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Die großen Erfolge

FC Schalke 04 Vize-Meister und Pokalsieger 1972

Horvat, lass die Löwen los!

Schalke 04 in den sechziger Jahren: Sportlich ein Sozialfall, wirtschaftlich immer nahe am Kollaps. Der Stolz der kleinen Leute im Revier dümpelte scheinbar Richtung Abwrackwerft. Günther Siebert übernahm das Ruder. Ausgestattet mit einer Vision, an die nur schwer zu glauben war. Immerhin trieb er 1968 Geld auf, um Stan Libuda aus Dortmund zurück zu kaufen und Heinz van Haaren aus Duisburg zu angeln. Dazu trog selten sein Diamantenauge für Talente. Drei Jahre später ging die Saat auf. Schalke verfügte plötzlich über die beste und jüngste Mannschaft der Bundesliga. Trotz Mönchengladbach. Trotz Bayern. Schalke bestimmte die Musik.

Was war geschehen? Systematisch und unbeirrbar hatte Günther Siebert an seiner Mannschaft gebastelt. Nach Libuda und van Haaren schaffte er den Coup mit den drei Jugend-Nationalspielern Rüssmann, Sobieray und Scheer. Und er holte Klaus Fischer aus Bayern. Schließlich die Kremers-Zwillinge aus Offenbach. Als er seinen „Kindergarten“ mit einem Durchschnittsalter von knapp über 23 Jahren beisammen hatte, brauchte er noch einen Trainer. Er fand ihn in Ivica Horvat, der die Bundesliga aus seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt kannte. Norbert Nigbur erinnert sich an den Amtsantritt des Jugoslawen: „Dann kam Ivica Horvat. Der wusste, dass Fußball keine Spaßveranstaltung ist, sondern ein knochenharter Job. Ich habe selten so einen Trainer erlebt, der uns hart anpacken, gleichzeitig aber auch sagen konnte: ‚Ich schätze jeden Spieler so ein, dass ich nicht alle über den gleichen Kamm scheren möchte.’ Das Individuelle an jedem Spieler herauszukitzeln, das konnte er besonders. Allein wie er sich um Klaus Fischer gekümmert hat und wie er nach dem Training mit Rolf Rüssmann flanken geübt hat. In diesen Moment war er wie ein Vater zu uns, und so entwickelte sich diese homogene Top-Mannschaft.“ Der Erfolg stellte sich auch bald auf dem grünern Rasen ein: „Horvat, lass die Löwen los!“, sangen die verzückten Fans, nachdem Schalke mit einem 5:1 bei Hannover 96 furios in die Spielzeit 71/72 gestartet war.

Ein Halbfinale voller Superlative

Die junge Schalker Mannschaft tanzte bis zum Saisonende äußerst erfolgreich auf beiden Hochzeiten: im DFB-Pokal und um die Deutsche Meisterschaft. Aber zu Beginn der alles entscheidenden Wochen schien es so, als ob sie dem Druck nicht Stand halten könnte. Gegen den 1.FC Köln setzte es im Halbfinal-Hinspiel eine deftige 4:1-Klatsche. „Jetzt müssen sich die Schalker südwärts orientieren, aufs Münchener Meisterschaftsfinale hoffen: Mit dem Pokalendspiel wird’s wohl nichts mehr“, winkte die WAZ bereits vor dem Rückspiel ab. Niemand rechnete mehr mit einer Wende, als am Samstag, den 10. Juni 1972, das Rückspiel in der Glückauf-Kampfbahn angepfiffen wurde. Aber nach Toren von Klaus Fischer, Klaus Scheer und Rolf Rüssmann hatten die Knappen das Ergebnis des Hinspiels bereits zur Halbzeit egalisiert. Durch zwei Tore von Hannes Löhr kam Köln wieder heran, ehe Helmut Kremers durch zwei verwandelte Elfmeter die Verlängerung und schließlich das Elfmeterschießen erzwang. Aber zuvor hatte sich schon angedeutet, wer der Held des Abends werden sollte: in der 105. Minute parierte Norbert Nigbur einen Elfmeter von Biskup und rettete damit seiner Mannschaft die Finalchance. „Ich halte das nicht mehr aus“, stöhnte Günter Siebert und floh von seinem Ehrenplatz auf eine Kabinenpritsche, wo er sich mit „Herzflimmern“ niederlegen musste. Im Elfmeterschießen legte „die Wildkatze“ Nigbur noch einen drauf: er hielt zwei weitere Elfmeter und schoss selbst einen sicher ins Netz. Nach einer ungeheuer dramatischen Partie, nach Enttäuschungen, Jubelschreien, Wadenkrämpfen, Verzweifelung und insgesamt 21 Elfmetern zog Schalke ins Pokalfinale ein. Selbst der erfahrene Ivica Horvat stammelte nur noch vor sich hin: „Hab’ ich viel erlebt in meiner Laufbahn, hab’ ich bei der Weltmeisterschaft gegen Deutschland ein Eigentor getreten. Aber so was?!“ WAZ-Redakteur Hans-Josef Justen sprach anschließend von einem Spiel, „bei dem Beruhigungstropfen mit der Eintrittskarte hätten geliefert werden müssen“, und attestierte dem Schalker Torhüter eine Weltklasse-Leistung: „Nerven hatte wohl nur er: Norbert Nigbur, Torwart, Weltklasse-Torwart. Er entschärfte drei Strafstöße, verwandelte einen selbst, sagte dann: ‚Na und? So schieß ich die Elfmeter im Training doch immer’.“

