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Die großen Erfolge

VfL Bochum Vize-Pokalsieger 1988

„Berlin, Berlin – wir fahren nach Berlin!“

„Berlin, Berlin – wir fahren nach Berlin!“ Eine Stadt hielt Wort. 18.000 Bochumer machten sich auf den Weg, um dem VfL im Olympia-Stadion den Rücken zu stärken. Manager Klaus Hilpert hatte im Vorfeld wirklich alles getan, um auch die Berliner auf die Seite des Außenseiters zu ziehen. So wurde der Privatsender „100,6“ mächtig eingespannt, um die Werbetrommel zu rühren. Täglich gingen die neuesten Infos vom VfL über den Äther. Es war ein herrlicher Fußballtag. Strahlender Sonnenschein und die Innenstadt in blau und weiß getaucht. Bochums Präsident Ottokar Wüst hatte es mit einem Gnadengesuch beim damaligen DFB-Boss Hermann Neuberger versucht, um Regisseur Thomas Kempe, der aufgrund zweier gelber Karten gesperrt war, frei zu bekommen. Doch vergeblich. In der Sportschule Wannsee, einer Jugendstil-Villa in einem 6.000 qm großen Park direkt am Wasser, bereitete sich der VfL auf das Finale gegen Frankfurt vor, der mit einer Sondermaschine von Paderborn an die Spree geflogen war. Heinz Wischorek und Michael Keimling, die heimischen Köche, sorgten dafür, dass es dem VfL kulinarisch gut ging. Für einen Faupax sorgte derweil Charly Körbel. Von einem SAT.l-Reporter nach der Bochumer Aufstellung befragt, bekam das Frankfurter Urgestein nur sieben Namen zusammen. Darunter auch Hermann Gerland. Körbel: „Ach nee, der Gerland spielt ja gar nicht.“

70.000 Zuschauer fieberten dann dem Anpfiff von Schiedsrichter Wilfried Heitmann aus Drentwede entgegen. Hermann Gerland hatte den Unparteiischen noch vor der Begegnung gelobt: „Heitmann ist für mich der korrekteste Schiedsrichter in der Bundesliga.“ Oh, hätte er doch geschwiegen. Denn der Konrektor hatte entscheidenden Anteil daran, daß der VfL Bochum am Ende mit leeren Händen dastand. Alles drehte sich um eine Szene in der 19. Spielminute. Als Leifeld ins gegnerische Tor traf, meinte das Schiedsrichtergespann, „Abseits“ gesehen zu haben. „Nie im Leben“, schimpften die Bochumer, die zwei Minuten zuvor einen Elfmeter gefordert hatten, als Reekers am Fuß von Kostner hängen blieb. Der VfL spielte mutig, entschlossen und war zumindest vor der Pause die tonangebende Mannschaft. Nur eines hatte der VfL nicht: das Glück des Tüchtigen.

Ein Unheil namens Detari

Neun Minuten vor dem Ende kam das Unheil. Der Ungar Detari foulte erst selbst, bevor er von Epp von den Beinen geholt wurde. Den fälligen Freistoß verwandelte der Ballzauberer dann selbst, als er den Ball aus 20 Metern ins Tor zirkelte. Der VfL war geschlagen, die Träume, zum ersten Mal einen Pokal in den Händen zu halten, waren wie vor 20 Jahren geplatzt. Da flossen die Tränen in Strömen. Torsten Legat, gerade 19 Jahre alt, lag fassungslos auf dem Rasen, kaum einer war noch zu einer Reaktion fähig. Die Treppenstufen hinauf, um die Silbermedaille aus der Hand von Außenminister Genscher entgegenzunehmen, war eine Tortur. Und die Spieler wendeten sich ab, als Charly Körbel den Pokal für die Eintracht in Empfang nahm. Auch Komplimente konnten nicht trösten. Erst in der Nacht wich der Frust, kam Stimmung in die Truppe, die sich so glänzend verkauft hatte. Da tauschten Tenhagen und Iwan die Hosen, weil die eine zu lang, die andere zu kurz war. Weigerte sich Hermann Gerland, sich eine Krawatte zu binden. Und da weckten die Spieler nachts auf dem Kuhdamm einen schnarchenden Fan, der vielleicht noch vom Pokalsieg träumte.

Umso überwältigender am anderen Tag der Empfang in der Bochumer Innenstadt. 10.000 auf dem Rathausplatz hatten den Frust herunter gespült, feierten ausgelassen ihre „Helden“. Da fehlten nicht einmal bissige Transparente. „Wär der DFB in unserer Stadt – dann hätten wir den Deutschland-Cup.“ Eine Anspielung auf so manche sonderbare Schiedsrichter-Entscheidung.

Wer die Begeisterung der Bochumer bei beiden Pokalendspielen der Vereinsgeschichte erlebte, der wünschte sich nur eins: Dass das nächste Finale mit VfL-Beteiligung nicht wieder 20 Jahre auf sich warten lässt.

Martin Kree erinnert sich:

„Ganz ehrlich, an die ersten Runden damals im DFB-Pokal kann ich mich kaum noch erinnern. Vielleicht auch, weil ich anfangs verletzt war. Wir hatten Los-Glück und haben uns durch die ersten Runden gemogelt. Viel zu sehr galt unser Interesse dem Kampf um den Klassenerhalt in der Bundesliga, wo es für uns ganz eng wurde. Doch plötzlich standen wir im Halbfinale, und mit einem Heimsieg gegen den Hamburger SV wäre das Tor nach Berlin offen gewesen. Ich bin nicht sentimental, aber die Video-Cassette von diesem Halbfinal-Spiel habe ich noch heute. Vielleicht, weil es der schönste Erfolg während meiner Bochumer Zeit war. Vielleicht aber auch, weil ich mit meinem Führungstreffer entscheidenden Anteil daran hatte.

Damals entstand im Ruhrstadion der Schlachtruf: „Berlin, Berlin – wir fahren nach Berlin!“, der auch heute noch zum Repertoire eines jeden Fans gehört. Die Feier nach dem Spiel war gigantisch. Der VfL stand plötzlich am Scheideweg. Ich glaube, hätten wir das Endspiel gewonnen, den Europacup erreicht, es hätten die finanziellen Möglichkeiten bestanden, die Mannschaft zusammenzuhalten, und vielleicht würde ich noch heute in Bochum spielen. Leider aber kam alles anders. Dem Rausch nach dem Sieg über den HSV folgte schon ein Tag später der Kater. Ausgerechnet Frank Schulz erzielte in Bremen für Frankfurt das Tor des Abends. Hätte Werder gewonnen, wären wir schon für den Euro-Pokalsieger-Wettbewerb qualifiziert gewesen. Doch noch hatten wir es ja selbst in der Hand. Aber das Pech blieb uns treu. Am Tag vor dem Endspiel beim Training im Olympiastadion brach ich mir nach einem Zweikampf mit Michael Hubner die Rippen und konnte nur mit schmerzstillender Spritze ins Endspiel gehen. Klar, dass Detaris Freistoß doppelt schmerzte, denn schließlich fand ein regulärer Treffer von Uwe Leifeld keine Anerkennung. Vielleicht wäre sonst die Vereinsgeschichte in den darauffolgenden Jahren ganz anders verlaufen.“

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