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Die großen Erfolge

MSV Duisburg UEFA-Cup – Halbfinale 1979

Die Zebras auf Euro-Tour

Ausgestattet mit einem Team der Extraklasse spielten die „Zebras“ vom MSV Duisburg von 1976 bis 1979 neben Schalke die erste Geige an der Ruhr. Ganze drei Jahre vor dem Absturz der Meidericher in die fußballerische Provinz, schnupperte Fußball-Duisburg zum zweiten Mal (nach 1975) das raue Lüftchen eines europäischen Wettbewerbs. Im UEFA-Pokal reichten die Künste von Ronnie Worm, Bernard Dietz, Rudi Seliger und Kurt Jara für das Halbfinale. Erst gegen den späteren (glanzlosen) Sieger Borussia Mönchengladbach war Schluss mit Kassensturz und Torfabrik. Den Vorspann für die erfolgreiche Europacup-Tour erlebten die Zebra-Fans in der mit zahlreichen Höhepunkten gespickten Saison 1977/78.

Kampf um den UEFA-Cup – Platz

Es begann einfach gut: der frischgebackene Europapokalsieger HSV wurde gleich am ersten Spieltag mit 5:2 abgefertigt. „Mighty Mouse“ Kevin Keegan – bis dato mit 2 Millionen Mark Ablöse der teuerste Transfer der Bundesligageschichte – hatte sich seinen Einstand sicher anders vorgestellt. Überhaupt waren es die großen Namen, die den MSV zu besonderen Leistungen befähigten. Bayern München wurde nach einem 2:3-Rückstand sogar mit 6:3 nach Hause geschickt. Nach diesem Jahrhundert-Spiel titelte die Presse den MSV in „MSV Dietzburg“ um, da Bernard Dietz, der kämpferische Offensiv-Verteidiger, vier Treffer erzielt hatte. Dabei konnte sich die ganze Duisburger Mannschaft sehen lassen: Im Kasten stand Gerhard „Flieger“ Heinze, der vom VfB Stuttgart kam und noch heute als bester Keeper gilt, der je beim MSV das Tor hütete. Das Ur-Zebra Michael Bella (405 Bundesliga-Spiele für den MSV!), der elegante Holländer Kes Bregman und der Abräumer Ditmar Jakobs, der es später noch beim HSV zu Meisterehren und gar zum Vizeweltmeister bringen sollte, vervollständigten zusammen mit Kapitän „Enatz“ Dietz den Defensivblock. Im Mittelfeld agierten Theo Bücker, der später als erster deutscher Profi bei den Ölscheichs spielte, Leitwolf Herbert Büssers und Kurt Jara, einer der technisch besten Regisseure seiner Zeit. Der Sturm mit dem unverwüstlichen „Ruuuudi“ Seliger und dem späteren Nationalspieler Ronnie Worm auf den Flügeln sowie dem kantigen Berliner Mittelstürmer Norbert Stolzenburg ist noch heute Legende.

Dabei hatte es der letzte Spieltag der Saison 1977/78 in sich: während sich der 1.FC Köln (5:0 in St. Pauli) und Mönchengladbach (12:0 gegen Borussia Dortmund) ein Fernschießen um den Titel lieferten, standen sich im direkten Duell um den letzten freien UEFA-Cup-Platz der MSV Duisburg und Schalke 04 im Wedaustadion gegenüber. Für die Duisburger passte an diesem Tag einfach alles zusammen: ein volles Stadion, praller Sonnenschein und am Ende durch ein „Krümeltor“ von Bernard Dietz ein Minimalsieg, der zur Teilnahme am europäischen Wettbewerb reichte. Rudi Seliger hätte die Infarktgefährdeten unter den Zebra-Fans früher erlösen können, vergab aber reihenweise Torchancen. Es gab sicher in dieser Saison spektakulärere Spiele der Zebras, aber am Ende reichte es eben, und die MSV-Gemeinde ging hoch beglückt mit der Gewissheit nach Hause, in der kommenden Saison europäischen Fußball an der Wedau begutachten zu können.

Höhenflug und Bodenlandung

In der Saison 1978/79 startete der MSV als „Geheimfavorit“, kam aber von Anfang an mit dieser Bürde nicht zurecht. 1:7 Punkte fuhr Trainer Rolf Schafstall ein und bis zum Saisonende war purer Abstiegskampf angesagt. Erst drei Siege in nominellen Nachholspielen (3:1 gegen Bayern, 2:0 gegen Werder Bremen und ein 2:0-Sieg am Gladbacher Böckelberg) brachten wieder mehr Ruhe in den Verein.

