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Die großen Erfolge

Rot-Weiss Essen Aufstiege in die Bundesliga 1966, 1969 und 1973

Liftboys von der Hafenstraße

Ein herrlicher Frühsommertag in einer Essener Kruppschen Siedlung Mitte der sechziger Jahre. Vater wäscht sein Auto, Mutter sitzt auf Terrasse oder Balkon und hält Kaffeeklatsch mit Verwandtschaft und Nachbarin. Durch diese heimelige Idylle dringt nur das Geschrei vom „Spiel- und Bolzplatz“. Hier findet man den Rest der Familie. Das weibliche Geschlecht spielt „Mutter und Kind“ im Sandkasten, und gleich nebenan wird wieder einmal ein neuer Lederball eingeweiht. Die, die ihn von Torgestänge zu Torgestänge jagen, begleiten jeden ihrer grandiosen Spielzüge mit lautem Kommentar, und der ahnungslose Beobachter, der auf seinem Wochenendspaziergang vielleicht ein wenig von seinem Weg abgekommen ist, findet sich in der faszinierenden Umgebung des Weltklassefußballs wieder. Denn hier spielen nicht etwa Gerd und Heinz von Hausnummer l gegen Theo und Reinhard von gegenüber. Nein, Helmut Haller misst sich mit Eusebio, und Pele knallt Hans Tilkowski den frisch eingefetteten Ball um die Ohren. Genau dieses Ritual spielte sich Wochenende für Wochenende in zahllosen Siedlungen auf eben so vielen Plätzen, zuweilen auch Wohnstraßen, nicht nur in Essen, ab. Doch eines Tages, der Chronist schreibt das Jahr 1966, schallen durch die Straßen der Ruhrmetropole ganz andere Namen. Wer genau hinhört, meint zu vernehmen, dass die Rufe zwar genauso laut, aber doch um einiges liebevoller klingen, als das jemals vorher der Fall war. Auch Vater vergisst für eine Weile sein vierrädiges „liebstes Kind“ und widmet sich ausschließlich dem Transistorradio, dessen Schallwellen wie eine Staffette von Haus zu Haus getragen werden. Denn was die sich überschlagende Stimme durch den Äther verkündet, verlangt nach voller Konzentration und hat historische Dimension: „Wir begrüßen die Mannschaft des SC Rot-Weiss Essen in der Bundesliga!“ In den Eckkneipen ordern die Wirte frisches Bier und auf den siedlungseigenen Fußballplätzen ereignen sich wundersame Namensänderungen. Da hält Herrmann Roß den Kasten sauber, und Werner Kik sorgt im Strafraum für Ordnung. Hasebrink knallt die Freistöße, und „Ente“ Lippens lügt die Kugel in die Maschen. Vorbei die Zeit, in der man mit Hochachtung und ruhig auch ein wenig Neid nach Dortmund, Duisburg oder gar Schalke blicken musste. Fußball in Essen war wieder was. Rahn und Gottschalk hatten ihre Nachfolger gefunden.

Entscheidung am letzten Spieltag

In der Tat, die Stimmung schwappte über bei den Essener Fußballfreunden. Waren doch nicht nur im Essener Norden, dem traditionellen Einzugsgebiet der Rot-Weissen, die Nerven der Fußballfreunde in den sechs Aufstiegsspielen bis zum Zerreißen strapaziert worden. Das „Abenteuer Aufstieg“ begann in dem Stadion, das heute gemeinhin als „Freudenhaus der Bundesliga“ bezeichnet wird. Am Hamburger Millerntor wollten Fetting & Co. die ersten Punkte in die Scheuer fahren. Da, wo seit geraumer Zeit ein unnachahmliches Publikum für eine ebensolche Stimmung sorgt, fand damals das erste rot-weisse Familientreffen statt. Sage und schreibe 7.000 Fans begleiteten ihre Lieblinge in den hohen Norden. Das Gebiet rund um das Stadion, das seinen Namen vom schummrigen Rotlicht bezieht, wurde für einen Tag zum „Rot-Weiss-Sperrbezirk“. Doch der erste Aufstiegs-Akt ging gründlich in die Hose. Trotz drückender Überlegenheit und spielerischer Klasse musste der Vereinstross mit einer 0:l-Niederlage die Heimreise antreten. Selbst die besten Torchancen konnten an diesem Nachmittag nicht genutzt werden, und als Frankowski zu allem Überfluss auch noch einen Elfmeter in den hanseatischen Himmel donnerte, hatten die Aufstiegsambitionen der Hafensträßler einen herben Dämpfer erlitten.

