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Die großen Erfolge

SG Wattenscheid 09 Aufstieg in die Bundesliga 1990

Die richtige Mischung aus Charme und Ehrgeiz

Am 10. Mai 1990 wurde eine Vision Realität. Die SG Wattenscheid 09 hatte mit einem triumphalen 5:1-Sieg gegen Tabellenführer Hertha BSC den Aufstieg in die erste Bundesliga verwirklicht und damit die Fußball-Hierarchie im Revier auf den Kopf gestellt. Während in der Lohrheide der Triumphmarsch aus Verdis Aida aus den Lautsprechern schallte, stöhnte im benachbarten Gelsenkirchener Parkstadion die Schar der Schalke Anhänger über eine anstehende, weitere bittere Zweitligasaison.

Plötzlich gehörten sie dazu, zu der Creme de la Creme des deutschen Fußballs, in die Liga, in der kurz danach der dritte WM-Titel für Deutschland gefeiert wurde. Doch obwohl sie nun mittendrin waren, ließen sie ihr Identität nicht vereinnahmen, sondern behielten auch im Oberhaus ihren besonderen Charme, der sich dem Einerlei des Profialltags nicht beugte. Wenn die Schützlinge von Hannes Bongartz zum Training erschienen, dann frühstückten sie in lockerer Runde neben der Geschäftsstelle und genossen den Kaffee, den Urgestein Franz, die gute SG-Seele, mit Liebe und treffenden Spielerkommentaren zubereitet hatte. Dazu wurden selbstgeschmierte Brötchen oder Plunderteilchen gereicht, der geschulte Ernährungsphysiologe hätte entsetzt den Kopf geschüttelt. Der interessierte Pressevertreter musste nicht formell um einen Interview-Termin bitten, sondern gesellte sich einfach dazu, plauschte mit den Spielern über die Lederkugel und die sonstigen Freuden oder Ärgernisse des Lebens.

Vater des Wattenscheider Aufschwungs war der Textilfabrikant Klaus Steilmann. Bereits in den siebziger Jahren richtete er sich als aktives Mitglied der „Aktion Bürgerwille“ gegen die kommunale Neugliederung der Landesregierung, die die eigenständige Stadt Wattenscheid zu einem Bochumer Vorort degradierte. Jetzt brachte der Mäzen und uneingeschränkte „Boss“, der selbst am frühen Sonntagmorgen die Jugendspiele seines Vereins beobachtete, den Namen Wattenscheid auf die Bundesliga-Landkarte und den Stolz zurück in die eingemeindete Stadt.

Auf dem Rasen ging der 09-Tross die neue Herausforderung nicht verbissen, aber mit einer gesunden Mischung aus Lockerheit und Ehrgeiz an. Eine Rezeptur, die stimmte, darüber konnten sich die Akteure von Werder Bremen auf der Rückreise von der Bundesliga-Premiere der SG so seine Gedanken machen, denn der Neuling fuhr einen sicheren 2:0-Erfolg ein und der damalige Youngster Thorsten Fink verewigte sich mit dem ersten Wattenscheider Tor in der Eliteklasse in den Klub-Analen. Otto Rehhagel verstimmt: „Die Gastgeber haben mutig gespielt.“ Auch in der Folgezeit schlugen sie sich prächtig, rangierten nach 14 Spieltagen auf einem nie und nimmer erwarteten 6. Rang und fuhren dementsprechend zum ersten, heißersehnten Vergleich zu den großen Bayern, die im Olympiastadion jedoch keine Gnade walten ließen und gleich sieben Erfolgserlebnisse feierten, während bei den Wattenscheidern die trostlose Null stand. Doch diesen Rückschlag steckten sie erstaunlich gekonnt weg und sannen schon im Herbst auf die Revanche im Rückspiel.

Es wurde eine bittersüße für das Starensemble von der Isar, dass den Roten Teufeln vom Betzenberg hinterher hechelte und drei Runden vor Schluss ins Tal der Tränen gestürzt wurde. Die Wattenscheider ließen sich Zeit, sehr viel sogar, und den Showdown setzte erneut Thorsten Fink, der 180 Sekunden vor Schluss zum 3:2 einschoss. Der verzückte Hannes Bongartz mit seinem besten Sonntagslächeln: „So ein Spiel kann man nur einmal machen, nämlich am 1. Juni 1991. Das ist ein großer Tag für Wattenscheid.“ Auch für seinen Ex-Klub in der Pfalz, der sich nach dieser Schützenhilfe die Meisterschaft nicht mehr nehmen ließ. Die Außenseiter aus der Lohrheide hatten ein anderes Saisonziel, nämlich den Klassenerhalt. Doch auch das wurde ohne ernsthafte Probleme in trockene Tücher gebracht.

Das verflixte zweite Jahr

Aber selbst die Wattenscheider waren nicht gegen gewisse Fußballregeln gefeit und eine davon besagt, dass das zweite Jahr nach dem ersten immer schwerer wird. Die bittere Erfahrung der Bewahrheitung ging nicht an der Sportgemeinschaft vorbei, überlegte es sich allerdings im wahrsten Sinne des Wortes im letzten Moment anders. Es begann das große Zittern, bis zum letzten Spieltag. „Wir haben nicht nur schon in der Kiste gelegen, den Deckel halb über uns gehabt, sondern auch die Nägel waren schon teilweise reingeschlagen“, rang Hannes Bongartz nach dem Gruselkrimi beim Ligafinale nach seiner schon verloren geglaubten Fassung. Ein Sieg gegen die Fohlen vom Bökelberg war ein Muss, sonst wäre die Episode Bundesliga bereits nach 24 Monaten wieder abrupt beendet worden. Nach nur 17 Minuten führten die Gäste mit 2:0, das Schicksal schien seinen unerwünschten Lauf zu nehmen. Das Blatt drehte sich in Kürze und als Uwe Tschiskale zum 3:2 einlochte und damit der Endstand feststand, orakelte der 09-Coach: „Wenn Todgesagte wirklich länger leben, dann steht uns noch eine lange Bundesligazugehörigkeit bevor.“

