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Die großen Erfolge

Borussia Dortmund UEFA-Pokal–Finalist 1993

1993: Borussia Dortmund

Die Spielzeit 1992/93 wird wohl für immer allen BVB-Fans, die dabei waren, im Herzen eingebrannt sein. Mit einem Feuerwerk an unvergesslichen Partien in zwei Wettbewerben faszinierte die Borussia ein Millionen-Publikum. Da waren die unvergesslichen Abende und Nächte im UEFA-Cup, als der tausendköpfige BVB-Tross unschätzbare nationale und internationale Sympathien sammelte. Und da war der Kampf um die Meisterschaft, die erst durch ein dubioses Gegentor in Bremen und unsägliches Verletzungspech aufgegeben werden musste. Vor allem aber wurde der riesigen BVB-Fangemeinde auf internationalem Parkett Großes geboten. Nach dem Aufwärmen gegen La Valetta wurden die ersten Glanzpunkte gegen Celtic Glasgow gesetzt. Stéphane Chapuisat – kurz „Chappi“ – war mal wieder in aller Munde. Der schweigsame Schweizer kam 1991 vom damaligen Absteiger Bayer Uerdingen und sollte mit 106 Bundesligatoren zu Dortmunds erfolgreichsten Torschützen der neunziger Jahre werden. Im UEFA-Cup konnte er auch auf internationaler Bühne seine Klasse unter Beweis stellen. In Schottland und später in Saragossa, bei denen zu der Zeit Weltmeister Andreas Brehme kickte, der prompt im Rückspiel wieder einen Elfmeter verwandelte, schoss der Ausnahmestürmer die Dortmunder von Runde zu Runde. Der große Wunsch war in Erfüllung gegangen: Die Borussen erlebten das Weihnachtsfest als Europapokal-Teilnehmer und waren sich der Sympathien Fußball-Deutschlands gewiss, waren sie doch die einzige Mannschaft aus der Bundesliga, die international im Geschäft blieb.

Die Europapokalabende mit dem BVB

In bundesdeutschen Wohnstuben war Europapokal plötzlich wieder „in“, und der BVB eroberte sich mit seinem stets unpreziösen Auftritten die Sympathien. Unvergesslich die beiden Spiele gegen AS Rom, bei denen Thomas Häßler im Mittelfeld Regie führte. Im Rückspiel köpfte Lothar Sippel, ansonsten eher als BVB-Fehleinkauf abgebucht, das 2:0 und holte mit diesem Tor seine Ablösesumme wieder heraus. Der dramatische Kampf gegen AJ Auxerre mit dem nervenzerfetzenden Elfmeterkrimi am Ende, bei dem sich zum wahren Entsetzen vieler Radiohörer WDR 2 beim Stande von 5:5 im Elfmeterschießen aus der Live-Übertragung ausblendete, um pünktlich um 23.30 Uhr die „Berichte von heute“ zu senden. Ein Kuriosum, das heute wohl selbst bei den Öffentlich-Rechtlichen nicht mehr denkbar wäre. Dortmunds internationale Auftritte verursachten damals heftige Auseinandersetzungen zwischen den neuen Privatsendern (SAT 1, DSF) und der ARD. Für das Rückspiel gegen Auxerre verzeichnete DSF mit 5 Millionen Zuschauern seinen bis dato absoluten Einschalt-Rekord, während der Sportchef des WDR Heribert Fassbender grollte: „Es ist eine Schande, wenn ein solches Drama höchstens von der Hälfte aller Interessierten gesehen werden kann.“ Der Held des Abends war Stefan Klos, der den entscheidenden Elfmeter parieren konnte, und von der ganzen Mannschaft überschwänglich gefeiert wurde. „Ein großer Triumph für Dortmund und das Ruhrgebiet. Darauf mussten wir 27 Jahre warten“, freute sich Präsident Niebaum über das internationale Ausrufungszeichen, mit dem das Triumvirat hinter den Kulissen noch stärker in die Öffentlichkeit rückte. „Der verdiente Lohn für seriöse Arbeit“ kommentierte Hans-Josef Justen in der WAZ und schrieb den neuen Erfolg vor allem der „HMN-Connection“, Trainer Hitzfeld, Manager Meier und Präsident Niebaum, zu, „jeder für sich ein Glücksfall“.

