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Die großen Erfolge

Borussia Dortmund Pokalsieger 1965

Schnell gewonnen, schnell wieder abgehakt

Der DFB-Pokal, das Stiefkind des deutschen Fußballs. Seit 1953 wurde wieder ein klassenübergreifender Pokalwettbewerb ausgetragen, aber jahrelang hatte er im Schatten der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft gestanden, die es aber seit Einführung der Bundesliga nicht mehr gab. So entstand die Chance für den DFB-Pokal, in die Bresche zu springen und die Sehnsüchte der Zuschauer nach einem klassischen Endspiel zu erfüllen. Zudem winkt für den Sieger die Teilnahme am attraktiven internationalen Pokalsieger-Wettbewerb. Die sportliche Auf- wertung tat dem Wettbewerb gut, auch wenn er noch meilenweit von einem „deutschen Wembley“ – angespielt wurde damit auf das traditionelle englische Cup-Final im Wembley-Stadion – entfernt war. Immerhin: zum Pokalfinale 1965 hatte der DFB dem Wettbewerb eine neue Trophäe gegönnt, ein goldfunkelnder Pokal, fast einen halben Meter hoch, besetzt mit Halbedelsteinen.

In der Bundesligasaison 1964/65 schienen die Westvereine in einer Krise, aber im Pokal standen sie mit drei Klubs im Halbfinale. Borussia Dortmund schlug in einem Spiel mit Haken und Ösen den 1.FC Nürnberg mit 4:2. Bundestrainer Helmut Schön kommentierte nach den packenden neunzig Minuten anerkennend: „Das war ein echter Pokalkampf. Ich bin dankbar, dass die Pokalrunde uns solche Spiele beschert, in denen alle Beteiligten so kämpfen müssen, wie sie es in der Bundesliga zum Teil nicht mehr brauchen.“ Im anderen Halbfinale führte der FC Schalke 04 glatt mit 3:1 am Aachener Tivoli, und es roch förmlich nach dem Traumfinale BVB gegen S04. Doch der alte Ruhrgebietsrivale, bei dem es tatsächlich mächtig kriselte, ließ sich die Butter vom damaligen Regionalligisten doch noch vom Brot nehmen: Alemannia gewann nach Verlängerung 4:3 und zog damit als krasser Außenseiter in das Finale gegen den BVB ein.

Am besten die Bundeswehr-Kapelle

Mehr als der zweitklassige Gegner schienen Trainer Hermann Eppenhoff vor dem Finale im Niedersachsenstadion Personalsorgen zu plagen, dabei hatte er keineswegs Personalnot, sondern: es waren ein paar Mann zu viel an Bord. Und das sollte Ärger bereiten. In Barsinghausen, der Sportschule des Niedersächsischen Fußball-Verbandes zwanzig Kilometer vor den Toren Hannovers, versicherte zwar Obmann Herbert Sandmann, bei der Mannschaft sei alles in Ordnung, doch dem aufmerksamen Beobachter konnte nicht verborgen bleiben, dass etwas in der Luft lag. Der eine Problemfall war Timo Konietzka. Es war durchgesickert, dass er Max Merkel nach München zu den Sechzigern folgen wollte, weswegen einige Mitspieler die Auffassung vertraten, dass er dann auch nicht im Finale auflaufen dürfte. Offen wurde darüber nicht gesprochen, doch die Stimmung war gegen den schlitzohrigen Stürmer, der immer für ein Tor gut war, und der aus diesem Grunde für die Aufgabe gegen die vermutlich strikt defensiv-eingestellten Alemannen benötigt wurde. Der Leidtragende sollte Franz Brungs werden. Er, der im Jahr vorher bei den Europacupspielen gegen Inter Mailand und Benfica Lissabon fünf Tore geschossen hatte und als „Goldköpfchen“ zum Liebling des Dortmunder Publikums geworden war, sollte nun beim Finale geopfert werden. „Aus taktischen Erwägungen“, so hieß es offiziell, sollte Aki Schmidt Mittelstürmer spielen, und damit war das „Fränzken“ aus dem Rheinland plötzlich ausgebootet. „Gerade auf dieses Spiel hatte ich mich so gefreut,“ stammelte Brungs und vor lauter Enttäuschung hätte er am liebsten sofort die Koffer gepackt statt auf der Bank zu schmoren. Dabei sollte er sich dort in bester Gesellschaft befinden, denn sein Nachbar hieß Bernhard Wessel, Torwart der Meistermannschaft von 1963 und Garant des damaligen Sieges über den 1.FC Köln. Der Torwart hatte sich am Samstag vorher einen Weisheitszahn ziehen lassen, wollte aber trotzdem spielen. Wessel war nicht der Mann, der – wie Brungs – einfach resignierte und sich in das Unvermeidliche fügte. Er ging in die Offensive: „Ich habe vom Vorstand das Wort, dass ich im Niedersachsenstadion im Tor stehe. Und wenn man sich nicht daran hält, dann fühle ich mich ebenfalls nicht an den Vertrag gebunden. Dann werfe ich die Brocken hin und fahre nach Hause, so wahr ich Wessel heiße“, kündigte er an. Doch wahr machte er die Drohung auch nicht. Wessels Leid, Tilkowskis Freud’: Der Nationaltorwart, Vater zweier Söhne, erhielt die frohe Nachricht, dass seine Frau einer Tochter das Leben geschenkt hatte. Angesichts des Familienglücks glätteten sich die Wogen. Am sonnigen 22. Mai 1965 stand „Til“ im Tor, und 55.000 Zuschauer erwarteten einen Fußball-Festtag. Sie wurden bitter enttäuscht.

Bereits nach zwanzig Minuten war das Spiel entschieden. Aki Schmidt und Lothar Emmerich hatten den BVB mit 2:0 in Führung geschossen, danach fand kein Spiel mehr statt. Alemannia konnte nicht so recht, und bei Borussia hielt sich der Tatendrang in Grenzen. Das gellende Pfeifkonzert der Zuschauer war noch das bemerkenswerteste Ereignis der zweiten Halbzeit. Der scheidende Trainer Eppenhoff floh angesichts der Tristesse auf dem Rasen in Zweckoptimismus: „Wer fragt schon in drei Wochen danach, wie wir gewonnen haben? Hauptsache, wir haben den Pokal und sind im nächsten Jahr im Europacup.“ Aus dem erhofften Festakt „Pokalfinale“ wurde jedoch nichts, was Hans Decker, den Spielausschuss-Vorsitzender des DFB, zu dem missmutigen Kommentar veranlasste: „Das war keine Werbung für unseren Fußballsport!“ Alt-Bundestrainer Sepp Herberger konterte gar mit bitterer Ironie: „Am besten hat mir die Bundeswehrkapelle gefallen, auch das Wetter war schön. Mehr kann ich zu diesem Spiel nicht bemerken.“ Nur einer im gesamten Niedersachsenstadion war zufrieden. Der per Hubschrauber eingeflogene Bundespräsident Heinrich Lübke, der Aki Schmidt den Pokal überreichte, meinte vollen Ernstes: „Es war ein schönes Spiel.“ Aber wie man weiß, lag Lübke ja des öfteren mal kräftig daneben.

Bild bvb65