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Die großen Erfolge

VfL Bochum Aufstieg in die Bundesliga 1971

Ottokars Visionen

Ottokar Wüsts Vision von einem erstklassigen VfL war lange in Bochum belächelt worden. Da, wo andere Vereine auf eine große Tradition verweisen konnten, musste der VfL erst selbst tätig werden. 1953 stieg man in die Oberliga West auf, mischte aber mehr schlecht als recht in der Straßenbahn-Liga des Westens mit: 1955 Abstieg, 1956 Wiederaufstieg, 1961 erneuter Abstieg. Als 1963 die Bundesliga gegründet wurde, schaffte der VfL noch nicht einmal die Qualifikation für die Regionalliga West und verschwand in der Verbandsliga Westfalen. Doch der neue Präsident ließ sich nicht beirren. Per Münzwurf gelingt 1965 die Rückkehr in die Regionalliga. Stückchen für Stückchen führten der Textilkaufmann Wüst und seine Vorstandskollegen den VfL an die Eliteklasse heran und setzten dabei konsequent auf die Jugendarbeit. Zwischen 1965 und 1970 holte die A-Jugend des VfL dreimal die westdeutsche Meisterschaft und 1969 gewann man sogar die erstmals ausgespielte Deutsche Jugendmeisterschaft. Zudem glänzte der Verein durch eine geschickte Einkaufspolitik: 1969 kam Torjäger Hans Walitza von SW Essen und der beim HSV ausrangierte ehemalige Nationalspieler Werner Krämer wurde für den Spottpreis von 80.000 DM verpflichtet. Ein Teilerfolg stellte sich ein: der VfL wurde Westmeister 1970, scheiterte aber in der Aufstiegsrunde an den Offenbacher Kickers. Nach Abschluss der Gruppenserie lag das Team von der Castroper Straße drei Zähler hinter den Offenbacher Kickers: die direkten Spiele gegeneinander gaben den Ausschlag. Dass der VfL in der Runde die meisten Zuschauer hatte (22.200 pro Begegnung), zudem mit Hans Walitza (8 Tore) den gefährlichsten Angreifer stellte, wurde zur Nebensächlichkeit. Viele kannten den Grund, warum es der VfL im ersten Anlauf nicht geschafft hatte: „Eia“ Krämer, Bochums genialer Spielmacher, wurde vom Offenbacher Waida im Hinspiel so gnadenlos attackiert, dass er nach einer knappen Stunde in die Kabine musste. Nach einer 1:0-Führung verlor der VfL noch mit 1:2 und für Krämer war die Aufstiegsrunde beendet. Trainer Eppenhoff aber blieb optimistisch: „Im nächsten Jahr schaffen wir es!“

Die Wende beim Herrenabend

Doch um beim Konzert der Aufstiegskandidaten 1971 dabei zu sein, bedurfte es Schwerstarbeit. Zuerst musste Werner Krämer davon überzeugt werden, nicht seine Fußballschuhe an den Nagel zu hängen. Es war die Mannschaft, die an ihren Präsidenten herantrat: „Tun Sie noch ein paar Kohlen drauf oder tun sie sonst was. Aber sorgen Sie auf jeden Fall dafür, dass er bleibt.“ Er blieb. Zusätzlich verstärkte man sich noch einmal mit Torwart Jürgen Bradler (TB Eickel), dem Vorstopper Manfred Rüsing (Lüner SV) und dem Stürmer Hans-Werner Hartl (Hamborn 07). Aber bereits in der Hinserie schien die Regionalliga-Konkurrenz aus Düsseldorf und Wuppertal dem VfL uneinholbar zu enteilen. Als dann noch am 25. Januar 1971 im Stadion am Wuppertaler Zoo verloren wurde, schien die Qualifikation dahin. In dieser Situation, in der die Mannschaft einen moralischen Knacks hätte davontragen können, reagierte wieder einmal der Präsident: Spontan lud Ottokar Wüst die Spieler zum Spanferkelessen und zu einem ausgesprochenen „Herrenabend“ ein. Der „blaue“ Manfred Rüsing erinnert sich: „An diesem Abend wurden wir wieder eine feste Gemeinschaft.“ Zudem nahmen Hermann Eppenhoff und Ottokar Wüst in unzähligen Gruppen- und Einzelgesprächen den Druck von den Spielern. Die psychologischen Maßnahmen zeigten Erfolg. Es folgte eine sensationelle Aufholjagd, die in einer Serie von 27:1 Punkten ihren krönenden Abschluss fand.