„Vor diesem Spiel schien uns der Fußballgott zum ungünstigsten Zeitpunkt verlassen zu haben“, meinte ein sichtlich zerknirschter Trainer Fritz Pliska nachher. Doch der „eiserne“ Fritz sorgte wieder für den richtigen Anschluss an die Himmelsmächte. Beim Süd-Vertreter Schweinfurt 05 und in Saarbrücken spielte seine Mannschaft zwar wieder Herzinfarkt-Fußball, aber diesmal war das glückliche Ende auf Seiten der Bergeborbecker. Jeweils fünf Minuten vor Schluss schlugen Herbert Weinberg bzw. Helmut Littek zu. Zweimal zwei Punkte auf dem Aufstiegskonto: das Bundesliga-Licht leuchtete zart am Essener Fußball-Horizont. Auch im Hexenkessel an der Hafenstraße konnten beide Gegner mit Niederlagen nach Hause geschickt werden. Überhaupt spielten Schweinfurt und Saarbrücken Schicksal für Rot-Weiss, brachten sie doch dem ärgsten Rivalen im erbarmungslosen Kampf um den Platz an der Sonne, dem FC St. Pauli, zwei empfindliche Niederlagen bei.

Der letzte Spieltag musste so die endgültige Entscheidung bringen. Im restlos ausverkauften Georg-Melches-Stadion wollten die Hamburger den Spieß noch zu ihren Gunsten herumdrehen. Doch nur durch einen Sieg mit drei Toren Unterschied hätten die Norddeutschen RWE noch abfangen können. Nach 20 Minuten sorgte ein Mann namens Pape für Grabesstille im weiten Rund. St. Pauli führte 1:0; der nahe Aufstieg schien die Spieler in rot-weiß zu lahmen. Es waren die „alten Haudegen“, die jetzt die Ärmel hochkrempelten. Roß, der bullige Torwart mit der unnachahmlichen Faustabwehr, und die kantigen Verteidiger Fetting, Steinig und Kik schafften es, den Strafraum in eine Festung zu verwandeln. Kein Hamburger Tor bis zum Schlusspfiff: der Jubel an der Hafenstraße steigerte sich zum Orkan. Essen stand erstmalig auf der Bundesliga-Landkarte. Der Chronist erinnert sich noch an ein hoffnungslos überfülltes Kaufhaus „Köster“, in dem er, am ganzen Körper bebend, am Rockzipfel seiner Mutter die Autogramme seiner Helden ergatterte. Wer konnte damals schon ahnen, dass dieser Triumph nur die Ouvertüre zu einem Fünfakter war? Titel: Die (fast) endlose Aufstiegsrunden-Geschichte der Essener Rot-Weissen.

