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revierkick

Die großen Erfolge

Borussia Dortmund Deutscher Meister 1995

Nach 32 Jahren endlich wieder Meister!

Das Kreuz mit dem Kreuzband, die Verschwörung der Fußball-Götter – oder: Borussia Dortmund zwischen Triumph und Tragik. So oder ähnlich müsste der plakative Titel des Films über Höhen und Tiefen jenes Vereins heißen, der in der ersten Saisonhälfte die Liga nach Belieben beherrschte und nur noch die Frage offen gelassen hatte, ob die fußballverrückte westfälische Region die erste Meisterschaft seit Bestehen der Bundesliga schon nach dem 30. oder erst nach dem 32. Spieltag feiern würde.

Der BVB, er war das Nonplusultra, scheinbar unübertrefflich: ein mit Millionen-Stars gespicktes Ensemble, das virtuos und berauschend aufspielte, vortrefflich in Piano und Fortissimo harmonierte, mit einzigartigen Solisten spektakuläre Rhythmen produzierte. „Borussia Dortmund spiele“, so Jürgen Röber, der damalige Trainer des VfB Stuttgart nach der 0:5-Niederlage im Westfalenstadion, „wie von einem anderen Stern“. Ein genialer Abwehrchef Matthias Sammer verursachte beinahe Majestätsbeleidigung, weil er die Frage herausforderte: Wer ist der bessere Libero – der „Kaiser“ Franz Beckenbauer oder der erfolgsbesessene Rotschopf? Neben ihm setzte Julio Cesar neue Maßstäbe für die Bundesliga-Verteidiger. Der Brasilianer, im Branchen-Jargon „der schwarze Kleiderschrank aus Sao Paulo“ genannt, von Juventus Turin im Paket mit Andreas Möller für insgesamt 11,5 Millionen DM an die Dortmunder verkauft, verschaffte sich bei den gegnerischen Stürmern nicht mit Grätschen und Fouls Respekt, sondern mit Auge und technischer Brillanz. Franz Beckenbauer schwärmte: „Dieser Mann ist für Borussia wie ein Sechser im Lotto.“

Oder das magische Offensiv-Dreieck: In der Spitze Stephane Chapuisat und Karlheinz Riedle, die wie Zwillinge dachten und handelten und im Duett Tore produzierten. Etwas dahinter agierte Andreas Möller, der nach der Rückkehr in seine „sportliche Heimat“, so BVB-Präsident Gerd Niebaum, ein Glanzlicht ans nächste reihte. Der Angriff stand für Raffinesse, Angriffsschwung und Volltreffer. Fußball wie von einem anderen Stern. Aber es gab auch noch einen Stürmer, der den deutschen Nationalspieler Riedle zwischenzeitlich auf die Bank verdrängte und sich in der Form seines Lebens gewähnt hatte. Dänemarks „Europameister“ Flemming Povisen meldete sich zu Saisonbeginn mit Klasseleistungen und Toren zurück. Chapuisat, Povlsen, Riedle! Um diese hochkarätigen Angreifer beneidete Borussia eine ganze Liga. Da war der von Trainer Ottmar Hitzfelds Rotationssystem noch weiter angetriebene leistungsfördernde Konkurrenzkampf vorgezeichnet.

Flemming Povlsen indes erlitt im September 1994 in einer denkwürdigen Pokalschlacht auf dem Betzenberg – am Ende hieß es 6:3 für Kaiserslautern nach Verlängerung – einen Kreuzbandriss: den zweiten innerhalb von 18 Monaten. Erst war es des Dänen rechtes, dann sein linkes Knie. Ein halbes Jahr Pause – das Stürmer-Trio war zum Duo geschrumpft. Kaum ein Außenstehender nahm den Ausfall zur Kenntnis, denn der BVB siegte auch ohne Povlsen und punktete sich zur Herbstmeisterschaft mit unglaublichen 28:6 Zählern. Nur Ottmar Hitzfeld schien dem Braten nicht zu trauen. „Um Meister zu werden“, warnte er in der Winterpause, „muss alles passen. Wir können beispielsweise einen längerfristigen Ausfall unserer Leistungsträger nicht verkraften.“

Kreuzbandriss: Zum ersten, zum zweiten...

