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revierkick

Die großen Erfolge

Borussia Dortmund Deutscher Meister 1996

„Unglaublich, sensationell, wahnsinnig“

Der Reiz des Neuen war es nicht, der die ausgelassenen Borussen Profis faszinierte, denn wie sich die Meisterschale anfühlt, hatte der Großteil von ihnen bereits ein Jahr zuvor erkunden können. Nein, es war die euphorische Begeisterung der riesigen Fangemeinde im Westfalenstadion sowie dem Friedensplatz. „Unglaublich, sensationell, wahnsinnig“, faszinierte nicht nur Andreas Möller die einzigartige Atmosphäre, die sich nach der erfolgreichen Titelverteidigung in einem kollektiven Freudentaumel der rieseigen Fangemeinde wiederspiegelte.

Vergessen war das lange Zittern und die Anspannungen, die bis zum Triumph durchlebt werden mussten, die Rückschläge, vor allem in der Rückrunde, und das nervige Gerangel um Heiko Herrlich vor der Saison. Der Torschützenkönig wollte unbedingt die Borussia wechseln. Von der in Mönchengladbach ansässigen zu der in Dortmund beheimateten. MG-Manager Rolf Rüssmann wehrte sich vehement, doch der Angreifer war nicht umzustimmen, weil er sich auf eine mündliche Freigabe berief: „Ich spiele nie wieder für Gladbach.“ Er behielt Recht, aber nur, weil die Borussen tief in die Tasche griffen. Rolf Rüssmann urteilte daraufhin süffisant. „Heiko Herrlich ist der erste Spieler, der seine Ablösesumme auf dem Rücken trägt.“ Es war die Nummer elf, genauso viele Millionen Mark wechselten bei seinem Transfer den Besitzer, dagegen war der spätere „Fußballgott“ Jürgen Kohler, der aus Turin nach Dortmund kann, sogar ein Schnäppchen: „Es war immer mein Traum im Westfalenstadion zu spielen.“ Die Premiere gefiel dem Stürmer besser, „mir lief es kalt den Rücken runter“, da er beim dem insgesamt enttäuschenden 1:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern den einzigen Treffer markierte. Mit dem gleichen Resultat kehrten die Schwarz-Gelben aus Leverkusen zurück. Michael Meier: „Hier war mehr drin“, und schon machten sich die Auswirkungen der neuen Drei-Punkte-Regelung bemerkbar, ein Remis hatte nicht mehr seine ursprüngliche Bedeutung. Doch bei Hansa Rostock reichte es noch nicht einmal zu diesem einen Pünktchen, dafür aber für reichlich kuriose 90 Minuten. 2:0 führten die souveränen Gäste im Ostseestadion, bevor der Aufsteiger in der Schlussphase den Spieß zu einem 3:2 umdrehte. „Ein Verein, der Ansprüche wie der BVB hat, darf sich so eine Niederlage nicht erlauben“, wetterte Ottmar Hitzfeld, den der Blick auf die Tabelle wenig erfreute: Die Dortmunder rangierten auf Platz 13.

Gestiegene Ansprüche

Schon die ersten Wochen der Saison 1995/96 machten deutlich, dass der BVB als neuer „Branchenführer“ merklich mit anderen Ansprüchen zu Werke ging. Man hatte teuer eingekauft (Heiko Herrlich, Jürgen Kohler, der Tscheche Patrick Berger, der uruguayische Nationalspieler Ruben Sosa und während der Saison der Blitztransfer von Jörg Heinrich) und agierte rationaler und geschäftsorientierter – auf dem Spielfeld, aber auch außerhalb des Rasens. Während schwächere Teams im Westfalenstadion schon einmal den hämischen Spott der Fans zu hören bekamen („Wenn wir wollen, kaufen wir euch auf“), lieferte sich die Vereinsführung eine monatelangen „kalten Krieg“ mit der „Abteilung Attacke“ des FC Bayern. Dabei ging es aber nicht nur um (harmlose) verbale Scharmützel, sondern der deutsche Rekordmeister umgarnte etliche Dortmunder Spieler, was wiederum zu Gehaltsexplosionen der Akteure führte. Die Süddeutsche Zeitung insistierte sogar bei der „Lichtgestalt“ Franz Beckenbauer mit der Frage, ob denn der FC Bayern ganz bewusst die Strategie verfolge, die Dortmunder finanziell über die Grenzen zu treiben, erntete daraufhin aber nur eloquentes Schweigen. Aber auch der Dortmunder Vorstand seinerseits war um markantes nicht verlegen: „Die Preise auf dem großen europäischen Markt werden von AC Mailand, Juventus Turin oder den großen englischen Klubs bestimmt. Dort kennen wir die Marktverhältnisse genau. In diesem Getriebe ist der FC Bayern, bei allem Respekt, nur ein kleines Rädchen“, erklärte BVB-Präsident Gerd Niebaum.

