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Die großen Erfolge

Borussia Dortmund Deutscher Meister 1957

Ohne Harmonie lief nichts

Am 25. Juni 1957 schreibt Borussia Dortmund in Hannover Fußballgeschichte. Nicht nur der zweite Meistertitel in Folge durch den 4:1-Erfolg über den Hamburger SV verewigt die Mannschaft des BVB in den Geschichts- und Vereinsbüchern.

Bislang einmalig: Die Elf auf dem Rasen in Hannover ist identisch mit dem Meisterteam, welches im Endspiel 1956 den Karlsruher SC mit 4:2 besiegte. Einer, der in beiden Endspielen als Torschütze glänzte, erinnert sich nicht ohne Stolz: Alfred Niepieklo, Dortmunder Torjäger und Mitglied des legendären Innensturms der „Drei Alfredos“. Zusammen mit Alfred Kelbassa und Alfred Preißler lehrte er den Gegnern stets das Fürchten. Sein Name steht heute noch für großen Offensivfußball und unvergessliche Tore. Das Finale in Hannover aber bleibt trotz allen Erfolgen einer der bedeutendsten für Niepieklo.

„Das wird es bestimmt nie wieder geben, darauf bin ich immer noch besonders stolz“, lacht die ehemalige Rückennummer 10. Auswechseln war damals noch nicht erlaubt, „durchbeißen war also auch bei kleineren Wehwehchen angesagt.“ Daher nimmt der Titel für ihn auch eine ganz besondere Rolle ein: „Die erste Meisterschaft war herrlich, aber die zweite wohl historisch. Dass exakt die gleichen Spieler zweimal hintereinander Meister werden, hat es wohl auf der ganzen Welt noch nicht gegeben.“

Für diesen Erfolg mussten Spieler wie Aki Schmidt, damaliger Nationalspieler, von der Tribüne aus zusehen, Trainer Helmut Schneider setzte ganz auf die Meisterelf von 1956.

Und Niepieklo erinnert sich lebhaft an die Gänsehautstimmung auf dem Rasen: „Das Stadion in Hannover war mit 80.000 proppenvoll und es hätten noch mehr Karten verkauft werden können. Die Atmosphäre war riesig“, schwingt immer noch Begeisterung in seiner Stimme. Das lag nicht zuletzt an den überragenden Leistungen der Männer in Schwarz-Gelb. Schon vor dem Finale als Favorit gehandelt, zeigten die Borussen den Gegnern aus dem hohen Norden gleich zu Beginn, wer Herr im Haus ist. Schon nach 16 Minuten führte der BVB dank Kelbassa mit 1:0. Der zwischenzeitliche Ausgleich durch Krug (24.) verunsicherte die Dortmunder nicht. Erneut Kelbassa (25.) und zweimal Niepieklo (26., 77.) machten den Triumph perfekt. Auch Posipal oder das junge Stürmertalent Uwe Seeler konnten die HSV-Niederlage nicht verhindern. Der BVB blieb damit weiterhin der Angstgegner für die Hanseaten. Bereits 1953 behielten die Schwarz-Gelben in der Endrunde um die Meisterschaft mit 4:1 im Stadion Rote Erde und auch in Hamburg mit 4:3 die Oberhand. Schon 1956 hatte der Gruppenkonkurrent HSV keine Chance: Ein 5:0-Erfolg der Westfalen sorgte erneut für klare Verhältnisse. Alfred Niepieklo schoss damals einen lupenreinen Hattrick.

Überhaupt war der HSV so eine Art Lieblingsgegner von Niepieklo. „Ja, gegen die Hamburger habe ich die meisten Tore gemacht und wir haben auch fast immer gewonnen.“ Mit dem Erfolg 1957 machten sich die Spieler selbst und ihrem Trainer Helmut Schneider das größte Geschenk. Niepieklo: „Vor der Partie fühlte sich der Trainer unwohl, litt an Magenproblemen, aber wir haben ihm versprochen, dass wir das Ding schnell entscheiden, damit er an der Linie Ruhe hat.“ Gesagt, getan!

Die Heimfahrt nach Dortmund ein einziger Triumph, an dem auch die Spielerfrauen teilhaben sollten. Noch 1956 gab es Probleme: Wenn es nach der BVB-Vereinsführung gegangen wäre, hätten die Frauen die Ankunft verpasst. Die wollte den letzten Waggon, in dem die Damen saßen, vor der Einfahrt in den Dortmunder Hauptbahnhof abkoppeln, so dass die Helden allein einfahren. Die Rechnung ging jedoch nicht auf. „Ohne unsere Frauen ging schon damals gar nichts“, stellt Niepieklo klar. „Alfred Kelbassa, Heinrich Kwiatkowski und ich haben sofort reagiert und uns in das Abteil zu unseren Frauen gesetzt, so mussten wir zusammen einfahren.“ Auch Ehefrau Liesel erinnert sich: „Die wollten uns nicht dabei haben, aber unsere Männer haben sich schnell für uns eingesetzt.“ Gab es im Meisterjahr 1957 keine derartigen Probleme mehr, die Begeisterung der Fans rund um den Borsiplatz war die gleiche: Mehr als eine Viertelmillion Menschen bereiteten den Kickern einen würdigen Empfang.