Hitzfeld hätte das Unglück nicht beschreien sollen. Zwischen den Serien laborierte Matthias Sammer an einer hartnäckigen Virus-Erkrankung, Karlheinz Riedle erlitt in einem Testspiel gegen Grasshopper Zürich einen Rippenbruch. Beide fehlten im Trainingslager im spanischen La Manga und stiegen ohne gezielte Vorbereitung in die zweite Serie ein, die Borussia mit zwei Siegen (5:1 bei 1860 München und 2:1 gegen den 1.FC Köln) so eindrucksvoll eröffnete, wie sie die erste beendet hatte.

Klappe auf. Kreuzbandriss, zweiter Teil: Dortmund lag noch iIm Siegestaumel, die Stadt, eine ganze Region, feierte den 2:0-Sieg des BVB im Rückspiel des UEFA-Cup-Viertelfanals gegen Lazio Rom, den Karlheinz Riedle mit einem Kopfballtor Sekunden vor dem Abpfiff sichergestellt hatte. Auf dem Trainingsgelände der Borussia an der Strobelallee wurde geflachst, getrickst und gelacht, die Jungs hatten mächtig Spaß an der Arbeit. Denn dieser Triumph über die italienische Spitzenmannschaft vermittelte allen das Gefühl: „Jetzt packen wir’s. Der Titel geht nach Dormund.“ Es war der 16. April, ein Donnerstag, 10.43 Uhr. Plötzlich ein Aufschrei, der die Kiebitze hinter den Zäunen wie die Spieler bis ins Mark erschütterte. Stephane Chapuisat krümmte sich am Boden, hielt mit schmerzverzerrtem Gesicht sein Knie. Ottmar Hitzfeld ahnte: „Es ist etwas Schlimmes passiert.“ Das Gesicht von Michael Henke verfärbte sich kreideweiß. Auch er war sich der Folge einer Kollision bewusst, die in jedem Training zigmal passiert. Beim beliebten Spielchen „Fünf gegen zwei“ war Henke mit Chapuisat zusammengeprallt, hatte ihn mit gestrecktem Bein getroffen. Die düsteren Prognosen wurden nachmittags zur Gewissheit. Der Schweizer Weltklassestürmer hatte einen Kreuzbandriss erlitten. Dieser Trainingsunfall lähmte ganz Dortmund. Denn die Folgen ließen sich leicht erahnen: Borussia würde ihr torgefährlichster Angreifer fehlen. Flemming Povlsen außer Gefecht, nun Stephane Chapuisat. Der Schweizer galt seit seinem Wechsel 1991 von Bayer Uerdingen als Garant des Borussia-Erfolgs: 52 Bundesliga-Tore hatte er in drei Spielzeiten erzielt, dazu kamen seine wichtigen Treffer im UEFA-Cup, und bis zu jenem Trainingsunfall standen bereits wieder elf Tore auf seinem Konto. Wie wollte der BVB diese äußerst kritische Situation meistern? Den Titel schien er an diesem Donnerstag verspielt zu haben. „Die Hoffnung war nicht mehr da“, gestand Ottmar Hitzfeld einige Wochen später. Denn Chapuisats zweistündiger Operation bei Vereinsarzt Dr. Achim Büscher folgte eine deprimierende 0:3-Heimpleite gegen Bayer Leverkusen und die bittere Erkenntnis: Der Wille der Mannschaft war da, aber die Klasse fehlte. Und Kapitän Michael Zorc warnte: „Wenn wir nur auf unsere Verletztenliste schauen, kriegen wir die Kurve nicht.“

Dortmunds Angriffsbiss war der Zahn gezogen, und Hitzfeld durfte einen alten Abzählreim bemühen: da war es nur noch einer, nämlich Karlheinz Riedle. Sammer begab sich zur gleichen Zeit wegen einer Achillessehnenverletzung in ärztliche Obhut, Andreas Möller fabrizierte die berühmte und mit einer zweiwöchigen Sperre bestrafte „Oster-Schwalbe“ gegen Karlsruhe, und Riedle bekämpfte eher seine Pollen-Allergie statt gegnerische Vorstopper. Am 7. Mai 1995 verlor der BVB schließlich das Top-Spiel in Bremen mit 3:1 und damit die Tabellenführung, die die Mannschaft die letzten sieben Monate ununterbrochen inne hatte.

