aus Freunden zusammen“, erinnert sich Heini Kwiatkowski und Adi Preißler schwor noch auf dem Marktplatz: „Eins versprechen wir: dafür zu sorgen, dass wir die Viktoria nicht so schnell wieder abgeben.“ Sie hielten Wort, die elf Freunde. Aber das ist ein anderes Kapitel.

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