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revierkick

Die großen Erfolge

Borussia Dortmund Pokalsieger 1989

Köppels großer Schachzug

Noch eine Viertelstunde bis zum Anpfiff. Bei Borussias Mannschafts-Aufstellung stehen hinter der Nummer 9 noch zwei Namen: Dickel und Storck. Nur wenige Eingeweihte wissen, wer beginnt. Horst Köppel pokert mit Otto Rehhagel: „Der macht das ja vor jedem unbedeutenden Spiel.“ Aber Köppel hat auch mit sich selbst gepokert. Nach dem Abschluss-Training wurde er wieder immer mit der Frage gelöchert: „Kann Dickel spielen?“

Die ausweichende Antwort frei nach Franz Beckenbauer: „Schau mer mal.“ Dortmunds Trainer wollte Zeit gewinnen, noch eine Nacht darüber schlafen. Doch daraus wurde nichts. Kurz nach zwei war er plötzlich hellwach. Nur noch 16 Stunden bis zum Anpfiff gegen Werder. Borussias Spiel des Jahres. Der Fußball-Westen wartet auf das Wunder. Und für Köppel persönlich hatte es ja auch die Bedeutung eines Schicksalsspiels. Sein Job war zwar nicht in Gefahr, aber der Mann brauchte als Trainer einen Titel. Bestätigung für gute Arbeit. Mit Bielefeld nicht abgestiegen, als Assistent von Beckenbauer Vize-Weltmeister, in Uerdingen gefeuert. Drei der bisher wichtigsten Stationen. Da hat man schnell den Ruf weg: Der Köppel ist doch keiner! Borussias Trainer ist also in seinem Zimmer in der Sportschule Wannsee hin- und hergewandert, fand keinen Schlaf und erinnert sich: „Da machst du in der Bude Kilometer oder hockst mal wieder auf der Bettkante, zermarterst dir die Birne.“ Morgens um halb sechs ist er dann endlich an den Schreibtisch, hat zwei Aufstellungen gekritzelt. Eine mit Storck, eine mit Dickel. Welche ist bloß die richtige? Köppels Gedanken: „Geht’s mit Nobby in die Hose, bin ich der Armleuchter. Da sagen die Leute: War doch klar – der Dickel hat nach seiner Operation sechs Wochen nicht mehr gespielt.“

Noch vor dem Frühstück fiel dann die Entscheidung: „Nobby, du fängst an!“ Doch nun war sich der Torjäger nicht mehr sicher: „Ich habe kein gutes Gefühl!“ Ein Wunder wars nicht. Im Halbfinale gegen Stuttgart quälte sich Dickel noch einmal eine Stunde lang bis der 2:0-Sieg gesichert war. Dann ist „Nobby“ raus, hat sich zwei Tage später in Zürich am rechten Knie operieren lassen.

„Zwei Stunden haben die Reparatur-Arbeiten gedauert“, berichtete Dickel. Außenmeniskus raus, Knorpelschäden geglättet, ein Knochenstück entfernt. Danach begann der Wettlauf gegen die Zeit. Scheinbar aussichtslos. Kraftmaschine, Gewichte gehoben und gedrückt, um die schlappe Muskulatur wieder zu stärken. Manchmal hätte er vor Wut am liebsten ins Eisen gebissen. Reiz-Strom – Magerquark aufs Knie, wenn’s wieder dick wurde. Da gab’s schon Stunden, in denen „Nobby“ einfach aufgeben wollte: „Das schaffst du doch nie!“ Aber dann hat er sich wieder zusammengerissen: „Die ganze Saison warst du nun dabei. Und jetzt sollst du ausgerechnet den Höhepunkt verpassen? Nein, wenn du nur eine Minute dabei sein kannst, hat sich’s schon gelohnt!“

Erst zwei Tage vor dem Finale hat Dickel dann zum ersten Male wieder leicht mit der Mannschaft trainiert. Aber jetzt erwartete man Taten. Sich vor 76.000 Zuschauern im Stadion, vor 10 Millionen Menschen am Fernseher blamieren – da kommen wieder die Zweifel. Der Spielerrat war für Dickel. Köppel hatte Kapitän Zorc, de Beer und Helmer, dazu Mill und Storck zusammengetrommelt, ihnen die Taktik mit Dickel erklärt.

Als der Torjäger dann ins Stadion kam, war er überwältigt von den vielen Dortmunder Fans, von der Begeisterung. Er brauchte irgend einen Halt, sagt: „Ich mußte jemanden ganz fest ansehen. Da stand unser Präsident Dr. Niebaum, der gibt dir Kraft. Doch dann habe ich gemerkt: Der hat ja mit diesen Gefühlen genau so zu kämpfen wie ich.“

Später, beim Warmmachen, hörte der Torjäger hinter sich eine Stimme: „Der Köppel will doch wohl den Dickel nicht spielen lassen – sieh doch mal wie komisch der läuft!“

Nobby hat sich nicht umgedreht. Sowas baut ja auch nicht gerade auf. Hinterher, als Dickel die beiden Bomben-Tore gemacht hatte, als Held gefeiert wurde, da haben dann viele gesagt: „Das mit dem Dickel war ein dickes Ding – ein ganz großer Schachzug von Köppel!“ Mit seinem ersten Titel als Trainer fiel es ihm natürlich leicht zuzugeben: „So ein Quatsch! Das war Glück, eine Sternstunde!“

Und „Nobby“ Dickel hat bei der Rückkehr aus Berlin feixend seinen Telefon-Anrufbeantworter abgehört, den er vorher neu besprochen hatte: „Bin nicht zu Hause. Wenn wir das nächste Mal telefonieren, sprichst du mit dem Deutschen Pokalsieger. Drück mir die Daumen. Beim Pfeifton kannst du schon gratulieren.“ Der erste Anrufer hieß Toni Schumacher: „Langer, du warst unheimlich!“

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