An der Umsetzung dieser Prophezeiung wurde nicht nur baulich reichlich gewerkelt. Auf der Gegengerade entstand eine schmucke Osttribüne und zum Auftakt der nächsten Spielzeit wurde mit Glanz und Gloria zum nächsten sportlichen Paukenschlag ausgeholt. Im Parkstadion setzten die Schwarz-Weißen eine Duftmarke, die die Königsblauen zum Naserümpfen zwang. Der „Zaunkönig“ Marek Lesniak, gerade aus Leverkusen ins Revier gelockt, spielte den „doppelten Doppelpack“ mit Uwe Tschiskale. Mit dem Erfolg, dass an der Anzeigentafel ein imponierendes 3:4 stand, und wieder war die Fußballwelt im Westen für Traditionalisten auf den Kopf gestellt. Selbst Trainer-Fuchs Udo Lattek war da mit seinem nicht gerade geringem Latein am Ende. Und weil es so schön war, wurden die Bayern im „Ausweichquartier“ Ruhrstadion erneut mit 2:0 abgefiedelt. Die Highlights waren zwar nicht die Regel, doch sie waren keine Ausnahme. Diese genoss insbesondere „Boss“ Klaus Steilmann in vollen Zügen. Vorbei die Zeiten, in der er bei mäßigen Leistungen zur Pause mit erhobenem Stockschirm in die Kabine stürmte und eindrucksvoll Bsserung einforderte. Im Gegenteil, als ausgerechnet der Ex-Lauterer Markus Schupp dem 1. FCK die Suppe mit dem einzigen Treffer des Tages mächtig versalzte, schmunzelte er bei der anschließenden Pressekonferenz: „Hannes, wen soll ich dir noch aus Kaiserslautern holen? Du musst es mir nur sagen.“ Der Angesprochene ergänzte nach dem erneuten Klassenerhalt optimistisch: „Die drei Lehrjahre sind jetzt vorbei, nun muss das Gesellenstück folgen. Das könnte für uns ein einstelliger Tabellenplatz sein.“ Denn auch ohne eine weitere Pfalz-Anleihe verfügte die SG über eine homogene Einheit und einem Angriffstrio, das genau wusste, wo das gegnerische Gehäuse steht, dafür waren Samy Sané, Uwe Tschiskale und Marek Lesniak, dem sogar beim Rekordmeister Bayern ein Hattrick beim 3:3 gelang, kaltschnäuzig genug.

„Boss“ Steilmann und seine zwei Familien

Hätte der „Boss“ die Geschicke seiner zweiten Liebe doch nur ebenfalls so rational weitergeführt und die eigene Familie etwas vernachlässigt. Das Vaterherz war stärker oder die Überredungskünste seiner Tochter Britta demagogisch gekonnter, auf jeden Fall gesellte sich die junge Dame ein Jahr später in den Vorstand. Das Unheil nahm seinen Lauf. „Ich bin wie Petersilie auf einem Salatblatt“, kokettierte sie mit ihrer neuen Funktion, die sie zur Selbstdarstellung perfekt nutzte, denn quasi jede Talkshow riss sich um sie. In der sportlichen Krise des Vereins passierte auch im Wattenscheider Familienunternehmen das, was man ein „Gesetz der Liga“ nennt: Der Trainerstuhl des sportlichen Vaters des 09-Aufschwungs Hannes Bongartz begann nach über viereinhalb Jahren Amtszeit zu kippeln. In der Männerfreundschaft „Steilmann-Bongartz“ ergriff wiederum Britta Steilmann die Initiative und wurde zur ersten Frau in der Bundesligageschichte, die einen Trainer abschoss: Hannes Bongartz wurde von ihr abserviert.

Ihm folgte der einstige und äußerst verdiente Kapitän Frank Hartmann, der kurz zuvor die Fußballschuhe an den Nagel gehängt hatte und im beschaulichen Wirges die ersten Erfahrungen als Fußballlehrer sammeln wollte. Die Lehrzeit war kurz, dann wurde er zurück beordert. Eine Aufgabe, die er weder mit besonderer Begeisterung, geschweige denn mit Erfolg antrat, und so neigte sich das Kapitel Bundesliga für die Schwarz-Weißen schnell dem Ende zu. Bereits frühzeitig, da man gemeinsam mit dem VfB Leipzig hoffnungslos abgeschlagen im Tabellenkeller lag, führte die rasante Talfahrt in die zweite Liga. So ganz still und leise wollten sie dem Abenteuer Erstliga-Fußball dann aber doch nicht adieu sagen. Den Karlsruher SC schossen sie in ihrer bisher letzten Begegnung im Kreis der Erlauchten mit 5:1 aus der Lohrheide und zudem aus dem schon eingebuchten UEFA-Pokal. Frank Hartmann tauchte nach dem Abstieg in Wattenscheid nicht mehr auf, Britta Steilmann reizte das graue Mittelmaß der zweiten Liga wenig, also verabschiedete sie sich ebenfalls relativ rasch. Aber leider doch zu spät. So endete am 7. Mai 1994 das kleine 09-Fußballmärchen, in dem das einzige weibliche Wesen sich nicht als gute Fee erwies, da die damals verkündete Hoffnung des Stadionsprechers, „wir kommen wieder“ im Nachmittagshimmel unerhört verhallte.

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