Impressum | Kontakt

revierkick

Die großen Erfolge

FC Schalke 04 Deutscher Meister 1958

Ende oder Anfang

Schalke 04 hatte in den fünfziger Jahren an der Bürde des Altmeisters schwer zu tragen. Die alte Generation um die Legenden Szepan und Kuzorra trat nach und nach in den Hintergrund – als letzter aus der alten Meistermannschaft beendete im Dezember 1956 Hermann Eppenhoff seine Laufbahn – und die Lücken waren nicht zu schließen. Es ging nicht nur die vorherrschende Position auf nationaler Ebene verloren, sondern der Abonnementsmeister des Westens wurde auch in der Oberliga West von der Konkurrenz aus Dortmund oder Essen überflügelt. Schalke galt zwar immer noch als der Publikumsmagnet, aber „das Spiel“ wurde längst von anderen bestimmt. Man hatte am Schalker Markt offensichtlich den Anschluss verpasst und allenthalben redete man von der „Krise um Schalke 04“. Das große Fußballereignis der fünfziger Jahre, die Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz, fand aber trotzdem nicht ganz ohne Schalker Beteiligung statt. Der Ex-Schalker Kwiatkowski hatte das zweifelhafte Vergnügen, beim 3:8-Debakel gegen Ungarn in der Vorrunde an Stelle des späteren „Fußballgottes“ Toni Turek das Tor zu hüten. Und Rechtsaußen Berni Klodt spielte in der Vorrunde gegen die Schweiz und die Türkei. Dann wurde er von einem gewissen Helmut Rahn abgelöst. 1955 schafften es die Schalker immerhin bis ins DFB-Pokalfinale – das erste Endspiel seit dreizehn Jahren. Beim Spiel gegen den Karlsruher SC sahen die Königsblauen mit einer 2:1-Führung im Rücken schon wie der sichere Sieger aus, aber die verzweifelt kämpfenden Karlsruher drehten das Spiel noch in den letzten zehn Minuten und gewannen mit 3:2. Das Pokalpech klebte dem S04 weiter an den Schuhen: in sechs Endspielen nur ein Sieg.

Auf der Suche nach der „Meistermannschaft“

Die Mannschaft war inzwischen weiter verändert worden – der Grundstock für die Meisterschaft, von der man nach Feierabend im ganzen blau-weißen Revier träumte. Von Eintracht Gelsenkirchen kam Torwart Manfred Orzessek, von Hamborn 07 als neuer Mittelstürmer „Catcher" Helmut Sadlowski und aus Duisburg stießen Hansi Krämer und Günter Brocker zum Stammkader. Aus der eigenen Jugend wurden Otto Laszig, Manfred Piontek und Helmut Jagielski in „die Erste" übernommen. Laszig galt wie einst Szepan als etwas langsam, aber als perfekter Ball-Künstler und Spielmacher. Neuer Vorsitzender wurde mit Albert Möritz ein Mann, der früher Präsident von SuS Schalke 96 war. Und im Jahr des 50jährigen Bestehens wurde wieder ein Österreicher als Trainer verpflichtet: Edi Frühwirth – der kurz zuvor bei der WM mit Österreich Dritter geworden war. Die Suche nach der Schalker Formation ging weiter. Stars zu kaufen, konnte sich der Verein nicht leisten. 1955 rückten aus der Jugend Karl Borutta, Willi Soya und Willi Koslowski in die erste Mannschaft auf. Vor allem „der Schwatte“ Koslowski war ein echter Ruhrpott-Spieler mit seinen „Ungezogenheiten“, wie es hieß. Lange vor Gerd Müller wusste er auch sein Hinterteil einzusetzen, wenn es darum ging, eine gegnerische Abwehr zu überwinden. Von Hessen Kassel kam Günter Siebert zurück, der schon von 1951 bis 1953 für Schalke am Ball gewesen war. Als „Forelle“ wand er sich durch manche Abwehr und später kam ihm diese Eigenschaft auch als Präsident zustatten. Ein Jahr später, 1956, stieß dann auch Manfred Kreuz aus Buer-Hassel zum Kader.

In diesem Jahr hätte die Elf fast in einem rein westdeutschen Endspiel gegen Borussia Dortmund gestanden: Als Westzweiter hinter dem BVB nahm man wieder an der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft teil. Und wie in der Oberliga fiel die Entscheidung am letzten Spieltag der Gruppenspiele: Nach zwei Siegen über Hannover und einem über Lautern hätte ein Unentschieden beim Karlsruher SC zum Einzug ins Endspiel gereicht. Bis kurz vor Schluss stand es auch durch zwei Sadlowski-Tore 2:2, da griff der KSC-Stürmer Beck Torwart Orzessek an, der den Ball eigentlich schon in der Hand hatte, ihn dann aber ins Tor rollen ließ: 3:2! Dank des besseren Torquotienten – noch teilte man erzielte Tore durch eingefangene – erreichten die Badener das Finale. Hätte man schon die Tordifferenz gewertet, wären es die Schalker gewesen.