Der lange Weg zurück an die Spitze

Die Wende wurde zwar mühselig, aber effektiv, gegen die „Fohlen“ vom Bökelberg geschafft, als Lars Ricken neun Minuten vor dem Ende zum 2:1 und den ersten Sieg einschoss. „Jetzt geht es los“, frohlockte Stefan Reuter, der sich als guter Prophet erwies. Vier Siege in Folge standen auf der Tagesordnung, und was für welche! Nach der Pflicht beim FC St. Pauli folgte die Kür. So kickten die Schwarz-Gelben gegen den VfB Stuttgart nur mit zehn Mann, da Knut Reinhardt mit Rot dekoriert vorzeitig Duschen musste, fiedelten trotzdem den VfB Stuttgart mit dem magischen Dreieck Bobic, Balakov und Elber mit 6:3 ab. In Frankfurt setzte sich der Torsegen beim 4:3 fort, gleichzeitig wurde dreimal ein Rückstand aufgeholt.

Und dann kamen sie, die scheinbar unbesiegbaren Bayern, bei den Otto Rehhagel mit sieben Erfolgen nach ebenso vielen Spieltagen an der Isar einen Einstand nach Maß gefeiert hatte Es wurde ein mitreißender Abend, an dem der „Poeta del Gol“, Ruben Sosa, nach seiner Einwechselung und dem ersten Ballkontakt mit einem traumhaften Freistoß das 2:1 markierte und damit die Borussen auf die Siegesstraße führte. Diese verließ der BVB bis zur Winterpause nicht mehr, auch der alte Rivale Schalke 04 konnte den Siegesexpress nicht aus der Spur bringen, obwohl die Königsblauen nur auf das Dortmunder Tor spielten. „Das ist die bitterste Niederlage seit ich in Schalke Trainer bin. Sie tut weh. So brutal kann Fußball sein“, raufte sich Jörg Berger die Haare, als Michael Zorc quasi mit dem Schlusspfiff den Ball zum 2:1-Auswärtssieg in die Maschen drosch. Der BVB überzeugte nicht, nahm aber die Punkte mit. So werden seit Jahrzehnten die meisten Meister gemacht. Zur Winterpause stand der BVB wieder an der Spitze: 12 Siege, vier Unentschieden und nur eine Niederlage, eine imponierende Bilanz lag unter dem schwarz-gelben Tannenbaum. Lediglich die Bayern hielten noch mit zwei Zählern einen geringen Abstand, während die restliche Konkurrenz schon mit 12 Zählern hinterher hechelte.

Das Zittern in der Rückrunde

Die Tabellenführung des BVB konnte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Verletzungspech den Borussen auch in dieser Saison treu blieb. 92-mal mussten Spieler wegen Verletzungen pausieren, allein 14 Muskelfaserrisse wurden diagnostiziert. Das geplante Stammspieler-Potenzial konnte in der Rückrunde kaum einmal abgerufen werden. Am deutlichsten wurde dem BVB das Dilemma im Viertelfinale der Champions League aufgezeigt. Ajax Amsterdam erteilte den Borussen im Westfalenstadion eine bittere Lektion: nach Toren von Edgar Davids und Patrick Kluivert gewannen die vollkommen dominanten Holländer mit 2:0 und machten damit auch das Rückspiel nur noch zu einer Pflichtaufgabe.

