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revierkick

Die großen Erfolge

Borussia Dortmund Europapokalsieger 1966

Libudas längste Rede

Am 6. Mai 1966, es war noch recht früher Vormittag, bestellten einige Herren an der Bar des Londoner Flughafens Heathrow Bier. Sie trugen graue Hosen, die ein wenig aus der Facon geraten waren, dazu dunkelblaue Blazer mit einem Wappen auf der Brust. Den frischesten Eindruck machten sie nicht gerade, sondern sahen eher etwas mitgenommen aus, wie nach einer langen Nacht, mit allem Drum und Dran. Warum auch nicht, dachten sich die Passagiere, die um diese Stunde auf den Beinen waren. Schließlich befanden sich die Herren im besten Alter. Aber hier handelte es sich nicht um einen Klub von Kegelbrüdern, sondern um die Mannschaft, von der seit zwölf Stunden die Fußball-Welt spricht: vom Europacupsieger Borussia Dortmund. Und zwei von denen, die maßgeblich an der Sternstunde des BVB beteiligt waren, genehmigten sich noch nachträglich einen Schluck auf diesen Triumph: Es waren Sigi Held und „Stan“ Libuda, die Torschützen beim 2:1 gegen die konsternierten Liverpooler, die gar nicht begriffen, was sich an diesem 5. Mai 1966 eigentlich abgespielt hatte. Major Ottmar Rhein, Presseoffizier bei der 7. Panzergrenadier-Division, ging direkt auf Libuda zu. Rhein war seit langem BVB-Freund und in seiner Presseabteilung wurde viel über Fußball geredet. Kein Wunder, dass in dieser Schreibstube auffallend viele Fußballer saßen und einige von ihnen – welche Häufung von Zufälligkeiten – bei den Borussen kickten. Rhein wollte vom „Stan“ wissen, wie er denn, der vieles besaß, was ein grandioser Fußball besitzen musste, aber bestimmt nicht die „Torgefährlichkeit“, wie nun ausgerechnet er dazu gekommen sei, solch ein Tor zu fabrizieren? „Sie kennen doch was vom Fußball, und Sie wissen doch auch, dass die deutschen Rechtsaußen oft die entscheidenden Tore gemacht haben, und diesmal war ich an der Reihe“, antwortete Libuda, und das war wohl eine der längsten Reden, die der schweigsame Dribbelkünstler je in seinem Leben gehalten hatte.

Der Weg durch Europa

Vor dem Finale in Glasgow hatte der BVB aber schon etliche Stationen quer durch Europa bewältigt. Dem leichten Aufgalopp mit 5:1 und 8:0 – mit sechs Toren von Lothar „Emma“ Emmerich! – gegen La Valetta aus Malta folgten die dicken Brocken: der raubeinige bulgarische Armeeklub ZSKA Sofia. Mit einem souveränen 3:0-Sieg im Hinspiel schien für den BVB alles klar, aber niemand rechnete mit den fanatischen 31.000 Zuschauern im Armee-Stadion, die ihre Mannschaft zu wilden Attacken nach vorne trieben. Und als sich das Unterfangen zunehmend als nutzlos erwies, stand die Partie in der letzten Viertelstunde kurz vor dem Abbruch. „Hoppy“ Kurrat verlor nach etlichen Provokationen (inklusive einer Ohrfeige) die Nerven und trat seinen Gegenspieler vor den Augen des Schiedsrichters, der dies mit der Roten Karte ahndete. Viele versteckte Fouls der Bulgaren waren dagegen ungesühnt geblieben. Die Dortmunder waren anschließend froh, der „Hölle von Sofia“ glimpflich entkommen zu sein. Kurrats anstehende Sperre übrigens wurde nach einem objektiven Bericht von Bulgariens Fußball-Präsident Dr. Donski über die Zustände in Sofia von der UEFA aufgehoben.

In der nächsten Runde wartete Atletico Madrid, gegen die in der jungen Europacup-Geschichte noch nie eine deutsche Mannschaft weitergekommen war (ausgeschieden: Schalke 1959, Werder Bremen 1962, 1.FC Nürnberg 1963). Eine imponierende Borussia mit dem Torgaranten Emmerich brachte aus Madrid ein 1:1-Unentschieden mit und nach der bekannten Europapokal-Arithmetik, dass Auswärtstore „doppelt“ zählen, reichte damit im Rückspiel ein 0:0. Entsprechend entwickelte sich ein defensiv-geprägtes, miserables Spiel im Stadion Rote Erde, das der BVB schließlich sogar mit 1:0 gewann. „Dass es kein schönes Spiel würde, wussten wir“, kommentierte Trainer Willy „Fischken“ Multhaup den Einzug ins Halbfinale, wo der Gegner West Ham United hieß. Eine lösbare Aufgabe, denn die „Hammers“, der amtierende Titelverteidiger mit seiner Garde von Nationalspielern, von denen ein paar Wochen später Bobby Moore, Geoff Hurst und Martin Peters Weltmeister werden sollten, befanden sich in einer Formkrise und kämpften in der Liga gegen den Abstieg. Aber pünktlich zum Halbfinale zeigten sie eine ihrer besten Saisonleistungen. Der Upton Park stand vor allem nach der Pause Kopf, als Moore und Peters das Spiel stetig nach vorne trieben. Nach dem 1:0 durch Peters geriet die Borussen-Abwehr massiv ins Schwimmen. Ein zweiter oder dritter Treffer schien nur noch eine Frage der Zeit, aber ein guter Hans Tilkowski und ein überragender Stopper Wolfgang Paul warfen sich unermüdlich den Angriffen entgegen. Und dann kam „Emma“. Aus dem Nichts markierte er vier Minuten vor dem Schlusspfiff den Ausgleich. West Ham schien völlig konsterniert, was der BVB im Stile einer Klassemannschaft eiskalt ausnutzte. Sigi Held angelte sich den Ball, stürmte am linken Flügel an seinem Gegenspieler vorbei und flankte in den Strafraum, wo es wieder „Emma“ war, der mit letzter Kraft in den Ball hechtete: 2:1 für Borussia. Die „terrible twins“, die fürchterlichen Zwillinge Held und Emmerich, wie die wortfindige englische Presse schrieb, hatten unerwartet zugeschlagen. Bundestrainer Helmut Schön telegrafierte „Herzliche Glückwunsche zu eurem großartigen Sieg im Europapokal. Nur weiter so!“ Und des Bundestrainers Worte nahm einer besonders ernst: Lothar Emmerich. Kaum waren 25 Sekunden im Rückspiel gespielt, da feuerte er mit seiner linken Klebe einen Ball gegen die Latte. Alles schaute verdutzt, nur der Dortmunder Stürmer reagierte geistesgegenwärtig und hechtete dem zurückprallenden Ball entgegen und beförderte ihn per Kopf ins Netz. Es stand also 1:0 für Borussia, bevor noch ein englischer Spieler den Ball berührt hatte. 29 Minuten später hämmerte wiederum Emmerich einen Freistoß zur endgültigen Entscheidung in die Maschen. Am Ende hieß es 3:1 für den BVB und die Tickets nach Glasgow konnten gelöst werden.

