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Die großen Erfolge

Westfalia Herne Westmeister 1959

Das Wunder von Herne

Es war ein denkwürdiger Tag, jener 31. August 1958: Westfalia Herne, bisher eine graue Maus in der Oberliga West, trat beim amtierenden Deutschen Meister Schalke 04 an, und was die Zuschauer zu sehen bekamen, war Erstaunliches: Wie aufgescheuchte Hühner rannten die Schalker auf dem Platz umher, während Westfalia den Ball locker in den eigenen Reihen hielt. Wie im Training schoben sich Sopart und Burkhardt die Bälle zu, jonglierten Losch und Wandolek um die Statisten Brocker und Kreuz herum. Fast Mitleid konnte man mit den Platzherren haben, die ein derartiges 0:3-Debakel in der Glückauf-Kampfbahn bis dato wohl kaum einmal erlebt haben dürften. Bezeichnend für das Spielgeschehen war eine Szene fünf Minuten vor Schluss: Der Herner Verteidiger Alfred Pyka lief zu seinem Trainer Fritz Langner und fragte ihn von der eigenen spielerischen Überlegenheit geradezu erstaunt: „Soll das Schalke 04 sein, der Deutsche Meister?“ – Mit diesem Spiel, so die einhellige Meinung in den Sport- und Tageszeitungen des Reviers, war ein neues „Wunderkind im Fußballwesten“ geboren. Und auch in den folgenden Wochen bestimmte der SCW weiter die Schlagzeilen: „Westfalia auf und davon: 5:0 Kantersieg gegen Oberhausen“, „Benthaus und Kraskewitz spielten mit Schwung: 3:0 über STV Horst“, „Überragender Tilkowski rettete Sieg: 1:0 über Duisburg“, „Wie eine Maschine: 5:0 über Mönchengladbach“. Erstaunt nahm die Presse die Wintermeisterschaft des SCW im Dezember 1958 zur Kenntnis, und ‚Das Glück – Die Wochenzeitschrift für Lotto und Toto‘ titelte demonstrativ: „Hernes Weg ein Rätsel?“

Fritz Langner und der Aufstieg Westfalias

Die Verwunderung war durchaus berechtigt, denn in den Jahren zuvor hatte jeweils die blanke Abstiegsangst am Stadion Schloss Strünkede geherrscht. Auch der 1955 verpflichtete und mit „Generalvollmacht“ ausgestattete Trainer Fritz Langner konnte an der spielerischen Misere vorerst nichts ändern. Unbeirrt von den anfänglichen Misserfolgen hielt der starrköpfige Schlesier an seinem Programm fest und verjüngte von Jahr zu Jahr den Kader mit Talenten aus der näheren Umgebung: Torwart Hans Tilkowski kam aus dem Dortmunder Vorort Husen, Horst Wandolek aus Bochum-Riemke, Helmut Benthaus aus Wanne-Eickel, Alex Kraskewitz aus Castrop-Rauxel und Alfred Pyka und Gerd Clement aus der eigenen Jugend. 1956 stieß noch von Schwarz-Weiß Essen der geborene Münchener und verkappte Berufsfußballer Siggi Burkhardt dazu, der mit seiner Erfahrung und als Mannschaftskapitän die junge Truppe zusammenhalten sollte. Durch ein knüppelhartes Konditionstraining machte Langner jedem klar, das er den Spitznamen „Der eiserne Fritz“ nicht zu Unrecht trug, aber er hatte auch klare Vorstellungen vom Spiel seiner Mannschaft. Der Sportjournalist Heinz Koch wurde Zeuge einer jener berühmten Kaffeehaus-Vorlesungen, in denen der Trainer über Fußball philosophierte und schon mal ab und an ein „Gedeck“ orderte:

„Fritz Langner verkehrte viel im Café Stracke und dort hat er mir auch seine Fußball-Philosophie erklärt: das magische Viereck. Ich fragte ihn, ob es nicht besser sei, das Spielsystem nach den Möglichkeiten der Spieler auszurichten, aber er winkte entschieden ab. ‚Nein, nein‘, sagte er, ‚ein Spieler muss so spielen können, wie ich es will!‘ Er holte den Zuckerstreuer, die Kaffeetassen und ein paar Bierdeckel vom Nebentisch heran, um zu demonstrieren, wie sein magisches Viereck auf dem Rasen bewältigt werden sollte. Vor allen Dingen stand das Spiel ohne Ball bei ihm im Vordergrund, sich ständig in Position zu bringen, anspielbar zu sein. Damals war das noch keine Selbstverständlichkeit. Jupp Bothe hat zum Beispiel mal gesagt: ‚Trainer, wenn ich keinen Ball vor den Füßen habe, dann kann ich doch nicht spielen!‘“

Bereits in der Rückrunde der Saison 1957/58 überraschte dann der SCW – fast schon abgeschlagen im Tabellenkeller liegend – mit einer sensationellen Serie von zwölf ungeschlagenen Spielen hintereinander. Der sicher geglaubte Abstieg konnte vermieden werden, und die guten Leistungen machten offensichtlich Lust auf mehr. In der Saison 1958/59 stellte sich schließlich der Erfolg ein: die berühmt-gewordene Achse Tilkowski-Pyka-Benthaus-Clement blieb unaufhaltsam auf Westmeisterkurs. Am 6. April 1959 wurde das zur Realität, was im Vorfeld keiner zu hoffen gewagt hatte: Durch einen 1:0 Heimsieg über Preußen Münster sicherte man sich die Westdeutsche Meisterschaft – drei Spieltage vor Saisonende!