In Wagen der Union Brauerei ging es auf eine große Ehrenrunde und Niepieklo – sonst kein wetterabhängiger Spieler – erinnert sich noch ganz genau an die widrigen Bedingungen: „Es hat gegossen wie aus Eimern, beim Hochhalten der Meisterschale ist mir der ganze Regen in die Ärmel gelaufen. Nach wenigen Minuten war ich pitschnass, aber glücklich.“

Eine große Familie

Wenn Niepieklo an die „goldenen 50er-Jahre“ des BVB zurückdenkt, fällt das Wort „Harmonie“ besonders häufig. Die sei damals ganz wichtig gewesen und wurde vom gesamten Team gepflegt. „Wir waren wir eine große Familie, alle kannten sich.“ Das lag sicher auch an der Zusammensetzung des Kaders. „Keiner kam von weiter weg als vielleicht 30 oder 40 km, mit heute ist das natürlich nicht mehr zu vergleichen“, spielt Niepieklo auf die Multikulti-Truppen der heutigen Zeit an. Dass man sich auf dem Rasen so gut verstand lag auch am engen Miteinander außerhalb der Spielfläche. „Den Kapitulski hab ich immer mit zum Abendbrot genommen“, lacht Niepieklo.

Die Terrasse des Hauses am Igelweg in Castrop-Rauxel war früher oft Treffpunkt für gemeinsame Sonntage. Da wurde zusammen gefrühstückt, Mittag gegessen und Kaffee getrunken. „Diese Harmonie besteht auch heute noch zwischen uns Ehemaligen“, freut sich Niepieklo. Und wenn er von der Familie des BVB spricht, dann kann man das schon fast wörtlich nehmen, ist sein Schwiegersohn schließlich Nachkomme des Sturmkollegen Alfred Kelbassa.

Die ständigen Treffen mit den damaligen Kollegen sind für Niepieklo eine Herzensangelegenheit. Zusammen mit fünf weiteren Spielern der Meistertruppe von 1957 sitzt er im Ältestenrat des BVB. Der gebürtige Castroper weiß natürlich, dass seine Zeit nicht mehr mit der heutigen zu vergleichen ist. Damals noch berufstätig bei den Dortmunder Stadtwerken, wie die Kollegen Kwiatkowski und Burgsmüller, war er froh über jede Trainingseinheit, die er besuchen konnte. „Dank unseres tollen Chefs, war das alles kein Problem.“

Niepieklos Laufbahn begann in der Jugend von Castrop 02. Nach der Rückkehr aus französischer Kriegsgefangenschaft kam er über Castrop 1950 zur Borussia: Seine Endstation Sehnsucht. Von 1950 bis 1960 ging er für den BVB auf Torejagd: Ein Jahrzehnt, das Niepieklo neben allen Erfolgen auch als Lehrjahre bezeichnet. Die Popularität des Vereins nach dem ersten Meistertitel 1956 brachte das Team auf die Insel. „Wir haben 1956 und 57 viele Freundschaftsspiele in England bestritten, meine Familie habe ich kaum zu Gesicht bekommen, aber ich hab auch eine Menge gelernt in der Zeit“. Zum Beispiel, dass gerade die vielbeschworene Gemeinschaft eines der wichtigsten Erfolgsgeheimnisse war. „Zusammenhalt ist alles, heute können sich viele Spieler ja nicht mal verständigen.“ Damals wurden zwar hauptsächlich Amateure in den Kader geholt, doch auch für Niepieklo gab es lukrative Angebote. Heute ist er froh den Verlockungen aus dem Ausland nicht gefolgt zu sein. Frau Liesel hielt nichts von einem Weggang aus dem Revier und so blieb auch Niepieklo standhaft. „Ich kann ihr gar nicht genug dafür danken“, bereut Niepieklo nichts.

Und wie sieht es mit der Popularität heute aus? Autogramme müssen immer noch fleißig geschrieben werden, für die Herstellung der Karten sorgt Enkel Sebastian. „Ich bekomme immer noch viel Post, außerdem gibt es regelmäßig Veranstaltungen in Seniorenheimen, wo wir uns mit den Fans von früher unterhalten.“ Und nicht nur die fragen dann: „Wie war das damals noch mal in Hannover gegen den HSV?“ Und auf Erzählungen kommt es auch heute noch an, denn neben einigen Bildern, gibt es nur wenig TV-Material über den Endspiel-Triumph. Ehefrau Liesel: „Ich erinnere mich noch an die Rufe der Nachbarn, ,Liesel dein Mann ist im Fernsehen‘, das war immer etwas ganz Besonderes.“ Die Zeit an der Münsterstraße in Dortmund weckt bei Niepieklo viele Erinnerungen, so auch die Fahrten zum Stadion an den Spieltagen. „Ich stand mit meiner Trainingsjacke und Tasche an der Haltestelle und wartete auf die Bahn, die immer überfüllt war.“ Die Ansage des Fahrers „alle zusammenrücken, wenn Alfred nicht mitfährt, spielen die nicht“, sorgte immer für große Heiterkeit.

Und ein Leben ohne den BVB ist für Niepieklo immer noch unvorstellbar. Bei jedem Heimspiel sitzt der leidenschaftliche Handwerker auf der Tribüne, fährt auch oft mit zu Auswärts- oder Europacupspielen. Niepieklo: „Wer einmal für den Verein gespielt hat, ist mit dem Herzen immer dabei.“ Würde er denn in der heutigen Zeit gerne noch mal für die Borussia auflaufen? Niepieklo überlegt nur kurz, schmunzelt und lacht: „Ja, aber nur mit der Truppe von damals!“

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