Borussia Dortmund – wer ist das denn?

Bill Shankly, der Manager des FC Liverpool, demonstrierte im Vorfeld des Endspiels Selbstbewusstsein: „Borussia Dortmund – wer ist das denn?“, kanzelte er seinen Gegner geringschätzig ab. Am Tag des Finales präsentierte sich Glasgow ganz in grau mit Nieselregen und tief hängenden Wolken. 20.000 Fans aus Liverpool verbreiteten in der Stadt Endspielstimmung, aber statt der erhofften 120.000 verloren sich am Abend nur 41.657 Zuschauer im riesigen Hampden-Park. Für die Schotten war die Partie mehr oder weniger bedeutungslos: die deutsche Mannschaft kannte niemand und der FC Liverpool war sogar verhasst, da die „Reds“ im Halbfinale Celtic Glasgow in einem höchst umstrittenen Spiel aus dem Rennen geschmissen hatten.

Das Spiel verlief relativ einseitig. Borussia schien angesichts der großen Aufgabe wie gelähmt und veranstaltete im Spielaufbau geradezu ein Fehlpass-Festival, geprägt von unkontrollierten Befreiungsschlägen „nach vorn“. Der Liverpooler Dominanz begegnete man mit kollektiver Kampfkraft und einer konzentrierten Defensivarbeit. Nur ab und an glänzte über Sigi Held mal ein Konter auf. Ein relativ niveauarmes Spiel lief so dahin, aber plötzlich stand es 1:0 für Borussia. Emmerich hatte vom linken Flügel geflankt und Held nutzte den Raum zwischen zwei Verteidigern und hob den Ball nach 61 Minuten ins Liverpooler Netz. Die Freude währte allerdings nur sieben Minuten. Roger Hunt nahm eine Vorlage von Thompson direkt und glich zum 1:1 aus. Die Dortmunder reklamierten vergebens, dass der Ball bereits vor der Hereingabe die Toraußenlinie überschritten hätte. Unentschieden. Verlängerung. Borussia hielt nur noch mit Glück das Remis. Dann aber jene 107. Minute, die Geschichte schrieb: Sigi Held schoss in einer der seltenen Kontersituation den herauslaufenden englischen Torwart Lawrence an. Der Ball prallte zu Libuda, der im bisherigen Spielverlauf äußerst blass geblieben war. Ausgerechnet zu Libuda, der sich doch noch nie als kaltblütiger Torschütze ausgezeichnet hatte! „Sigi lief durch und ich mit. Ich sah, wie der Ball abprallte und sah ihn kommen. Mit dem linken Auge bemerkte ich das leere Tor, da hab ich abgezogen. Ich dachte mir: Jetzt oder nie! Als der Ball in der Luft war, spürte ich, der geht rein“, schilderte „Stan“ später die entscheidende Situation. Tatsächlich landete der Ball aus über 35 Metern im Tor – jedenfalls mehr oder weniger. Schaut man sich die Fernsehbilder genau an, erkennt man, dass der verzweifelte Rettungsversuch des englischen Stoppers Ron Yeats, der die Bogenlampe noch mit der Hand aus dem Tor befördern wollte, bitter bestraft wurde: Der Ball prallte erst gegen den Pfosten, und von da gegen den rückwärtstaumelnden Körper Yeats, der den Ball endgültig ins Tor bugsierte. Nach kräftezehrenden 120 Minuten gelang dem BVB die Sensation: In der Nacht des 5. Mai 1966 hielten zum ersten Mal deutsche Fußballer einen Europapokal in ihren Händen. Bill Shankly blieb nur die resignative Bemerkung: „Die bessere Mannschaft hat das Spiel verloren. So ist das nun einmal im Fußball.“ Von der Spielanalyse her hatte er sicher Recht, aber interessierte das jemanden?

„Was ist denn hier los?“, fragte Gerd Cyliax bei der Landung in Köln. Eine riesige Menschenmenge hatte sich versammelt, Jubel aus Tausenden von Kehlen, eine Jazzband spielte und auf dem Rollfeld lag ein roter Teppich wie bei einem Staatsbesuch. Nur ein Vorgeschmack auf das, was noch in Dortmund folgen sollte. Die ganze Stadt schien auf den Beinen zu sein: 300.000 Menschen empfingen ihre „Helden von Glasgow“.

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