Das Drama letzter Akt und Erlösung

Kreuzbandriss, dritter Teil: Hitzfeld hatte in einer ungewöhnlich langen Mannschaftssitzung Borussia auf den Bundesliga-Endspurt eingeschworen und Aggressivität geschürt, als Ersatz-Torwart „Teddy“ de Beer im Trainingsspiel einen Flankenball vor Karlheinz Riedle aus dem Strafraum faustete. Der Stürmer fiel wie vom Blitz getroffen ins Gras und verdrehte sich das Knie: Kreuzbandriss, sechs Monate Pause. Statt Povlsen, Chapuisat und Riedle sollten es nun die von Hitzfeld als „Baby-Sturm“ bezeichneten außergewöhnlichen Talente Ibrahim Tanko und Lars Ricken richten. Mit 17- und 18-jährigen freilich ist noch nie eine Mannschaft Deutscher Meister geworden. Am 31. Spieltag der nächste Nackenschlag: beim Auftritt in Freiburg – als Tabellendritter die Überraschungsmannschaft der Saison – holte sich erst Andy Möller in der 33. Minute eine dämliche „gelb-rote Karte“ ab, bevor dem überragenden Sammer ein unglückliches Eigentor unterlief, mit dem er die Führung seiner engagiert auftretenden Mannschaft durch „Susi“ Zorc egalisierte. Das 1:1 im Breisgau schien zu wenig, da gleichzeitig an der Weser Werder ein 6:1-Schützenfest über Uerdingen feierte. Der Rückstand betrug nunmehr zwei Punkte.

Die erneute Trendwende brachte der 32. Spieltag. Zwar gelang dem BVB zu Hause nach vielen glasklaren Chancen, die allesamt vergeben wurden, nur ein 1:1-Unentschieden gegen Gladbach, aber wenige Kilometer weiter kassierten die Bremer bei entfesselt aufspielenden Schalkern, für die es im Niemandsland der Tabelle eigentlich um nichts mehr ging, eine 2:4-Niederlage. Die Hoffnung war nach Dortmund zurückgekehrt, das Drama ging weiter. Am vorletzten Spieltag lag man in Duisburg nach 50 Minuten bereits mit 0:2 zurück, die Fans verabschiedeten sich schon an der Wedau von ihrem Meisterschaftstraum, bevor wieder einmal Michael Zorc und zweimal Stefan Reuter das Spiel noch drehten. Fortunas Gunst neigte sich wieder den Borussen zu, was sich am letzten Spieltag offenbarte: Werder verlor mit 1:3 in München, und Borussia gewann vor begeisterten 100.000 Zuschauern – 43.000 im Westfalenstadion und über 50.000 auf dem Dortmunder Friedensplatz, die das Spiel auf einer Großleinwand verfolgten – mit 2:0 gegen den HSV. Nach 32 langen Jahren war der BVB wieder Deutscher Fußballmeister. Nur der Abschied von Sympathieträger Fleming Povlsen stimmte etwas wehmütig, aber der Däne, der aufgrund einer Knieverletzung seine Karriere beendet hatte, versprach: „Ich nehme ein Stück Dortmund mit in meine Heimat.“ Aus der ganzen Region strömten an diesem Wochenende Menschen nach Dortmund. Im Radio wurde den Hörer sogar empfohlen, die Stadt zu meiden, da sie vollkommen überlaufen sei. Am Sonntag jubelten über 500.000 Menschen dem Meister zu und feierten in einer tagelangen Jubelorgie ihre Mannschaft und sich selbst.

P.S. Streng genommen verdankt der BVB diesen Titel ausgerechnet seinen größten Erzfeinden: Schalke und Bayern schlugen in der Endphase der Bundesligasaison Titelkonkurrent Werder Bremen und machten dadurch für die Dortmunder den Weg zum historischen Triumph frei. Geschichten, die wirklich nur der Fußball schreibt.

Bild bvb9495