Ein kurzes Jahr in der Bundesliga

So sehr die Fan-Gemeinde auch mit ihren Stars zitterte – das Kapitel 1. Liga war nach einem Jahr kurz und schmerzhaft beendet. Das Schicksal, das heutzutage fast jeden Absteiger ereilt, blieb dem neuen, blutjungen Trainer Erich Ribbeck jedoch erspart. Die Mannschaft ging nicht auseinander und startete in der Regionalliga einen neuen Anfang. So konnte man 1968, nach erbittertem Kampf gegen den Nachbarn Rot-Weiß Oberhausen wieder an die Tür zum Oberhaus klopfen. Die Gegner waren nicht von Pappe. Göttingen 05, Bayern Hof, Hertha BSC und die Sensationstruppe vom SV Alsenborn wollten den direkten Wiederaufstieg verhindern. „Die Ausgangslage war schon reichlich anders als in der ersten Aufstiegsrunde. Beim Publikum galten die Sympathien dem Dorfclub Alsenborn, und die Clubs der ersten Liga wünschten sich nichts sehnlicher als einen Aufstieg des Zuschauermagneten Hertha BSC Berlin“, sollte sich Willi Lippens später erinnern. Und der zweite Anlauf auf die Pfründe der Profi-Liga gestaltete sich dann auch weitaus dornenreicher und letztendlich erfolglos. Mühevolle und äußerst knappe Siege gegen Hof, Göttingen und Alsenborn. Gegen Letztere wurde in Ludwigshafen im Rückspiel vor 60.000 Menschen ein mehr als glückliches 1:1 ermauert. Überhaupt, die Stadien waren proppevoll, egal wo RWE auftauchte. So auch in dem wohl alles entscheidenden Spiel im Berliner Olympiastadion. Unglaubliche 85.000 unterstützten die Herthaner, und die elf Jungs aus dem Ruhrpott ließen sich durch diese Kulisse mürbe machen. Am Ende stand eine 0:2-Niederlage und die Erkenntnis, dass im nächsten Jahr wieder Mannschaften wie der Lüner SV, der VfR Neuss oder der TSV Marl-Hüls ihre Visitenkarten an der Hafenstraße abgeben würden.

Ein neuer Anlauf 1969

Die Regionalliga-Saison 1968/69 war an Dramatik kaum zu überbieten. Erst auf der Ziellinie konnte der VfL Bochum vom zweiten Tabellenplatz verdrängt werden. In der Republik sprach man von den „Aufstiegs-Experten aus dem Essener Norden“. Der dritte Anlauf: Aktive und Fans hatten sich geschworen, dass diesmal wirklich nichts schief gehen durfte. In den Schulklassen taten sich die Pädagogen schwer, die Aufregung ihrer Schützlinge zu dämpfen. In der Pause wurden Tabellen gewälzt, um die Gegner einzuschätzen. In stundenlangen „Tarifverhandlungen“ wurde mit Vater um die Erhöhung des Taschengeldes gefeilscht. Schließlich sollte keine Partie verpasst werden, und auch auf gegnerischem Gelände sollte klar gemacht werden, dass nur eine Mannschaft in die Bundesliga gehörte. Nachdem auch Mutter das rot-weiße Banner gewaschen und um die Aufschrift „Aufsteiger 1969 – RWE“ bereichert hatte, mussten nur noch die Wände des „Kinderzimmers“ in die Vereinsfarben getaucht werden. Die Plakate der Pop-Stars verschwanden in der hintersten Schublade. Sie hatten keine Chance gegen Rausch, Stauvermann, Fürhoff, ter Moors und die „Ente“. So präpariert und mit heißem Herzen konnte in eine Aufstiegsrunde gestartet werden, die von noch keinem Verein so dominiert wurde, wie von der ‘69er Generation der Essener Rot-Weissen. Interims-Trainer Willi Vordenbäumen, einer aus der Meistermannschaft von 1955, hatte, nachdem er das Amt von Kuno Klötzer übernommen hatte, kein Spiel mehr verloren. Mehr noch, unter ihm mauserte sich das Team zu einer echten Angriffsmaschine. Hopp oder Top hieß die Devise der Torfabrik. Der erste Gegner TuS Neuendorf sollte das auch gleich zu spüren bekommen. Doch da war noch etwas Sand im Getriebe, als der Südwest-Zweite Essener Boden betrat. Weil Littek und Lippens ihren Torriecher nicht in der Kabine gelassen hatten, reichte es dennoch zu einem auf dem Papier klaren 4:2. Das Salär des Vaters ließ das Live-Erlebnis des zweiten Dramas im Kampf um den Aufstieg allerdings nicht zu. Die Kompaktanlage, ergattert zur Konfirmation, war Informant über das erste Auswärtsspiel bei der Tasmania aus Berlin. Angenehm, was da durch die Stereo-Boxen zu hören war: Spielerische Klasse bescheinigte der Kommentator den Gästen aus dem Westen. Das Stiefkind des Berliner Fußballs war bei der 0:3-Niederlage völlig chancenlos. Doch die wahrhaft starken Gegner standen ja noch bevor. Der Karlsruher SC, Ex-Bundesligist und als leichter Favorit in den Wettbewerb gestartet, sollte der Maßstab für die Verwirklichung der hoffnungsvollen Träume sein. Tagelang vorher gab es nur ein Diskussionsthema: Wird uns die Schwarzwälder Torte munden, oder werden die Jungs um Käpt’n Kik wieder Opfer ihrer Nerven?