72 Stunden zwischen Debakel und Triumph

Schalkes junge Elf konnte weiter vom Double träumen und die Entscheidung darüber sollte innerhalb von 72 Stunden fallen. Pünktlich zum 34. Spieltag war das Münchener Olympiastadions fertiggestellt worden, so dass am Mittwoch, dem 28. Juni 1972, 80.000 Zuschauer dem entscheidenden „Finale“ um die Meisterschaft 1972 beiwohnen konnten. Schalke benötigte einen Sieg, während den Bayern ein Unentschieden reichte. Aber diesmal spulten die Bayern nicht ihre emotionslose Erfolgsmaschinerie ab, sondern trumpften fulminant auf: Hansen, Breitner, Hoffmann, Hoeness und Beckenbauer schossen einen auch in der Höhe verdienten 5:1-Sieg heraus und verwiesen den S04 klar und deutlich auf den zweiten Platz. Die hoffnungsvolle Saison drohte für die Knappen ohne Titel auszugehen. „Keiner von uns darf jetzt noch an die verpasste Meisterschaft denken, wir müssen nach vorne blicken. Das einzige, was jetzt noch zählt, ist der Pokalsieg“, forderte Trainer Ivica Horvat eine Trotzreaktion, die auch prompt eintrat.

Bereits nach zwei Minuten gab es im ausverkauften Niedersachsenstadion, davon rund 25.000 aus Gelsenkirchen angereiste Fans, eine Schlüsselsituation: Stan Libuda versetzte seinen Gegenspieler Fuchs und brachte eine Maßflanke vor das Tor, doch Klaus Fischer köpfte knapp vorbei. Kein Tor, aber der für Libudas Nervenkostüm ungemein wichtige gelungene Start. Fortan sollte der Kapitän in seinem Abschiedsspiel immer wieder die blau-weißen Angriffe über die rechte Seite ankurbeln, während ihm Lütkebohmert in der Defensive den Rücken freihielt. Auf der linken Seite lieferte Helmut Kremers eine überragende Partie ab. Bereits nach wenigen Minuten umkurvte er die Pfälzer Diehl und Schwager und schoss unhaltbar zum 1:0 ein. Kaiserlautern wirkte geschockt, während Horvats Löwen weiter mutig nach vorne spielten. Nach einer halben Stunde die Vorentscheidung: Klaus Scheer köpfte eine Maßflanke von Lütkebohmert zum 2:0 ein. Allein der Ex-Schalker Jupp Elting im Lauterer Tor verhinderte mit mehreren Paraden ein frühzeitiges Debakel, das dann aber trotzdem eintrat: Lütkebohmert, Fischer und noch einmal Helmut Kremers sorgten für den durchaus dem Spielverlauf entsprechenden 5:0-Endstand. „Wer hat den Pokal? – Schalke wieder mal“ dichtete daraufhin die WAZ.

An die 80.000 Menschen säumten am nächsten Tag beim Empfang der Mannschaft die Straßen Gelsenkirchens. Und es sollte erst der Anfang sein, so hofften viele, denn dieses Team schien eine glänzende Zukunft vor sich zu haben. Aber diese Zukunft war am 1. Juli 1972, dem Tag des Pokal-Triumphes, schon Vergangenheit, denn alsbald verdunkelte eine andere Partie den Schalker Ruhm: das „verlorene“ Heimspiel gegen Arminia Bielefeld vom 17. April 1971.

Im Herbst 1972 wurde es klar und deutlich: man hatte zum Abschluss der Saison 1970/71 das Heimspiel gegen Arminia Bielefeld für 40.000 Mark verkauft. Nach zähem Leugnen („FC Meineid“) mussten die jungen Schalker, die zu so viel Hoffnung Anlass gaben, vor ordentlichen Gerichten schließlich die Annahme des Geldes gestehen. Jürgen Sobieray, Rolf Rüssmann, Klaus Fichtel, Herbert Lütkebohmert und Klaus Fischer wurden für zwei Jahre gesperrt. Stan Libuda und Heinz van Haaren waren, auch um den Nachforschungen des Sportgerichts zu entgehen, schon nach Straßburg gewechselt. Der Pokalsieg 1972 blieb so der einzige Triumph einer Jahrhundert-Elf, die allzu früh auseinander brach.

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