Lehrgeld bezahlt! – Die Endrunde 1959

In der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft rechnete man sich etwas aus in Herne, denn immerhin war der Westmeister in den letzten vier Jahren stets auch Deutscher Meister geworden. Aber einen Rückschlag musste der SCW bereits vor den Spielen verkraften: da das Stadion Strünkede den Sicherheitsansprüchen des DFB nicht genügte, musste man in die Dortmunder Rote Erde Kampfbahn ausweichen. Die Endrunde schien für den SCW unter keinem guten Stern zu stehen. Einem mühsamen Auftakterfolg gegen den Außenseiter Tasmania Berlin folgte das Spiel gegen den Hamburger SV vor 70.000 Zuschauern im Volksparkstadion. Die Herner Zeitung schilderte einen Tag später den dramatischen Verlauf der Partie, die geradezu symbolisch für die unglücklichen Endrunden-Auftritte Westfalias steht:

„Genau eine Stunde war im Volkspark-Stadion in Hamburg gespielt, als sich zehn Strünkeder Feldspieler in überschäumender Freude um den Hals fielen und die blauweißen Fahnen der rund 2.000 Schlachtenbummler mit stürmischer Begeisterung geschwenkt wurden. Bothe hatte eben sein großartiges Tor getreten, hatte den 0:2 Rückstand in ein 2:2 umgemünzt. Der Thron des HSV wackelte, der Nordmeister schien entnervt, der Zusammenhang und die Bindung innerhalb der Mannschaft rissen. Gleichmäßig tickte jetzt das Kombinationsuhrwerk Westfalias. Man spürte förmlich, wie die Elf zu weiteren Schlägen ausholte. In diesem Augenblick passierte Overdieck das Missgeschick einer verunglückten Rückgabe an Tilkowski. Wie ein Panther schnellte Uwe Seeler dazwischen und schob den Ball an Tilkowski vorbei. Das war zu viel für die Strünkeder, die zu jener Zeit praktisch nur noch mit zehneinhalb Mann spielten, weil sich Benthaus verletzt abquälte. Die Elf fand nicht mehr die moralische Kraft, sich von diesem Schlag zu erholen.“

Der nervlichen Belastung war die junge Truppe aus dem Revier offensichtlich nicht gewachsen. Zwei bittere Niederlagen gegen die Offenbacher Kickers besiegelten das endgültige Aus. Erst als es wirklich um nichts mehr ging, schlug Westfalia im vorletzten Gruppenspiel den HSV, der damit seinerseits seine Endspielambitionen streichen mußte. „Das war der wahre Westmeister!“ titelte die Westfälische Rundschau, aber auch dieser Sieg konnte an dem Scheitern des SCW nichts mehr ändern. (Etwas, was sich übrigens ein Jahr später als Vizemeister des Westens wiederholen sollte.) Bis heute herrscht unter den Spielern großes Rätselraten über die vollkommen missglückten Auftritte:

„Wir haben viel Lehrgeld bezahlt“, resümiert Horst Wandolek, und Gerd Clement, mit 28 Treffern der damalige Torschützenkönig der Oberliga West, stellt fest: „Wir hatten uns als Westmeister viel mehr ausgerechnet und nach der Endrunde saß die Enttäuschung tief. Wir hatten das eine oder andere gute Spiel abgeliefert, manche unglückliche Niederlage kassiert, aber im großen und ganzen haben wir nicht an die Leistungen der Meisterschaft anknüpfen können. Bei den Gruppenspielen fehlte uns einfach die Frische und die Spritzigkeit und wir haben oft gespielt, als wenn der Akku leer gewesen wäre.“

Der Mythos Westfalia Herne

Als der renommierte und weitgereiste Theaterregisseur Jürgen Flimm einmal erklären musste, was ihn eigentlich mit dem Ruhrgebiet verbindet, verwies er auf seine Biographie, seine Familie stammt ursprünglich aus Duisburg-Ruhrort, und auf seine eigenen Erinnerungen, vor allem als er noch als „Bube fleißig kickte“. Und eine Mannschaft blieb ihm dabei besonders im Gedächtnis: Westfalia Herne! Woher speist sich dieser Mythos, der dem Namen des Vereins entgegen aller sportlichen Fakten bis heute soviel Kraft verleiht?

Westfalia Herne erlebte in der Saison 1958/59 eine jener Geschichten, die das Leben nur selten schreibt: den Aufstieg vom unbedeutenden Kellerkind zum Westfalen-Meister. Dabei haftete dieser Erfolgsserie auch etwas rebellisches an, setzte man sich doch gegen die etablierten Fußball-Dynastien des Westens wie Schalke, Dortmund und Köln durch. Charismatische Figuren wie der oftmals in schwarz gekleidete Hans Tilkowski und der junge Studierte Helmut Benthaus avancierten dabei zu Lieblingen der Öffentlichkeit. Sie waren Teil des Herner Fußballwunders, mit dem sich die Leute auch außerhalb des Platzes identifizierten. Die Sympathien flogen dem Außenseiter entgegen, und die junge Mannschaft der Namenlosen lebte stellvertretend den Traum, den viele Menschen im Wirtschaftswunderland hatten: durch harte Arbeit und unermüdlichen Kampf ganz oben anzukommen. Diese Sehnsucht konnte den jungen Rudi Assauer dazu bewegen, sich von seiner Geburtsstadt Herten aus auf sein Fahrrad zu schwingen und eine halbe Stunde am Kanal entlang zum Schloss Strünkede zu fahren. Gewannen die Blau-Weißen, siegte auch seine eigene Zuversicht, einmal ganz oben zu stehen. Westfalia Herne wurde für viele der große Traum von einer Sache und die erste stürmische Liebe, die man selten vergisst.

Bild westfalia herne59