Doch beinahe wären alle Bemühungen doch noch umsonst gewesen. Da jubelten die Fans am 3. Mai noch über den überraschenden Punktverlust der Wuppertaler Konkurrenten in Aachen (2:2), bei dem der spätere VfL-Torhüter Werner Scholz die Alemannia vor einer Niederlage bewahrte. Und dann brachte einen Tag später Gast Fortuna Köln die VfL-Fans an den Rand der Verzweiflung. Trotz einer 1:0-Führung für den VfL stand es bis zehn Minuten vor Schluss 2:1 für die Kölner Südstädter. 15.000 schöpften Hoffnung, als Werner Balte in der 80. Minute der Ausgleich gelang. Doch um den Sprung auf einen der ersten beiden Plätze zu schaffen, musste ein Sieg her, aber Wolfgang Fahrian im Tor der Fortunen schien tausend Arme zu haben. Der Ex-Nationalspieler erinnert sich noch heute: „Weil wir zum Schluss auf Zeit gespielt hatten, zeigte der Schiedsrichter eine vierminütige Nachspielzeit an.“ Was dann kam, ist ein Stück Bochumer Vereinsgeschichte. Dieter Versen, dessen Tore in die Kategorie „Seltenheit“ einzuordnen waren, schnappte sich an der Mittellinie den Ball, ging auf und davon und zog kurz vor der Strafraumgrenze ab und von irgendeinem Kopf abgefälscht, flog der Ball über Fahrians Hände in den Torwinkel. Abpfiff. Die Fans stürmten auf den Rasen und Sekunden später war das Glück vollkommen: Düsseldorf kam in Erkenschwick nur zu einem 0:0. Innerhalb von nur drei Minuten hatte sich der VfL von Platz drei auf Platz eins katapultiert – und diesen gab man bis zum dramatischen Saisonende nicht mehr ab. „Ein Glück, dass diese nervenzerfetzende Saison vorbei ist“, stöhnte Hermann Eppenhoff, „solche Spiele hält mein Herz auf die Dauer nicht mehr aus.“ Erneut hatte der VfL als Westmeister die Qualifikationsrunde erreicht, wobei zehn der insgesamt 22 Vertragsspieler des VfL aus der eigenen Jugend stammten.

Eine Durchmarsch: Die Aufstiegsrunde 1971

Der Optimismus in Bochum war vor Beginn der Aufstiegsrunde grenzenlos und außerdem wollte man das Herz des Trainers schonen, aber dieser schürte selbst das Feuer: „Wir verzichten auf ein Trainingslager. Wir sind stärker geworden. Diesmal schaffen wir es,“ gab der sonst so besonnene Eppenhoff der Presse zu Protokoll. Das erste Spiel in Osnabrück schien die mentale Stärke der Bochumer zu bestätigen. Nach einer 1:0 Führung durch Hartl, drohte sich das Blatt gegen den VfL zu wenden. Beim Disput um einen Elfmeter, den der Osnabrücker Tripp zum Ausgleich verwandelte, flog Erwin Galeski vom Platz. Mit zehn Mann geht Bochum erneut in Führung, aber wiederum erfolgt der Ausgleich. Ein Tor von Jürgen Köper findet keine Anerkennung durch den Schiedsrichter, aber schließlich sind es die Führungsspieler, die die Entscheidung herbeiführten: Hans Walitza und Werner Krämer besorgen den 4:2 Sieg. Nach diesem dramatischen Spiel ging alles wie im Flug. Mit weiteren sechs Siegen und nur einer Niederlage demonstrierte der VfL eindrucksvoll seine Bundesliga-Reife. Eine Woge der Begeisterung schlug den Spielern entgegen und selbst Werner Krämer, der in seinem Fußballerleben schon viel erlebt hatte, gestand: „Da wurde einem ja richtig warm ums Herz.“

In den kommenden 22(!) Bundesligajahren sollte der VfL nun Saison für Saison das Drama der „Unabsteigbaren“ mimen – bis es auch sie 1993 zum ersten Mal erwischte, aber dennoch: eine Erfolgsgeschichte ganz eigener Art.

Bild bochum71