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Die großen Erfolge

Borussia Dortmund Deutscher Meister 1963

Ein würdiger Abschied

Die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft 1963 stand unter ganz besonderen Vorzeichen: die alten Oberligen sagten Ade und die langerwartete Bundesliga stand unmittelbar vor der Tür. Nach jahrzehntelangen Diskussionen hatte der DFB-Bundestag am 28. Juli 1962 im Goldsaal der Dortmunder Westfalenhalle endlich die Einführung der Bundesliga und des Lizenzspielertums zur Saison 1963/64 beschlossen. 1963 sollte es also zum letzten Mal ein klassisches Endspiel um die „Deutsche“ geben. Als erster Anwärter auf den Titel galt der amtierende Meister 1.FC Köln. Keine andere Mannschaft dieser Zeit wurde so modern und professionell geführt und „gemanagt“. Nicht umsonst galt Franz Kremer, der uneingeschränkte Patron der Domstädter, auch als „Macher“ der Bundesliga. Im Ruhrgebiet waren die Kölner allerdings nicht besonders beliebt. Sie galten in jenen Tagen als der Inbegriff der Arroganz und die sportliche Rivalität schürte auch ein sozialer Aspekt: hier die florierende rheinische Dienstleistungsmetropole, dort die krisengeschüttelte Kohle- und Stahlindustrie. Selbst am Schalker Markt oder am Herner Schloss Strünkede hätte man dem BVB eher die Westmeisterschaft gegönnt als den elitären Geißböcken. Allen Unkenrufen zum Trotz setzten die sich aber am letzten Spieltag durch einen 4:0-Sieg über Hamborn 07 und dank einer 0:1-Niederlage des BVB beim Wuppertaler SV zum vierten Mal hintereinander die Krone des Westmeisters auf – ein Rekord in der Oberliga West.

Ein enttäuschender Auftakt

Die Endrunde begann für Borussia Dortmund enttäuschend. Beim Endrunden-Neuling 1860 München, trainiert vom ehemaligen BVB-Trainer Max Merkel, kassierte man eine 2:3-Niederlage und vier Tage später kam man in der Roten Erde nicht über ein 0:0 gegen Borussia Neunkirchen hinaus. Es war mal wieder der HSV, der als Opfer herhalten mußte. Nach einem 3:2-Sieg in Dortmund sollte das Rückspiel in Hamburg entscheiden, wohin für den BVB die Reise gehen würde. Der HSV wollte seinerseits mit einem Sieg seine letzte Chance nutzen. Die Norddeutschen bestürmten von Beginn an das BVB-Tor, aber Torwart Bernhard Wessel war ein überragender Rückhalt. Und wenn er einmal geschlagen war, half der Pfosten oder ein Verteidiger auf der Linie. In der 59. Minute folgte dann die Szene, die Uwe Seeler später „unbegreiflich“ nannte. Einen Konter schloß Jürgen Schütz als einsamer Stürmer mit einem sanften Heber über den HSV-Keeper Schnoor zur Borussen Führung ab, bei der es bis zum Schlusspfiff blieb. Nach der Partie klopfte der Torschütze dem konsternierten Hamburger Torwart auf die Schultern und sagte: „Ihr lernt es eben nie!“ Im neunten Spiel gegen den HSV der achte BVB-Sieg! Nach einem weiteren Erfolg in Neunkirchen – das Spiel wurde aufgrund des großen Zuschauerinteresses im Saarbrücker Ludwigspark ausgetragen – stand nun am letzten Spieltag gegen die Löwen ein Endspiel um das Endspiel an. Was folgte, ging als eine der Sternstunden in die schwarz-gelben Annalen ein. Die Löwen wurden in der Roten Erde mit 4:0 geradezu „weggeputzt“. „K.o.-Sieg der Borussen“ titelte tags darauf eine Sportzeitung. Fairerweise muss gesagt werden, dass die Sechziger einen Sieg benötigten, um ins Finale einzuziehen und entsprechend offensiv agierten. Für ein denkwürdiges Spiel benötigt man halt zwei Mannschaften. Die Münchener demonstrierten den gefälligen Fußball, der im Süden der Bundesrepublik gepflegt wurde. Borussias Stärke war das auf Erfahrung begründete Selbstvertrauen und die Cleverness einer Mannschaft, die niemals die Übersicht verlor. Über zehn, zwölf, mitunter sogar fünfzehn Stationen wanderte das Leder in den eigenen Reihen, scheinbar ganz nach Belieben, während die jungen Sechziger, hin und her gehetzt, erbarmungslos dem Kombinationswirbel der Dortmunder ausgeliefert waren. In manchen Minuten wurde die Münchener Mannschaft förmlich auseinander genommen und fein säuberlich in die einzelnen Bestandteile zerlegt. Dass die junge Elf des Süddeutschen Meisters trotz der bitteren Niederlage nicht aufsteckte, brachte ihr, wenn schon keine Punkte, dann doch wenigstens die Sympathien des Dortmunder Publikums ein. 1860 konnte sich bei ihrem Torwart Petar „Radi“ Radenkovic bedanken, dass es an diesem Nachmittag, der die Zuschauer auf den Rängen in Verzückung versetzte, nicht zu einem Debakel kam.

