Impressum | Kontakt

revierkick

Die großen Erfolge

FC Schalke 04 Vize-Pokalsieger 1969

Ein Traditionsverein meldete sich zurück

Erstmals wurde in Schalke konsequente Einkaufspolitik betrieben. "Volkstribun" Günter Siebert, der sich selbst ein "Diamantenauge" bescheinigte, holte begabte junge Leute an den Schalker Markt und sein unbestreitbares Charisma sorgte dafür, dass in der Stadt wieder Hoffnung aufkeimte. Beim Spiel saß der Präsident neuerdings mit auf der Trainerbank. Wenige Tage nach Sieberts Amtsantritt machte Hans-Jürgen Wittkamp aus Gelsenkirchen-Resse sein erstes Spiel und auch Manfred Pohlschmidt entwickelte sich zu einer Verstärkung. Zu Beginn der Saison 1968/69 wurde "Stan" Libuda zurückgeholt und der Wiener Ballkünstler Franz Hasil eingekauft. Aus Marl-Hüls kam Mittelfeldspieler Herbert Lütkebohmert und vom MSV Duisburg Heinz van Haaren. Als sich in der Hinrunde der erhoffte Erfolg nicht einstellte, gingen erneut Krisenmeldungen durch die Presse: "Präsident Siebert ist verzweifelt. Trotz teurer Einkäufe steht Schalke nach sieben Spielen mit 1:13 Punkten an letzter Stelle. Trainer Günter Brocker hatte man rausgeschmissen! Ein Witz, sagen die einen - eine Tragödie, die anderen. Unter Tage kann es nicht düsterer sein als die Stimmung rund um die Glückauf-Kampfbahn."

Die sportliche Tristesse zwang den Vorstand zum Handeln, und als neuer Trainer wurde am 22. November 1968 Rudi Gutendorf verpflichtet. Unter ihm wurde in Schalke erstmals profimäßig trainiert und ein modernes Spielsystem eingeführt. Norbert Nigbur, seit 1966 die "Nr. 1" im Tor, erinnert sich an den Schwung, den der neue Trainer mit sich brachte: "Mit dem Mann kam Farbe in den Verein. Schon damals hatte Gutendorf viel von der Welt gesehen, war im Ausland erfolgreich, hatte ein gewisses Flair. Das tat Schalke gut, denn solange ich bis dahin dort war, spielte sich gedanklich alles rund um den Schalker Markt ab. Gutendorf brachte ein neues Denken. Es ging nicht mehr um die Frage, ob und wie wir den rettenden 16. Platz packen, sondern darum wie wir ins obere Tabellendrittel kommen. So etwas zu vermitteln, ist bei einer Profimannschaft immer auch eine Frage der Glaubwürdigkeit. Inwieweit kann man den Mann ernst nehmen? Ihm traute man es zu, dass er den Mumm dazu hatte. All das riss die Spieler mit. Es hatte auch damit zu tun, dass er ein perfekter Showmann war. So gesehen war er der Vorgänger vom Udo Lattek." In diese Rubrik gehört wohl auch die berühmte Geschichte, wie Gutendorf seine Fußballer morgens um fünf Uhr an den Zecheneingängen vorbeilaufen ließ, damit die einfahrenden Kumpels sehen konnten, dass die Profis ebenfalls hart malochten. Aber mit solch demonstrativen Maßnahmen gelang es ihm, sowohl die Begeisterung für den S04 wieder zu erwecken, als auch seinen Spielern neues Selbstvertrauen mit auf den Platz zu geben.

Die Fans stöhnen: Immer wieder Gerd Müller

Für einen Spitzenplatz in der Bundesliga war es zu spät, obwohl Schalke zur besten Mannschaft der Rückrunde wurde und die Saison mit einem zufriedenstellenden 7. Platz beendete. Aber im Pokal war noch alles drin. Im Halbfinale dauerte es 210 Minuten, bevor zwischen zwei gleichstarken Mannschaften eine Entscheidung gefallen war. Besonders im zweiten Abschnitt des Wiederholungsspiels gegen den 1.FC Kaiserslautern erzwangen die Knappen durch eine bravouröse Energieleistung und unter der Regie des überragenden Heinz van Haaren die Entscheidung: 17:2 Ecken und 3:1 Tore sprachen für die Königsblauen. Eine Woche nach Ende der Saison hieß der Endspielgegner im Frankfurter Waldstadion Bayern München, der frisch gekürte Meister. Das Finale wurde eins jener Spiele, für die die Bayern in den kommenden Jahrzehnten berühmt werden sollten: irgendwie überzeugten sie nicht, wirkten stets etwas pomadig, aber am Ende gewannen sie doch. In dieser kalten Abgeklärtheit und in den Starallüren eines Franz Beckenbauer, von denen die Presse berichtet, deutete sich bereits die hochnäsige Erfolgsmaschinerie der kommenden Bayern-Jahre an. Den Unterschied in dieser Partie machte allerdings allein Gerd Müller aus. Das erste Tor war ein typisches Müllertor: umringt von drei Schalkern bekam er im Sechzehner den Ball, drehte sich blitzschnell und schoss hoch an Nigbur vorbei ein. Schalke bemühte sich um den Ausgleich, und nur wenige Minuten später bekam Manfred Pohlschmidt den Ball weit außerhalb des gegnerischen Strafraums. Vergebens schaute er sich nach einer Anspielstation um und nahm schließlich seinen ganzen Mut zusammen und schoss aus etwa 25 Metern den Ball unhaltbar ins obere rechte Eck. Der Ausgleich war geschafft, bis wieder Gerd Müller zuschlug: mit 2:1 für die Bayern ging es in die Halbzeit und so blieb es auch bis zum Abpfiff. Die Schalker kämpften zwar unverdrossen weiter, konnten die Abwehr um "Schorsch" Schwarzenbeck und Franz Beckenbauer aber nicht mehr ernsthaft in Gefahr bringen. Auf der anderen Seite war von Gerd Müller 85. Minuten lang nichts zu sehen gewesen - bis auf jene zwei Aktionen. Aber das war ja das Geheimnis dieses Mannes: den Gegner "einschläfern" und dann blitzschnell zuschlagen.

Gegen diese Münchener hatten die Schalker noch keine Chance. Zum ersten Mal seit 32 Jahren gelang wieder einer Mannschaft das Double, davor war es 1937 - und solche Pointen liefert manchmal die (Fußball-)Geschichte - Schalke 04. In Schalke aber wurden die unerwarteten Vorboten eines neuen Frühlings begeistert gefeiert. Es gab wieder einen Triumphzug und einen Empfang durch den Oberbürgermeister. Wer wusste damals schon, wann es wieder etwas zu feiern gab?

Bild s0469




Meine Fussballverein Community