Abwehrbollwerk und Kämpferherz

Die Stimmung auf den ausverkauften Rängen und in der Kabine war bis zum Zerreißen gespannt. Nur einer schien seinen Humor nicht verloren zu haben. Als sich beide Mannschaften kurz vor Spielbeginn im Kabinengang aufstellten, ging Willi Lippens mit verschmitztem Lächeln auf seinen Gegenspieler Ehmann zu und flüsterte ihm, für keinen verständlich, etwas ins Ohr. Der robuste Verteidiger verzog das Gesicht zu einem süß-sauren Grinsen und schloss sich seinen Kameraden, die sich anschickten, in den brodelnden Kessel des Georg-Melches-Stadions einzulaufen, zögernd an. Was sich in den folgenden 90 Minuten auf dem satten Grün abspielte, hat bis heute keiner vergessen, der dabei gewesen ist. Nach kurzer Anlaufzeit steigerte sich die Elf von Willi Vordenbäumen in einen wahren Spielrausch. Kein Ball wurde verlorengegeben. Stand der Gegner mal kurzzeitig im Weg, benutzte ein Kämpferherz wie Heinz Stauvermann eben die Aschenbahn, um ihn außen zu umkurven. Die Abwehr stand wie ein Bollwerk. Fred Bockholt im Tor flehte um Arbeit, doch seine Kumpels hatten den Rasen längst zur Einbahnstraße gemacht. Am Ende dieser Straße wurden die staunenden Betrachter Zeugen einer Zirkusvorstellung. Willi „Ente“ Lippens zauberte, trickste und schauspielerte, was seine krummen Beine hergaben. Gegenspieler Ehmann hatte spätestens nach dem dritten Lippens-Tor schon längst bereut, an diesem Nachmittag die Umkleidekabine verlassen zu haben. Er musste sich fühlen wie eine Slalomstange auf Schwarzwälder Anhöhen im Winter. Mit 5:0 wurde der Südmeister nach Hause geschickt, denn zwei Tore bereitete Zampano Lippens noch uneigennützig vor. Die Essener Fußballwelt hatte spätestens nach diesem Sommer-Wochenende eine Gewissheit: Nur hier im Norden der Ruhrmetropole wird Fußball so zelebriert, wie sonst nirgends in der Republik. Tatort: linker Flügel und Strafraum, Täter: Willi, genannt „Ente“ Lippens. Ach so, was war das denn, was eben jener kurz vor dieser Aufführung seinem Gegenpart namens Ehmann in die Ohrmuschel flüsterte? Originalton Lippens: „Ich hab’ dem verklickert, dass ich festen Willens sei, den Ball dreimal im Netz zu versenken!“ Nachdem er das vollbracht hatte, war jeder im Stadion staunender Zeuge, wie ein nachsichtiger Holländer seinen arg geplagten süddeutschen Arbeitskollegen liebevoll in den Arm nahm. Außerdem machten wir Pennäler eine neue Erfahrung:

Wer flüstert, lügt nicht! Überhaupt, diese Aufstiegsrunde im letzten Jahr der Sechziger ließ kein Abenteuer aus. Kaum hatte man die Heiserkeit vom grandiosen Kantersieg gegen den KSC überwunden, stand schon der nächste Großkampftag an. Ein neuer, gefährlicher Konkurrent wartete mit dem VfL Osnabrück. Die Niedersachsen hatten ihr Stadion an der Bremer Brücke mit einer zusätzlichen Tribüne ausstaffiert, um dem Andrang der rot-weißen Heerscharen gerecht zu werden. 12.000 Essener zwängten sich dann auch in Busse, Autos und Eisenbahnen und machten sich auf den Weg, ein weiteres Erfolgskapitel zu schreiben.