Der Einzug ins Finale war vor allem einer geschlossenen Mannschaftsleistung zu verdanken, mit der auch verletzungsbedingte Rückschläge kompensiert werden konnten. Da war ein Stefan Klos, der als Keeper seine Meisterprüfung machte. Bestechend war der nur 1,79 m große Keeper auf der Linie oder im Eins gegen Eins. Außerdem strahlte der 21-Jährige eine Ruhe auf seine Vorderleute aus, so dass eine Diskussion um den Posten der Nummer Eins gar nicht aufkam. Auf der Liberoposition setzte sich ein Mann durch, mit dem man vorher noch gar nicht gerechnet hatte. Ned Zelic, der Sunnyboy aus Australien, spielte diese Position nach der Verletzung Stefan Reuters souverän und abgeklärt und avancierte zum Leistungsträger. Als auch Zelic sich in die schier endlose Verletztenliste eintragen musste, sprang der Vertragsamateur Uwe Grauer ein, der sonst eher auf den Sportanlagen zwischen Münster und Verl zum Einsatz kam, aber seine Sache profihaft meisterte.

Hut ab auch vor Matthias Sammer. Was hatte es nicht für ein Theater um seine Verpflichtung gegeben. Es waren nicht wenige, die den Ex-Mailänder an der gewaltigen Ablösesumme und dem daraus resultierenden Druck scheitern sahen. Aber der Nationalspieler gehörte stets zu den besten Borussen. Zehn Bundesligatore in nur einer Halbserie sprechen da eine deutliche Sprache. Schade nur, dass er im UEFA-Cup nicht mehr eingesetzt werden durfte. Man munkelte, der AS Rom, der zur Winterpause bereits als nächster Gegner des BVB im UEFA-Cup feststand, hätte bei der entscheidenden Verzögerung des Transfers seine Hände im Spiel gehabt. Aber auch ein anderer Mann aus dem Mittelfeld spielte sich in den Vordergrund. Gerhard Poschner hatte eigentlich das Kapitel Dortmund schon abgeschlossen. Nach den Verletzungsproblemen von Knut Reinhardt packte „Poschi“ die Gelegenheit beim Schopf und ackerte sich auf der linken Seite zum Stammspieler hoch.

Unterm Strich

Dazu legte der BVB mit dieser UEFA-Cup-Saison den Grundstein, für ein äußerst erfolgreiches schwarz-gelbes Jahrzehnt. Auf eine Art und Weise wie es vorher keinem anderen Verein möglich war, räumte der BVB, der ab dem Viertelfinale die Bundesliga ganz allein in den internationalen Wettbewerben repräsentierte, den Fernsehtopf ab. Rund 25 Millionen DM flossen in die Borussen-Kasse. Der Grundstock für die sportlichen Transfers wie die von Matthias Sammer, Karlheinz Riedle, Andreas Möller und Julio Cesar, die in naher Zukunft auch „Titel-Früchte“ abwerfen sollten.

In den beiden Finalpartien gegen Juventus Turin hatte der BVB dann allerdings keine Chance mehr. Zwar brachte Michael Rummenigge den BVB im Westfalenstadion bereits nach 61 Sekunden mit 1:0 in Führung, und in den folgenden Minuten wackelte die Juve-Abwehr noch ein ums andere Mal, aber mit zunehmender Spielzeit setzte sich das Starensemble des italienischen Rekordmeisters um einen glänzend aufgelegten Andy Möller mehr und mehr durch. Den flüssigen Angriffskombinationen von Roberto und Dino Baggio, Vialli und eben Andy Möller hatte der BVB nur seinen Willen entgegenzusetzen, was aber an diesem Tag nicht ausreichte. Mit der 1:3-Niederlage mussten alle Titelambitionen bereits nach dem Hinspiel begraben werden. „Es besteht kein Anlass zur Trauer“, schrieb die WAZ, denn: „Schwarz-Gelb wurde als Modefarbe des deutschen Fußballs zum Ausdruck von hinreißender Begeisterung und mitreißendem Schwung. Und selbst diese Niederlage war noch ein Zugewinn an Sympathie für die Borussia, die sich nicht wehrlos ergab, sondern die im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten mit Hingabe kämpfte.“ Die noch deutlichere 0:3-Niederlage im Rückspiel konnte dieses Gesamtbild ebenfalls nicht mehr trüben. Der BVB hatte sich auf der Sympathie-Skala ganz nach oben gespielt, auch ohne Titel.

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