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revierkick

Die großen Erfolge

Borussia Dortmund Champions-League-Sieger 1997

Europas Nummer Eins

Auf dem Platz lagen sie sich in den Armen, auf den Rängen flossen die Freudentränen: Borussia Dortmund hat ein Fußball-Märchen wahr werden lassen und mit einem 3:1 (2:0)-Triumph über Juventus Turin die Champions League gewonnen. Mit zwei Toren war „Kalle“ Riedle der Held des Abends und Lars Ricken schoss die Dortmunder in der 71. Minute mit dem 3:1 auf den Fußball-Thron. Dortmund und Schalke holen den Europapokal – jetzt spielt das Ruhrgebiet „Doppel-Pott“.

Präsident Dr. Gerd Niebaum hatte unmittelbar vor dem Anpfiff noch einmal seinen Optimismus verbreitet: „Wir sind eine Finalmannschaft. Das zeigt schon der Blick in die Geschichtsbücher.“ Ein Selbstbewusstsein, das auch Ottmar Hitzfeld vorlebte. Der Trainer hatte seine Mannschaft taktisch wie in der Bundesliga eingestellt, also vor Libero Sammer die beiden Manndecker Kohler und Kree nominiert, anstatt sich nach den Italienern zu richten. Das hatte er in der Vergangenheit auch schon anders gehalten.

Doch auf dem Platz demonstrierte zunächst Juventus das Selbstbewusstsein. Während die Dortmunder anfangs verkrampft und zu hektisch wirkten, ließ der frischgebackene italienische Meister Ball und Gegner laufen. Vor allem im Mittelfeld machte Turin Vorteile geltend, weil Zidane lange Zeit nicht in den Griff zu bekommen war – Lambert war im Zweikampf nicht eng genug an dem technisch brillanten Franzosen. Und weil seine laufstarken Mitstreiter Deschamps, di Livio und Jugovic ständig die Positionen wechselten, stand die Borussia unter Druck.

Mitten in diese Phase fiel nach 29 Minuten das 1:0 für den BVB – gewissermaßen wie der Blitz aus heiterem Himmel. Und gezündet von „Kalle“ Riedle, der dabei von Fehlern in der Turiner Abwehrkette profitierte. Zunächst wehrte Torwart Peruzzi einen Eckball von Möller zu kurz ab, und dann unterlief Porrini die Hereingabe von Lambert. Doch Riedle war hellwach und vollstreckte aus sechs Metern zum 1:0. Auf den Rängen, wo 30.000 BVB-Fans ihrer Mannschaft den Rücken stärkten, kochte die Stimmung über.

Erst recht, als dieses Tor bei Juventus Wirkung zeigte und die Dortmunder die Gunst der Stunde zu nutzen verstanden. Keine fünf Minuten waren nach dem 1:0 verstrichen, da wuchtete abermals Riedle eine Möller-Ecke zum 2:0 ins Netz. Ausgerechnet Riedle, der schon auf der Abschussliste stand, stürzte den BVB in den totalen Freudentaumel.

Auf dem Platz hatten die Dortmunder freilich noch Schwerstarbeit zu verrichten. Noch vor der Pause traf Zidane den linken Pfosten (42.) und Vieri (43.) ins Tor – doch hatte Schiedsrichter Puhl zurecht ein Handspiel geahndet.

Die Italiener rafften sich zur Trotzreaktion auf. Sammer, der vor dem Spiel übrigens versicherte, dass er die Fußballschuhe nicht an den Nagel hängen wird und weiter für den BVB spielt, rückte mit seinen Abwehrrecken in den Brennpunkt. Der Libero gab seinen Vorderleuten mächtig Halt, doch machten diese nach der Pause zunächst den Fehler, dem Druck der Italiener zu passiv zu begegnen.

Denn Trainer Lippi brachte mit del Pierro einen dritten Stürmer, so dass der vor der Pause starke Reuter in die Verteidigung gezogen wurde. Und del Pierro wurde nach 64 Minuten auch seinem Ruf als BVB-Schreck gerecht, als er mit der Hacke den Anschlusstreffer zum 1:2 erzielte. Die Borussen hatten sich in dieser Phase zu sehr zurückdrängen lassen und mit Ausnahme eines Kopfballs von Riedle nicht mehr für Entlastung gesorgt.

Die 30.000 Fans im Stadion mussten zittern um ihre Mannschaft, die übrigens wie 1989 beim DFB-Pokalsieg mit neuen Trikots angetreten war – ein Wechsel aus Aberglaube, inszeniert von Andy Möller. Vielleicht half’s den Schwarz-Gelben ja auf den Thron, jedenfalls kam gerade rechtzeitig das Glück zurück. Und zwar in Person von Lars Ricken, der in der 71. Minute mit einem Traumtor das 3:1 erzielte. Keine 60 Sekunden zuvor hatte ihn Ottmar Hitzfeld erst ins Spiel genommen – und mit seinem glücklichen Händchen den Sieg eingewechselt.

Ricken kam, sah und siegte

Der Mann für die „Millionen-Tore“ erledigte seine Mission im Eiltempo. Nur knapp 20 Sekunden nach seiner Einwechslung schnappte sich Lars Ricken das Leder und lupfte es cool zu Borussia Dortmunds erstem Champions-League-Titelgewinn ins gegnerische Gehäuse.

Wieder war es der erst 20jährige Soldat Ricken, der nach 70 Minuten aufs Feld kam und gleich mit dem ersten Ballkontakt seinem Ruf als „Mister Europacup“ gerecht wurde. Aus rund 28 Metern Entfernung hob er den Ball über Keeper Angelo Peruzzi ins Tor ) wie einst „Stan“ Libuda beim ersten BVB-Europacupsieg 1966 über den FC Liverpool.

„Ich habe von dort aus beobachtet, dass Peruzi oft sehr weit vor dem Tor steht, und darauf spekuliert, dass ich möglichst schnell den Ball bekomme. Dann war es für mich die sinnvollste Alternative, das Tor zu machen“, erklärte Ricken mit frechem Grinsen, wie er den gegnerischen Torwart ausspioniert und wieder einmal den so ungeheuer wichtigen Treffer vorbereitet hatte. „Lars hat wieder einen Big Point gemacht. In diesem Alter schon so abgezockt zu sein, ist fast sensationell.“ So lobte Coach Ottmar Hitzfeld den Jungstar.

Der hat im Olympiastadion die schier unglaubliche Serie seiner für den BVB millionenschweren Europacup-Volltreffer (insgesamt acht) gekrönt. Unvergessen blieb vor allem sein 3:1 am 6. Dezember 1994, als er kurz vor Ende der Verlängerung gegen Deportivo La Coruna die Entscheidung zugunsten des BVB erzwang. In dieser Saison waren seine Treffer aber nicht minder wichtig: Auch im Viertelfinale in Auxerre und im Halbfinale in Manchester (je 1:0), wo er Klubchef Niebaum am Gepäckband des Flughafens seinen Treffer sogar in die Hand versprach, war stets er für das „goldene Tor“ zuständig.

Warum Ricken vornehmlich auf internationaler Bühne glänzt, weiß er auch nicht so genau: „Das sind Dinge, die man nicht erklären kann. Man muss sie einfach erlebt haben.“

Bild bvb971