Das Selbstbewusstsein des RWE-Clans war nach dem Spiel gegen den KSC fast schon beängstigend. Wer wollte auch diesen Sturmwirbel jemals stoppen. Die Osnabrücker versuchten es mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln. Doch das Uhrwerk Rot-Weiss schien unaufhaltsam weiterzulaufen. Nach 50 Minuten lagen sich die Mitgereisten schon dreimal selig in den Armen. Jung, Littek und Lippens hatten erbarmungslos zugeschlagen. Wieder einmal Essener Fußball vom Feinsten, wieder einmal ein Gegner, der zum Statisten degradiert wurde. Aber dann kam das, was man eigentlich nach den eindrucksvollen vorherigen Vorstellungen erwarten musste: Der Schlendrian wurde zum zwölften Mann. Wurde der Anschlusstreffer noch als Schönheitsfehler hingenommen, so waren die letzten zehn Minuten fast schon beängstigend. Womit keiner der 30.000 mehr gerechnet hatte, Osnabrück bekam den zweiten Wind, und am Ende stand trotz haushoher Führung ein 3:3- Unentschieden. Sicher, vor dem Spiel hätte man einen Punktgewinn bei den Norddeutschen als Erfolg gewertet. Aber nach dieser Galavorstellung bis zur 70. Minute wurde die Rot- Weiss-Anhängerschaft das Gefühl nicht los, eine Niederlage erlitten zu haben. Trainer Willi Vordenbäumen, der Besonnene, gewann der ganzen Sache allerdings auch positive Aspekte ab: „Die Mannschaft hat gemerkt, daß eine Aufstiegsrunde kein Spaziergang ist. Ich hoffe, die letzten 20 Minuten in Osnabrück haben die Spieler spüren lassen, dass die letzten Begegnungen mit voller Konzentration angegangen werden müssen.“

„Ente“ tanzte wieder

So ganz war „Bruder Leichtfuß“ seinen Schützlingen allerdings wohl doch nicht auszutreiben. Im Heimspiel gegen Tasmania Berlin beschwor die Abwehr manche bedrohliche Situation vor dem Kasten von Fred Bockholt hervor. Die Stürmer hörten nach der ersten Halbzeit mit dem Toreschießen auf, und am Ende stand ein zwar verdienter, aber wenig überzeugender 3:l-Sieg zu Buche. Im Lager der verwöhnten Fans keimte leiser Zweifel. War das Pulver verschossen? Hatte die Aufholjagd der Osnabrücker den Rot-Hemden einen so derben Schock versetzt, dass ihnen auf der Zielgeraden die Luft ausging? Da half nur eins: Schulatlas raus geholt und nach dem Ort des nächsten Auswärtsspiels suchen! Der Finger auf der Landkarte musste Richtung Südwest wandern. Kurz hinter der NRW-Landesgrenze hielt er inne, denn der TuS Neuendorf hatte sich entschlossen, seine Heimspiele in Koblenz auszutragen. Ja, was ein echter Rot-Weisser war, der kam schon rum zu jener Zeit. Aber die landschaftlichen Vorzüge dieses sicher schönen Örtchens interessierten die gut 6.000 Essener zunächst einmal herzlich wenig. Der süffige Wein konnte immer noch genossen werden, wenn die Punkte eingefahren waren. Es war der stille Stürmer-Routinier Herbert Weinberg, der die rot-weiße Seele nach zwölf Minuten beruhigte. In der Folge blieb dem wackeren Südwest-Zweiten keine Luft zum Atmen. Natürlich tanzte auch wieder die „Ente“, und an seiner Seite schwang sich ein junger Spund namens „Nobby“ Fürhoff zur Hochform auf. Am Ende stand ein kolossales 5:0, und an diesem Sonntag-Nachmittag wurde das geliebte Glas Pils mal mit einer vollmundigen Flasche Wein vertauscht.