In der Bundesliga verteidigte der BVB von Spieltag zu Spieltag die Tabellenspitze, allerdings manchmal eher schlecht als recht. Angstgegner Rostock gewann im Westfalenstadion mit 2:1, Punktverluste in Kaiserslautern und Mönchengladbach taten ihr übriges. Aber auch der große Konkurrent aus München, bei dem das Medien-Theater zwischen „Kaiser Franz“ und dem westfälischen Anstreicher Otto Rehhagel bereits im vollen Gange war, verlor wertvolle Punkte und blieb dadurch stets auf Abstand. Ausgerechnet beim Tabellenvierten VfB Stuttgart gelang dem BVB der ersehnte Befreiungsschlag; in einem Match, das jeder, der dabei gewesen ist, bis heute nicht vergessen hat. „Chappi ist wieder da“, skandierten die 5.000 mitgereisten Fans im Gottlieb-Daimler-Stadion und warfen immer wieder einen verzückten Blick in Richtung Anzeigentafel, auf der ein 0:5 erstrahlte. Der Schweizer, der nach seinem Kreuzbandriss lange Probleme hatte, an seine alte Form anzuknüpfen, trug sich an diesem Samstagabend zweifach in die Torschützenliste ein, und der Privatsender Sat 1 durfte sich selbst auf die Schulter klopfen, denn er hatte mit der ersten Live-Übertragung an diesem ungewohnten Termin einen Volltreffer gelandet.

Gleich sechs gelangen dem BVB gegen die Frankfurter Eintracht und Trainer Hitzfeld orakelte: „Die Mannschaft hat gezeigt, was in ihr steckt. Ich freue mich auf München.“ Die Wirklichkeit sah anschließend bitterer aus als die süße Vorfreude. „Noch nie haben die Bayern in einem Heimspiel den Schlusspfiff so herbeigesehnt“, stieg in Dr. Gerd Niebaum anschließend der Frust auf. Mehmet Scholls Tor konnten die Dortmunder nicht egalisieren, zumal als unerfreuliche Randerscheinung noch das Volksstück „Jagdszenen im Olympiastadion“ aufgeführt wurde. In der Hautrolle der Torschütze, der Stephane Chapuisat ungestraft per Faustschlag niederstreckte.

Der hatte bei allen Dortmundern wohl seine Nachwirkungen hinterlassen, das Siegen hatten sie verlernt. Es folgten Wochen, in denen beide Spitzenvereine unfähig waren, entscheidend zu punkten. Der BVB hangelte sich von Unentschieden zu Unentschieden, während das „Dream-Team“ aus München Niederlage um Niederlage kassierte. Als Ende April Hansa Rostock im Olympiastadion mit 1:0 gewann, musste Rehhagel seinen Trainerstuhl vorzeitig räumen. Nun wollte es der Kaiser wieder selbst richten. Und zumindest die Dortmunder taten alles dafür, dass es gelingen konnte. Am 31. Spieltag folgte in Karlsruhe ein Waterloo erster Klasse. „Das 0:5 war eine der bittersten Stunden für mich. Es war deprimierend mit anzusehen, wie wir innerhalb von fünf Minuten drei Gegentreffer kassiert haben. Meine Mannschaft wurde vom KSC vorgeführt“, musste Hitzfeld resigniert feststellen und appellierte an die Ehre der Spieler: „Ich bin zutiefst in meinem Stolz verletzt, eigentlich sind es alle.“ Da die Bayern aber an diesem auseinandergerissenen Spieltag ein paar Tage später nach einer 2:0-Führung noch mit 2:3 in Bremen verloren, blieb auch dieser Ausrutscher folgenlos. Das badische Debakel war für die Dortmunder Zweckgemeinschaft heilsam. „Man spürte von Beginn an, dass sie etwas gutzumachen hatten“, stellte auch der damalige Bundestrainer Berti Vogts fest, als der BVB den KFC Uerdingen mit 5:0 förmlich überrollte. Auch im Nachholspiel gegen Leverkusen ließen Sammer & Co nichts mehr anbrennen, während Kaiser Franz wieder einmal im Gelsenkirchener Parkstadion die Grenzen aufgezeigt wurden.

Meister wären die Borussen wohl auch ohne diese Schützenhilfe geworden, doch so konnten sie noch ein kleines Bonbon drauflegen und ausgerechnet im Olympiastadion, der Heimat des FC Bayern, mit einem 2.2 gegen die Löwen die Titelverteidigung perfekt machen. „Wir sind kein berauschender Meister, dafür haben wir in der Rückrunde zu viele Schwächen gezeigt. Auf der anderen Seite war die Willensstärke unser Plus“, blickte Ottmar Hitzfeld sachlich zurück: Den Fans war es egal. Sie genossen die zweite Übergabe der Meisterschale innerhalb von 12 Monaten.

Bild bvb96