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revierkick

Die großen Erfolge

Rot-Weiss Essen Vize-Pokalsieger 1994

Der Stolz der Verbannten

Verkehrte Welt: 50 geduldig wartende Journalisten in den ehrwürdigen Katakomben des Berliner Olympiastadions schauen sich verwundert an: „Ole, Ole, RWE.“ Sobald sich die Tür zu den Spielerkabinen öffnet, sind sie deutlich zu hören: Ausgelassen singende Männerstimmen. Beim Verlierer Rot-Weiss Essen. Ein Tablett Bier wird gereicht: „Ole, RWE!“ Der Sieger nimmt den Erfolg eher gelassen hin. Ruhig, nüchtern, nordisch kühl, ohne große Leidenschaft, ohne Jubelstürme. Aber vielleicht gab es nach dem Endspiel gar keinen richtigen Verlierer. Klar, Werder Bremen holte mit dem 3:1-Sieg den Cup, qualifizierte sich für den Europapokal und ging als 51. Pokalsieger in die Fußball-Annalen ein. Doch der Außenseiter bekam mehr, als er erhoffen durfte. Hätte man nach der Begegnung eine Meinungsumfrage gemacht, wären die Rot-Weissen beim Punkt „Sympathie“ sicherlich weit vor dem Bundesligisten gelandet.

30 Minuten zuvor, als Schiedsrichter Amerell die Partie abpfiff, ließen sich die Kicker im rot-weißen Trikot enttäuscht auf den Boden fallen. So verdammt nah standen sie vor dem Ausgleich, so verdammt nah an der Sensation. In der zweiten Halbzeit, als sie bei einem 0:2-Rückstand mit dem Rücken zur Wand standen, entfachten die Essener ein Feuerwerk, legten jeglichen Respekt vor den großen Bremern ab und setzten den „Goliath“ in seiner eigenen Hälfte fest.

Nachdem Daouda Bangoura in der 51. Minute den Anschluss zum 1:2 schaffte, war alles möglich. Der Riese wankte. Die Angst der Bremer, den Ausgleich zu kassieren, hing in der berühmten Berliner Luft. Trainer Otto Rehhagel tobte am Spielfeldrand, ließ einen Wutausbruch nach dem anderen freien Lauf und gab später zu: „Die Rot-Weissen haben uns von einer Verlegenheit in die andere gestürzt und für ein dramatisches Spiel gesorgt. Kompliment!“

Dass es letztlich nicht zu mehr reichte, lag wie so oft im Sport an wenigen Zentimetern, an Zufällen und namentlich an Werder-Torhüter Oliver Reck. Der Volleyschuss, den Dondera in der 68. Minute losließ, war eigentlich nicht zu parieren, doch „Spielverderber“ Reck hielt sich nicht an diese Einschätzung und lenkte den Ball irgendwie – wie weiß er wahrscheinlich selbst nicht – über die Latte.

Gut, seien wir ehrlich. Den Sieg hätte RWE wahrscheinlich nicht verdient gehabt. Doch den Ausgleich und die Verlängerung, die hätten die 76.391 Zuschauer im Stadion und die 8.94 Millionen Fans an den Fernsehgeräten gerne gesehen. Dann nämlich hätten die Bremer noch einal beweisen müssen, dass sie zurecht der wahre Pokalsieger geworden sind.

Das Spiel verloren, den Respekt gewonnen

Doch lange nach dem Schlusspfiff hielt die Enttäuschung beim Verlierer über die verpasste Chance nicht an. Als der Spielertross zu Bundespräsident Richard von Weizsäcker die Tribünentreppen hinauf stieg, um die Plakette für den im wahrsten Sinne des Wortes „zweiten Sieger“ entgegenzunehmen, kam schon so etwas wie Stolz auf das Geleistete auf. Und als die Fans beider Mannschaften dann noch bei der Ehrenrunde die Essener Fußballer stürmisch feierten, da war auch die letzte Trübsal vergessen. Das Lob für den Zwangsabsteiger nahm überhaupt kein Ende. „Rot-Weiss hat mir sehr imponiert“, sagte der Vorsitzende des Deutschen Sportbundes, Hans Hansen.