Wieder zu Hause blieb kaum Zeit zum Verschnaufen. Der kommende Juni-Mittwoch sollte der Tag der Aufstiegsfeier sein. Schließlich hatte die Rot-Weiss-Familie mit den Osnabrückern noch eine Rechnung offen. Winzige zwei Punkte fehlten noch zur endgültigen Glückseligkeit. Natürlich war die Hütte wieder voll bei diesem Spiel, das alles entscheiden sollte. Schon eine Stunde vor Spielbeginn waren die Schlachtgesänge aus der Westkurve mindestens bis Gelsenkirchen zu hören. Wer weiß, was Willi Lippens diesmal seinen Gegenspielern eingeflüstert hatte? Jedenfalls bot das Team an diesem Abend Fußball zum Verlieben. Angriff auf Angriff rollte auf das niedersächsische Tor. Die Jungs von der Bremer Brücke müssen sich vorgekommen sein, wie in der altbekannten Geschichte von Hase und Igel. Schon zur Halbzeit war das Buch der ‘69er Aufstiegsrunde zugeklappt. 3:0 stand es zu diesem Zeitpunkt, und diesmal sollte der komfortable Vorsprung nicht mehr abgegeben werden. Die zweiten 45 Minuten waren nur noch eine gigantische Aufstiegsfeier. 30.000 Kehlen begleiteten die Vordenbäumen-Truppe singend in den Himmel der l. Liga. Das letzte Spiel in Karlsruhe war nur noch Pflichtübung.

Noch nie hatte ein Club so eindrucksvoll eine Aufstiegsrunde bestritten: 28 Tore in acht Spielen. Das Ganze ohne Niederlage, und ein einsamer Torschützenkönig Willi Lippens mit zehn Treffern. Experten schnalzen noch heute mit der Zunge, wenn sie an die Leistungen denken, die damals auf den Rasen des Georg-Melches-Stadions gezaubert wurden. Wer die eindrucksvollen Siege live mit verfolgen konnte, ist auch heute noch der Meinung, dass spielerisch nur ganz selten besserer Fußball von einer Essener Fußballmannschaft geboten wurde. ,,Wir waren wirklich eine eingeschworene Gemeinschaft. Jeder wusste, was er auf dem Rasen zu tun hatte. Außerdem spielte der Großteil von uns ja schon seit Jahren zusammen“, schwärmt Publikums-Liebling Willi Lippens noch heute: „Schließlich waren wir die erste Truppe, die eine Aufstiegsrunde ohne Niederlage überstand, trotz solcher Vorgänger wie Mönchengladbach oder Bayern München.“

Aller guten Dinge sind drei

Diesmal ließ man sich zwei Jahre bis zum erneuten Abstieg Zeit, obwohl zwischenzeitlich sogar einmal die Tabellenspitze erklommen werden konnte. Es war das Jahr des Bundesligaskandals. Während RWE, das auf ehrliche Weise versucht hatte, die Liga zu erhalten, den bitteren Weg in die Zweitklassigkeit antreten musste, konnte z. B. in der Nachbarstadt Gelsenkirchen, trotz Meineid und Bestechungsgeld, fröhlich Erstligafußball zelebriert werden. Aber damals herrschte noch ein anderer Geist an der Hafenstraße. Der sofortige Wiederaufstieg war ausgemachte Sache. Mit eindrucksvoller Rückrundenserie von 32:2 Punkten wurde unter dem ungarischen Trainer Janos Bedl das Ziel Aufstiegsrunde erneut erreicht. Bedl, leider viel zu früh verstorben, hatte Willi Vordenbäumen abgelöst, der seinerseits ja schon einmal für einen erfolgreichen Aufstieg gesorgt hatte. Der temperamentvolle Weltenbummler verstand es, eine Mannschaft zu motivieren. Sein Leben war Fußball. So sagte er einmal: „Wenn Arzt will zapfen Blut, wird nicht gehen – kommen aus meinem Körper doch nur lauter kleine Fußbälle!“