Das westdeutsche Traumendspiel

Am Ende der Oberliga als Spitzenklasse des DFB hatte der Westen noch einmal kraftvoll Flagge gezeigt: im Endspiel kam zum ersten Mal seit 1933 wieder zu einem rein westdeutschen Duell (damals: Fortuna Düsseldorf – Schalke 04 3:0). Als klarer Favorit galt der 1. FC Köln, der in seiner Gruppe mit 29 geschossenen Toren bei souveränen vier Siegen und zwei Unentschieden einen neuen Endrundenrekord aufgestellt hatte. Dem BVB, der auch in der Saison zweimal gegen die Domstädter verloren hatte, wurden allenfalls Außenseiter -chancen eingeräumt. Ob es an dem westdeutschen Traumduell oder an der spürbaren „Endspiel-Nostalgie“ lag, die durch das Volksfest bekannten Cannstatter Wasn verwandelten sich jedenfalls in einen riesigen Wagenpark, bei dem die Autokennzeichen aus Köln und Dortmund dominierten. Stuttgart zelebrierte an diesem heißen Nachmittag des 29. Juni 1963 ein Volksfest, und das ganze Drumherum, das Neckarstadion, die Hitze und die Menschenmassen, riefen beim BVB die Erinnerungen an die unglückliche „Sonnenschlacht“ 1949 wach, als man gegen den VfR Mannheim die Meisterschaft verpasste.

Trainer Hermann Eppenhoff, der zu seiner Mannschaft ein eher väterlich-freundschaftliches Verhältnis pflegte, hatte seine Elf hervorragend eingestellt. Mit Kapitän Willi Burgsmüller und dem Außenläufer Helmut Bracht hatte er zwei erfahrene Kämpfer dabei, die schon die Meisterschaften 1956 und 1957 mitgemacht hatten. Lothar Geisler ergänzte die Verteidigung und Wolfgang Paul hielt als verkappter Libero alles zusammen. „Hoppy“ Kurrat sollte als „Schatten“ die Kreise des Weltmeisters Hans Schäfer eindämmen. Im Angriff warteten „Charly“ Schütz und Timo (damals noch Friedhelm) Konietzka auf ihre Chance. Dieses Gespann wurde von den Fans liebevoll „Max und Moritz“ gerufen, da sie der gegnerischen Verteidigung so manchen Streich spielten. Vervollständigt wurde der Sturm von Aki Schmidt und den schnellen Außen Reinhold Wosab und Gerd Cyliax. Schon vor dem Anpfiff hatte der BVB das Glück auf seiner Seite: Kölns Goalgetter Christan Müller, der sich damals in einer überragenden Form befand, musste aufgrund einer Verletzung passen. Von Anfang an kamen die Kölner gegen die gut-organisiert stehenden Borussen nicht ins Spiel. Bereits nach 9 Minuten zeichnete sich die Überraschung ab: „Hoppy“ Kurrat traf zum überraschenden 1:0. Mit Beginn der zweiten Halbzeit sollte für die Domstädter alles anders werden. „Dortmund hat zwar gutes Bier, aber Meister werden wir!“ stand auf einem Transparent der Fans zu lesen. Aber in diesen ersten Minuten hielt wiederum Bernhard Wessel alles, was zu halten war – und noch ein bisschen mehr. Der BVB setzte eiskalt auf gut vorgetragene Konter. In der 58. Minute erzielte Wosab das 2:0 und ein paar Minuten später machte Aki Schmidt mit dem dritten Treffer alles klar. Schnellingers Anschlusstreffer war nur noch Makulatur. Der BVB hatte als krasser Außenseiter den haushohen Favoriten 1.FC Köln entthront. Helmut Bracht erklärte später: „Die Freude über die dritte Meisterschaft war besonders groß. Es war auch eine gewisse Schadenfreude. Nicht nur Dortmund, das ganze Ruhrgebiet jubelte mit dem BVB.“ So war es ein fast symbolisches Bild, als Kapitän Willi Burgsmüller mit einem blutdurchtränkten Kopfverband, der ihm nach einer Verletzung kurz vor Schluss angelegt worden war, die Meisterschale entgegen nahm. Der Kampfgeist der Mannschaft aus dem Revier hatte gesiegt. Ein würdiger Abschied für die Oberliga West.

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