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Die großen Erfolge

ETB Schwarz-Weiß Essen Pokalsieger 1959

Der größte Tag des ETB

Es schien fast so, als ob in der Essener Kabine ein „Marktschreier-Wettbewerb“ ausgebrochen wäre: Jeder versuchte den anderen an Lautstärke zu übertreffen. Im Trubel der glücklichen Spieler und gratulierenden Besucher blieb nur Trainer Wendlandt ruhig. „Unser Wille hat Berge versetzt, und jeder Spieler hat bis zum Umfallen gekämpft“, sagte er, und wie zum Beweis ließen sich Küppers und Rummel in einer Kabinenecke die Beine massieren. Sie waren vollkommen ausgepumpt, aber der Außenseiter aus dem Westen hatte die Pokalsensation 1959 geschafft: der große Hamburger SV wurde im heimischen Volkspark-Stadion nach Verlängerung mit 1:2 bezwungen. Die beispiellose Einsatzfreude aller Essener Spieler hatte den norddeutschen Meister regelrecht konsterniert. Dabei ging das Spiel keineswegs ohne Turbulenzen zu Ende. Schiedsrichter Sparring verwehrte dem ETB in der 114. Minute einen klaren Elfmeter, als der überragende Manfred Rummel gelegt wurde. Auf der Gegenseite musste Torhüter Merchel in der 116. Minute nach einer tollkühnen Abwehrreaktion mit einer Kopfverletzung kurzfristig ausscheiden und Verteidiger Karl-Heinz Mozin stellte sich vertretungsweise zwischen die Pfosten. Aber mit Glück und Schlitzohrigkeit – Mozin soll in einer brandgefährlichen Szene dem HSV-Stürmer Charlie Dörfel die Hose heruntergezogen haben, so dass der entblößte Nationalspieler vor Scham die Orientierung verlor und die Torchance vergab – rettete der ETB den verdienten Sieg über die Zeit. Kapitän Ede Kasperski hatte bereits vor dem Halbfinale prognostiziert: „Für uns ist das Spiel gegen den HSV schon das Finale, denn wenn wir auch hier bestehen, gehört der Pokal uns.“ Eine gewagte Aussage, die sich aber zwei Wochen später bestätigen sollte, denn das „wirkliche Finale“ gegen Borussia Neunkirchen verlief einseitig und die Essener „Himmelsstürmer“ gewannen ungefährdet mit 5:2. Endlich der erste große Erfolg der langen Vereinsgeschichte!

Der „bürgerliche“ Traditionsverein

Wie in ganz Deutschland waren es auch im Ruhrgebiet vor allem die Bürgersöhne, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die neue Mode begeisterten, die aus England, dem Mutterland des Fußballs, herüberschwappte. Ein Verein, der bis heute auf diese Ursprünge verweist, ist der ETB Schwarz-Weiß Essen. Die Fußballabteilung entstand 1900 aus dem Essener Turnerbund und wurde bereits neun Jahre später als einziger Essener Verein in die neue Zehnerliga des Westdeutschen Spielverbandes zugeordnet. Es begann eine jahrelange städtische Dominanz, die erst ab den zwanziger Jahren mit den ersten Erfolgen der Arbeitervereine BV Altenessen 06 und Rot-Weiss Essen ins Wanken geriet. Vor allem die Mannschaft aus Bergeborbeck sollte nach dem Zweiten Weltkrieg die Vormachtstellung in der zerstörten „Krupp-Stadt“ übernehmen.

RWE stieg 1948 in die Oberliga West auf und wurde auf Anhieb Vizemeister. Schwarz-Weiß zog erst 1951 in die höchste Liga nach. Die traditionelle Rivalität zwischen den Vereinen wurde von beiden Seiten weiter gehegt und gepflegt, obwohl sich die Milieu-Zugehörigkeit bei Spielern und Zuschauern mehr und mehr auflöste. Hier: Bergeborbeck, Arbeiter-Milieu, Volksverbundenheit und Massenveranstaltungen in der Hafenstraße. Dort: der reiche Süden, der distinguierte Klub der Prominenten und ein paar adrett gekleidete Zuschauer am Uhlenkrug. Mit dem Aufstieg in die Oberliga West wollte der ETB mit aller Macht die sportliche Distanz zum Lokalrivalen verringern und kaufte großzügig ein: viele Spieler aus Süddeutschland wie Helmut Hasse (FSV Frankfurt), Adolf Knoll (Spvg. Fürth) und Hubert Schieth (Eintracht Frankfurt), ein begnadeter Denker und Lenker im Mittelfeld, zog es zum Uhlenkrug. Spektakulär waren auch die Verpflichtungen von Alfred Mikuda und Ede Kasperski von Borussia Dortmund. Zudem kehrte der „verlorene Sohn“ Kurt Zaro von Rot-Weiss Essen zurück – wiederum verbunden mit viel Geschrei, den die seltenen Wanderer zwischen Bergeborbeck und Essen-Süd auslösten. Trotz allem reichte es nicht, um endlich Essens Nummer Eins zu werden. Die Mannschaft spielte gegen die relative Erfolglosigkeit und gegen das eigene Vereinsklischee an. „Wir galten als Lackschuh-Klub“, erzählte Ede Kasperski, der langjährige Spielführer des ETB, „wobei böse Zungen sogar behaupteten, dass sich die Spieler der ersten Mannschaft per Sie ansprachen.“

Kasperski, eine Institution in der Oberliga West mit bis dato an die 250 Oberliga-Einsätzen für den BVB (1948-53) und für Schwarz-Weiß, soll an jenem eiskalten Dezembertag 1959 Tränen in den Augen gehabt haben, als er den DFB-Pokal überreicht bekam. Für ihn war das Ende seiner Karriere absehbar und dieser Tag war sein großer später Triumph. Der Mannschaft aber, so die damals einhellige Meinung der Presse, gehöre die Zukunft. Eine Fehleinschätzung. Der ETB, gerade erst wieder in die Oberliga aufgestiegen, musste bereits am Ende der Saison 1959/60 als amtierender Pokalsieger den erneuten Abstieg in Kauf nehmen. Die Qualifikation für die Bundesliga 1963 gelang nicht und über Regionalliga und 2. Bundesliga folgte 1978 der Absturz ins Amateurlager. Seit 1994 spielt Schwarz-Weiß in der Oberliga Niederrhein – zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte viertklassig!

Karl-Heinz Mozin muss so etwas schon nach dem Pokalerfolg 1959 geahnt haben. „Jetzt können sie beruhigt neue Briefbögen für den Verein drucken lassen“, lästerte er, „denn solch einen Erfolg wird es hier so schnell nicht mehr geben.“

Bis heute sollte er damit Recht behalten.

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