Der Ball rollte auch 1972 nicht schlecht für RWE. Nach dem erwarteten 5:0 gegen Wacker Berlin, gelang es beim schärfsten Konkurrenten, den Offenbacher Kickers, einen Punkt zu entführen. Es war wieder einmal die „Ente“, die ihrem alten Kameraden Fred Bockholt zwei Eier ins Netz legte. Vorher hatten die beiden noch zusammengesessen und über alte Zeiten palavert. Dabei kam auch das legendäre Spiel bei den Münchener Bayern zur Sprache. Damals waren Lippens und Bockholt mit einem Privatwagen an die Isar gefahren. Als das Spiel angepfiffen werden sollte, mussten sie verwundert feststellen, dass der Mannschaftsbus mit dem Rest der Truppe noch nicht eingetroffen war. So waren die beiden Recken alleine gezwungen, gegen Beckenbauer & Co. anzutreten. Lippens erinnert sich: „Der Fred hielt wie ein Weltmeister. Und dass ich gegen die Bayern immer in Superform war, brauch ich ja nicht zu erwähnen. Jedenfalls stand es schon 3:0 für uns, als der Katsche Schwarzenbeck mich ganz übel von den Beinen holte. Erst zwei Stunden später bin ich im Krankenhaus wach geworden. Da stand dann der Fred an meinem Bett. Das erste, was ich stammeln konnte, war: „Wie ist die Partie denn ausgegangen?“ Bockholt antwortete mit tränenerstickter Stimme: „Willi, wir haben noch 3:7 verloren. Stell dir vor, der Mannschaftsbus ist noch gekommen!“

Nun, nach der Aufstiegsrunde wird Fred Bockholt mehr zu lachen gehabt haben als sein rot-weisser Kontrahent. Denn im Rückspiel an der Hafenstraße ergatterten seine Offenbacher mit einem 1:1 einen wichtigen Punkt. Das Torverhältnis entschied letztendlich über den Aufstieg. Und da hatten die Hessen die Nase vorn. Ohne Niederlage, in den letzten 30 Spielen unbesiegt, musste RWE dennoch in den bitteren Apfel einer weiteren Zweitklassigkeit beißen.

Im folgenden Jahr war man wieder da. Nach souveräner Meisterschaft in der Regionalliga West, stellte sich zum fünften Mal eine RWE-Mannschaft ihren Gegnern in einer Aufstiegsrunde. Und diesmal ließ sie sich nicht die Butter vom Brot nehmen. De Vluigt, Bast, Fürhoff und natürlich Lippens wirbelten, dass es die reinste Pracht war. Mit sechs Punkten Vorsprung vor dem nächsten „Verfolger“ Darmstadt 98 und mit 23 Toren in acht Spielen setzte sich das Team von Horst Witzler eindrucksvoll gegen die Konkurrenz durch. Was folgte, waren vier Jahre hintereinander Erstligafußball in Essen. Als Rot-Weiss danach noch zweimal an das Tor zur Erstklassigkeit klopfte (und scheiterte) gab es die gute, alte Aufstiegsrunde nicht mehr. Die Regionalligen waren zu zwei Bundesligen zusammen gefasst worden. So war der Aufstieg 1973 der letzte Sprung einer Fußballmannschaft aus dieser Stadt in die Höhen der Erstklassigkeit. Nach dem Abstieg 1977 wurde dem begeisterungsfähigen Publikum an der Hafenstraße nur noch Zweitklassigkeit, und zwischenzeitlich sogar Amateurfußball, geboten. Manch einer mag diesen oder jenen Funktionär verfluchen, der das Flaggschiff des Essener Fußballs in die Niederungen des Profi-Fußballs steuerte. Doch halten wir es wie Willi Lippens, der durch das Feuer aller fünf Aufstiegsrunden ging, und nehmen die Sache mit Humor: „Damals waren wir für die Regionalliga einfach zu gut und für die erste Liga zu schwach. So war für den Zuschauer immer was los. Entweder Aufstiegs- oder Abstiegskampf. Die Hütte war immer voll!“

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