„Gratulation. Das war das Größte“, schwärmte DFB-Präsident Egidius Braun über die RWE-Leistung. Und Trainer Wolfgang Frank schloss sich an: „Eine solche Klassemannschaft wie Werder Bremen so unter Druck zu setzen, war schon toll. Ich bin stolz auf mein Team.“

Auch ohne Sieg hatte RWE das erreicht, was der durch den Lizenzentzug arg strapazierte Klub erreichen wollte: Das Endspiel war Werbung für einen Verein, der schon seit Jahren wieder im Profigeschäft Fuß fassen will. Die letzte Erstligaspielzeit liegt schon 18 lange Jahre zurück, der letzte große echte Erfolg, den man sich auf den Vereinswimpel schreiben konnte, schon 39 Jahre. Damals holte RWE den Titel. Die Deutsche Amateurmeisterschaft 1992 zählt ebenfalls zu den großen Erfolgen, aber nur im Amateurlager. Die beim Pokal hart erarbeitete Image-Aufbesserung sollte nun beim Neuanfang helfen. Der Verein hat Substanz, das bewiesen schon allein 30.000 mitgereiste RWE-Fans in Berlin. Und mit den 1,7 Millionen Mark, die durch die Teilnahme am Endspiel in die Vereinskasse flossen, konnte ein großer Teil des Schuldenbergs abgetragen werden. Auch wenn an der Hafenstraße noch längst nicht schwarze Zahlen geschrieben werden. „Wir werden die erspielten Sympathien nutzen. Es muss sich etwas in der Wirtschaft bewegen lassen“, versprach RWE-Vorsitzender Wilfried Schenk. „Deshalb war es so wichtig, dass wir uns in der zweiten Halbzeit so gut verkauft haben.“

Nicht auszudenken, was gewesen wäre, wenn die Essener in den zweiten 45 Minuten so weiter gemacht hätten, wie sie in den ersten begannen. Wie das Kaninchen vor der Schlange versteckten sich die Halbprofis, spielten amateurhaft ängstlich, nicht besser als ein Sparringspartner, der schon angeschlagen in den Ring stieg. Nichts war mehr zu spüren von der Kraft und der Begeisterung, von dem Mut, mit dem die Essener es überhaupt schafften, in das Finale einzuziehen.

Werder zog ein Trainingsspiel auf, kam im Schongang durch Beiersdorfer und Herzog zur 2:0-Führung. Die Fernsehkommentatoren Marcel Reif und Heribert Faßbender sprachen von einem Klassenunterschied und hatten nicht mehr als ein mitleidiges Lächeln für die Essener übrig. 5:0, 6:1 hießen die Tipps auf den Rängen, denen nur die kühnsten RWE-Optimisten widersprachen. „Wir haben vor der Begegnung die Situation besprochen, wie es sein wird, vor so vielen Leuten zu spielen, wie es sein wird, gegen so große Namen anzutreten“, sagte Christian Dondera. „Aber als wir dann da auf dem Rasen standen, waren wir alle wie gelähmt.“ Doch als RWE nichts mehr zu verlieren hatte, kam der Umschwung. 45 Minuten Sturmlauf, die das Bild umkehrten. 45 Minuten, die den Rot-Weissen eine Perspektive eröffneten. Nicht kurzfristig, aber doch auf längere Zeit. „Wir müssen nach vorne schauen und alle Kräfte bündeln“, hieß die Losung des Vorsitzenden Schenk. Bremens Manager Willi Lemke forderte schon nach dem Spiel einen Bundesligisten RWE. „Mit der Mannschaft und dem Umfeld gehört Essen in die zweite Liga. Und langfristig muss in der Stadt auch Erstliga-Fußball möglich sein.“

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