Der siebente Streich!

1958 erfolgte der erneute Anlauf. Man war zuversichtlich in Schalke, denn immerhin hatte sich die Mannschaft nach sieben Jahren endlich wieder einmal die Westmeisterschaft vor dem aufstrebenden 1.FC Köln gesichert. Die Endrunde um die ‚Deutsche‘ wurde aufgrund der Weltmeisterschaft in Schweden im Eiltempo durchgezogen. Durch drei eindrucksvolle Siege erreichte die Mannschaft das Finale gegen den Hamburger SV. Austragungsort war das Niedersachsenstadion in Hannover. Die ganze Schalker Gemeinde fieberte diesem 18. Mai 1958 entgegen. Jürgen Alexander aus Wanne, in dessen Familie die Liebe zu Königsblau wie eine Religionszugehörigkeit von Generation zu Generation vererbt wird, erinnert sich daran, dass sein Vater extra einen Tag zuvor einen Fernseher kaufte, um das Endspiel, das im Fernsehen übertragen wurde, verfolgen zu können. Die Glücklichen, die Karten für das Niedersachsenstadion bekommen hatten, setzten sich am Sonntagmorgen von Gelsenkirchen aus per Zug, Bus oder PKW in Richtung Hannover in Bewegung. Pünktlich um 15 Uhr pfiff Schiedsrichter Dusch das Finale an. Die Knappen übernahmen vor 81.000 Zuschauern von Anfang an die Initiative. Bereits nach fünf Minuten segelte eine Flanke von Willi Koslowski in den Hamburger Strafraum und Berni Klodt erzielte per Flugkopfball die 1:0-Führung. Der HSV mit seinem Jungstar Uwe Seeler reagierte, drängte auf den Ausgleich, aber in der 30. Minute fiel bereits eine Vorentscheidung: Nach einer Flanke von Willi Koslowski auf den zweiten Pfosten ließ Manni Kreuz den Ball in Richtung Elfmeterpunkt prallen und wieder war es Klodt, der mit einem platzierten Rechtsschuss das 2:0 erzielte. Bei den blau-weißen Anhängern brach eine unglaubliche Euphorie aus. In Schalke unterbrach Pfarrer Kohle in der Gemeinde St. Joseph sogar die nachmittägliche Andacht, die dort im Rahmen der Volksmission stattfand, um seinen Gläubigen das Ergebnis durchzugeben! Und am Ende stand es durch einen Treffer von Manni Kreuz sogar 3:0! Die siebte Deutsche Meisterschaft war geschafft. Herausragender Spieler des Finales war Mannschaftskapitän Berni Klodt, der einzige, der noch mit den alten Legenden zusammengespielt hatte. Der „Kicker“ würdigte seine Leistung in höchsten Tönen: „Die Seele des Schalker Spiels aber war Berni Klodts fußballerisches Genie. Es offenbarte sich anders, vielseitiger noch, als das seiner berühmten Stürmer-Vorfahren. Es gibt wohl wenige Fußballspieler, sogar in Europa, die so variantenreich alle Register des Fußballs zu ziehen vermögen.“

Der Empfang in Gelsenkirchen war triumphal, der Autokorso führte durch ein Jubelspalier ohnegleichen, und alle, Spieler und Anhänger, sprachen nur von den vergangenen Zeiten, die nun wiederkehren sollten. „Kaum einer, dem nicht beim Sprechen die Stimme bricht“, heißt es noch Jahre später. Was Bern für den deutschen Fußball gewesen war, schien dieser Sieg für Schalke zu sein. Die Königsblauen feierten ihre Auferstehung. Und wie sie in Bern zum Entsetzen der Welt spontan wieder die erste Strophe des Deutschlandliedes angestimmt hatten, sangen sie nun am Schalker Mark „Blau und Weiß, wie lieb ich Dich!“ Dabei war es eine junge Mannschaft, die diesen Erfolg erkämpft hatte: Durchschnittsalter 22,5 Jahre! Nur Berni Klodt hatte noch mit Kuzorra und Szepan in einer Mannschaft gespielt. Die Freude in Schalke war riesig, nicht zu vergleichen mit den Feiern in Essen und Dortmund. Doch keiner merkte, dass nicht der Beginn einer neuen Ära gefeiert wurde, sondern das endgültige Ende des alten Schalke. Die kluge Politik des langsamen Aufbaus hatte sich ein letztes Mal bewährt. Noch einmal hatte eine Mannschaft gewonnen, die zum großen Teil aus dem Schalker Nachwuchs hervorgegangen war oder aus der näheren Umgebung stammte und in der mit dem „Schwatten“, Willi Koslowski, immerhin noch ein gelernter Bergmann spielte. Das sollte es so nicht wieder geben.

Bild schalke58