Was in der Liga nicht so recht klappen wollte, gelang dafür auf internationaler Ebene umso besser. Gleich von der ersten Runde an machten die Zebras klar, dass sie Großes vorhatten: der polnische Vertreter Lech Posen wurde mit 5:0 und 5:2 abgefertigt. In der zweiten Runde traf man auf den DDR-Vertreter Carl Zeiss Jena. Was sich heute wie eine Partie vor leeren Rängen anhört, war zur damaligen Zeit eine Attraktion, denn Spiele gegen Mannschaften aus der DDR waren eine Seltenheit und als deutsch-deutscher Systemvergleich immer politisch brisant. Die Einnahme aus 30.000 verkauften Karten und 40.000 Mark für eine 40-minütige Aufzeichnung im ZDF betrug 440.000 Mark – Vereinsrekord. Es mussten lange Jahre vergehen, bis der MSV Duisburg wieder mal einen solchen Geldsegen verzeichnen konnte. Der Vergleich mit dem mehrmaligen DDR-Meister entwickelte sich nicht weniger eindrucksvoll. Das 0:0 aus dem Hinspiel hatte auch nach der regulären Spielzeit an der Wedau bestand. Verlängerung. Wieder einmal war es Bernard Dietz, der den MSV mit seinem 1:0 erlöste. Jena musste seine Kontertaktik aufgeben, was wiederum den MSV zu schnellen Vorstößen einlud. Am Ende hieß es nach weiteren Toren von Kurt Jara und Norbert Fruck sogar 3:0.

So langsam aber sicher machte sich in Duisburg Hoffnung auf das Finale bemerkbar. Das Achtelfinale bescherte Racing Straßbourg als Gegner. Nach einem erneuten 0:0 im Hinspiel, machte man mit einem 4:0-Heimsieg im Stile einer Klasse-Mannschaft alles klar. Viertelfinale! Einziger Wermutstropfen: Lediglich 21.000 zahlende Zuschauer wollten die Partie im Stadion verfolgen. Gegen Honved Budapest durften die Duisburger zunächst wieder in der Fremde antreten. Nach Toren von Worm und Seliger siegte man mit 3:2 im Nep-Stadion. Als im Rückspiel Büssers nach einer Jara Ecke in der 36. Minute das 1:0 erzielte, war die Luft aus der Partie heraus. Duisburg verwaltete den Vorsprung gegen schwache Ungarn. Erst als Bregman zwei Fehler produzierte, und Honved plötzlich mit 2:1 führte, wurde es noch einmal eng. Aber aufgrund der mehr erzielten Auswärtstore kam der MSV ins Halbfinale, was die Zuschauer allerdings nur wenig tröstete: sie pfiffen sich die Lunge aus dem Leib.

Im Halbfinale war schließlich Endstation für den MSV. Und dabei brauchte man nach der bisherigen Europa-Tour gar nicht weit zu fahren. Ausgerechnet Ligakonkurrent Borussia Mönchengladbach ließ den großen Traum vom Finale platzen. Nach einem 2:2 im Hinspiel hatte der MSV mit einem 1:4 auf dem Böckelberg das Nachsehen. Dabei hätte es in der zu Beginn offenen Partie auch anders kommen können, aber Bregman vergab eine große Chance und der brandgefährliche Rudi Seliger musste bereits nach zwanzig Minuten mit Leistenbeschwerden vom Platz. In der 2. Halbzeit hatten die Duisburger, die in dieser Saisonphase auch einige Bundesliga-Nachholspiele hatten, kräftemäßig nichts mehr zu zusetzen. Das Spiel ging mit 1:4 verloren und übrig blieb der Trost, den größten internationalen Triumph der Vereinsgeschichte errungen zu haben.

Epilog

Finanziell lohnte sich die Tour durch Europa allemal, aber auch die Einnahmen konnten nicht helfen Leistungsträger wie Ronald Worm oder Ditmar Jakobs im Verein zu halten. Worm, mit 71 erzielten Treffern einer der erfolgreichsten MSV-Torschützen aller Zeiten, zog es nach Braunschweig, Jakobs folgte dem Ruf aus Hamburg. Nach vier Jahren Abstiegskampf stand 1982 das Lebewohl aus der Bundesliga an. Es war ein Abschied für lange Zeit.

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