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Die großen Erfolge

VfL Bochum Vize-Pokalsieger 1968

Der VfL wollte …

Der Pokal hat seine eigenen Gesetze. Selten einmal traf diese Fußball-Weisheit so zu wie in der Spielzeit 1967/68. Da zitterte sich der Regionalligist VfL Bochum mühsam durch die Pokalqualifikation, um dann ab der ersten Hauptrunde ganz groß aufzuspielen. Dabei war aller Anfang schwer. Zum ersten Spiel im westdeutschen Pokal brauchte der VfL allerdings nicht weit zu reisen. Zur Partie beim Verbandsligisten SG Wattenscheid 09 reichten Tickets für die Straßenbahn. Werner Eversberg erzielte für den VfL mit einem verwandelten Foulelfmeter schon nach vier Minuten das Tor des Tages. Wirklich niemand konnte zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass fast die gleiche Mannschaft ein Jahr später nach dem DFB-Pokal greifen würde. Nach Siegen über den TSV Marl-Hüls (2:1), bei Marathon Remscheid (5:3 n.V.) und gegen ETB Schwarz-Weiß Essen (2:1) war die Qualifikation für den DFB-Pokal geschafft. Jetzt warteten die Bundesligisten auf die jungen Bochumer.

In der 1. Hauptrunde wurde der Karlsruher SC mit 3:2 niedergerungen, was „zur Kenntnis“ genommen wurde. Schließlich befand sich der KSC auch in der Bundesliga in einer Krise und konnte durchaus bei einem ambitionierten Regionalligisten verlieren, ohne das es gleich eine Sensation gewesen wäre. Am Karnevalswochenende 1968 kam der VfB Stuttgart an die Castroper Straße und wurde ebenfalls geschlagen. Wenige Wochen später schossen Werner Balte und Charly Böttcher mit ihren Toren den Meisterschaftsaspiranten Borussia Mönchengladbach aus dem Wettbewerb, und in der Presse begann man von der unheimlichen Siegesserie der Bochumer zu schreiben. Die Auslosung für das Halbfinale brachte wieder ein Heimspiel und den FC Bayern München als Gegner. In Bochum war die Hölle los. Die Kartennachfrage übertraf alles bisher da gewesene. Über 40.000 Zuschauer im hoffnungslos überfüllten Stadion hofften auf die nächste Sensation. Bereits nach 5. Minuten hämmerte „der Steiger“ Jörg Jansen den Ball zum 1:0 ins von Sepp Maier gehütete Netz. Die Zuschauer sprangen wie elektrisiert auf und wurden für den VfL zum berühmten „zwölften Mann“. Nach knapp einer Stunde erhöhte Werner Balte auf 2:0 und auch der Anschlusstreffer kurz vor Schluss konnte die Sensation nicht mehr verhindern: zum zweiten Mal stand ein Zweitligist im Pokalfinale. Ganz Deutschland sprach voller Respekt von den „Eppenhoff-Buben“.

Ratssitzung im Stadion

Im Bochumer Tierpark packte Horst Christopeit einen Geißbock bei den Hörnern. Böttcher, Eversberg und Blome nahmen das Kölner Maskottchen im Sprung. Der VfL demonstrierte im Vorfeld des Finales gegen den 1.FC Köln Optimismus, doch schon Bayern-Trainer Tschik Cajkovski hatte nach dem Halbfinale prognostiziert: „Im Endspiel haben die Bochumer keine Chance. Dort fehlt ihnen die Kulisse, ohne die sie nur halb so gut sind.“ In Bochum wollte jeder beim Spiel des Jahres dabei sein, und wer etwas auf sich hielt, der hatte ein Ticket mit den braunen Fahrkarten, denn die waren für den ersten von sechs Sonderzügen, die vom Bochumer Hauptbahnhof Richtung Süden rollten, gültig. Der Stehplatz kostete fünf Mark, da blieb viel Geld für den Proviant übrig. Der leider verstorbene Walter Szech kümmerte sich um die notwendige Verpflegung: 28.000 Dosen Bier, 4.000 Flaschen Limonade, 2.000 Schweineschnitzel, 2.000 Fleischwürste, 2.000 Mettwürste und einen Zentner Geflügelsalat. In jedem Zug sorgten sechs Mitarbeiter dafür, dass das Bier floss. Nur im Jugendsonderzug war alkoholfreie Zone. 15.000 Bochumer Anhänger belagerten Ludwigshafen schon in den frühen Morgenstunden. Sogar Bochums Stadtparlament hatte die Ratssitzung ins Südweststadion verlegt.

Alles war angerichtet, nur der VfL wirkte auf dem Platz merkwürdig „flau“. Der Außenseiter zeigte Nerven vor dem namhaften Aufgebot der Geißböcke. Zu allem Unglück verletzte sich kurz nach Spielbeginn auch noch Dieter Versen, und es passte ins Bild, dass ausgerechnet Jablonski den Ball per Kopf zum 0:1 ins eigene Tor lenkte. Aber jetzt begann der VfL, um seine Chance zu kämpfen. Böttcher erzielte den kurzzeitigen Ausgleich, bevor Rühl im Gegenzug die erneute Kölner Führung gelang. Auch in der zweiten Hälfte blieb der VfL dran, aber ohne Fortüne. Noch einmal Rühl und Löhr stellten den am Ende zu deutlich ausgefallenen Kölner Sieg sicher. 50.000 Zuschauer zollten beiden Mannschaften Applaus – auch Ex-Bundestrainer Sepp Herberger: „Allen Respekt vor der Bochumer Mannschaft. Sie hat Pokalblut.“

Der VfL hatte sich tapfer geschlagen, was auch Karl-Heinz Thielen, der Kölner Spielführer, anerkannte. Er schleppte den mit Sekt gefüllten Cup in die Bochumer Kabine und ließ den Gegner kräftig schlucken. Beim anschließenden Bankett sprach Ottokar Wüst die fast philosophischen Worte: „In großen Dingen genügt es, gewollt zu haben“, während sich in Bochum eine ganze Stadt zum Empfang der Mannschaft rüstete. Die übernächtigten Spieler trauten ihren Ohren nicht, als der Zug den Hauptbahnhof erreichte. Obwohl die Polizei die Bahnsteige gesperrt hatte, bekam man kaum ein Bein auf die Erde. 15.000 Menschen feierten vor dem Rathaus ihre Helden, nachdem die Fahrzeuge für eine fünfminütige Strecke eine gute Stunde gebraucht hatten. Die Menschen der Stadt teilten offensichtlich die Meinung des ersten Vorsitzenden: sie wussten, „ihr Vau-Eff-Ell“ hatte gewollt.

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