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revierkick

Die großen Erfolge

Borussia Dortmund Weltpokalsieger 1997

Kulturschock und europäische Fußballehre

Im Land der aufgehenden Sonne erstrahlte der schwarz-gelbe Stern im vollen Glanz. Mit dem Weltpokal-Erfolg über den südamerikanischen Titelträger Cruzeiro Belo Horizonte platzierte sich der BVB auf den obersten Fußballthron und löste selbst bei den Verantwortlichen euphorische Stimmungen aus. „Demnächst spielen wir um den intergalaktischen Titel“, jubilierte der damalige und inzwischen leider verstorbene Vize-Präsident Ernst G. Breer bei der Siegesparty in der noblen Hotelbar. Eine Fete, die im Gegensatz zu den ansonsten eher steifen Triumph-Banketten der Borussen, in entspannter und locker Atmosphäre richtig gute Laune verbreitete. Da saßen sie nun, die Dortmunder Helden in der Hotelbar, plauderten mit ihren Mitspielern, den wenigen mitgereisten Edel-Fans und der noch kleineren Schar der Journalisten.

Die höchsten Glücksgefühle verbreitete der kleine Nevio Scala, der bis zu diesem Erfolg recht wenig in Dortmund zu lachen hatte, doch der 2:0-Sieg ließ ihn schon vor dem Abflug auf Wolke sieben schweben: „Ich habe vor dem Endspiel mit meinem Bruder telefoniert. Der hat mir gesagt, wenn das Finale zu euren Gunsten ausgeht, dann hast du die ganze Saison geschafft.“ Als er daraufhin in verdutzte Gesichter schaute, schob er nach: „In Italien hat dieser Pokal einen enorm hohen Stellenwert.“

Weltpokal?!

Die BVB-Verantwortlichen hatten im Vorfeld des Fluges nach Tokio und in der japanischen Hauptstadt selbst da ganz andere Ansichten von sich gegeben, der interkontinentale Vergleich war für sie eher ein unnötiges Ärgernis, das zudem nur spärlich die Vereinskassen füllte. So wetterte Michael Meier: „Es kann doch nicht sein, dass wir für so eine Begegnung lediglich 500.000 DM erhalten.“ Hinzu kam die Zeitverschiebung, als im fernen Asien die Partie angepfiffen wurde nahte in der Heimat gerade die Mittagsstunde, die nicht unbedingt die Massen vor den Fernseher lockt, da sie an einem Dienstag nun einmal in erster Linie ihren Lebensunterhalt mit Arbeit verdienen müssen. Dementsprechend klagte das geschäftsführende Vorstandsmitglied erneut: „Sollten wir inklusive der TV-Übertragung auf eine Million Mark kommen, schlagen wir uns schon auf die Schenkel.“ Doch Dr. Gerd Niebaum gelang es jenseits des schnöden Mammons seine Kicker entsprechend zu motivieren. „Vorher fand ich dieses Spiel eher lästig, doch nachdem der Präsident uns erläutert hat, wir können quasi Weltmeister der Vereinsmannschaften werden, sehe ich die Angelegenheit etwas anders“, beschrieb Heiko Herrlich seinen Motivationsschub.

Den mussten sich Dortmunder Profis im Vorfeld den Triumph allerdings hart erarbeiten, denn der Flug von Dortmund führte zunächst nach Amsterdam, von dort aus ging es im Langstreckenflieger mehr als zwölf Stunden lang in den fernen Osten, wo zudem schnell erkennbar wurde, unter welchen Verkehrsproblemen der Tokioter an sich zu leiden hat. Allein für die 30km lange Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt benötigte der im Stau dahin schleichende Bus über zwei Stunden. „Es ist einfach unglaublich“, stöhnte Nevio Scala gleich mehrfach und sagte die anschließende, ursprünglich geplante Trainingseinheit prompt ab, als er erfuhr, dass der Trip zum Übungsrasen erneut 90 Minuten in Anspruch nehmen würde. Neben dem Organisationschaos präsentierte sich dem amtierenden Champions League Sieger eine bisher unbekannte Welt, nicht nur weil die Autos auf der „verkehrten“ Straßenseite sich ihren Weg bahnen mussten. Die lebendige Metropole verbreitete Hektik in höchster Vollendung und wer sich dann einen Drink zur Beruhigung gönnen wollte, der musste gleich einen weiteren bestellen, um den Preisschock des ersten zu verkraften.

Aber wegen der kulturellen Eindrücke war der BVB-Tross ja nicht nach Japan aufgebrochen, sie sollten im dortigen Olympiastadion die Ehre des europäischen Fußballs verteidigen, auch wenn sich auf dem Spielfeld so mancher Dortmunder fragte, ob die Zuschauer die gebotene Qualität richtig einschätzen können. „Die Atmosphäre erinnerte mich an ein Klavierkonzert“, schmunzelte Martin Kree nach dem Abpfiff etwas ungläubig über die Zurückhaltung auf den Rängen, die mit 56.000 Besuchern ausnahmslos besetzt waren. Die Contenace war jedoch verständlich, da die überwiegende Anzahl der Karten nicht im freien Verkauf erhältlich waren, sondern von den Großfirmen an verdiente Mitarbeiter verteilt wurden.

Doch selbst die wussten, dass ein Torerfolg entsprechend gefeiert werden muss. Michael Zorc forderte gleich in der 34. Minute das Temperament der Kulisse heraus, als er nach einer Ecke aus kürzester Entfernung zur 1:0-Führung abstauben konnte. Die wütende Antwort ließ nicht lange auf sich warten, die Lederkugel rollte reichlich oft in Richtung des überragenden Schlussmannes Stefan Klos, doch der ließ sich einfach nicht überlisten. Auch nicht vom dem nur für dieses eine Spiel verpflichteten Bebeto, ausgerechnet Bebeto, den die Dortmunder doch Jahre zuvor schon an der Vertragsangel hatten, der dann aber trotzdem wieder absprang. Steffen Freund süffisant: „Der Fußball ist gerecht. Er und die anderen zwei Neuen haben bei den Brasilianern nur für Unruhe und bei uns zu einer Trotzreaktion geführt.“ Der Südamerika-Meister hatte für je 50.000 Dollar nur für dieses Spiel die Stars Bebeto, Goncelves und Donizete eingekauft. Das Reglement gestattet es. Wesentlich auffälliger waren da schon die beiden BVB-Mittelfeldstrategen Paulo Sousa sowie Andy Möller, denn sie kämpften nicht nur um den Sieg, sondern auch um die lukrative Zusatzprämie in Form einer japanischen Nobelkarosse, die dem besten Spieler auf dem Platz zuteil wurde. Der Deutsche hatte am Ende die Nase vorn. Was allerdings aus dem fahrbarem Untersatz geworden ist, hat Andreas Möller nicht verraten. Im Laderaum des Fliegers nach Frankfurt war er nicht zu entdecken. Eine Etage höher, nämlich in den Sitzreihen dagegen wanderte der stattliche Pokal, den Heiko Herrlich mit dem 2:0-Endstand fünf Zeigerumdrehungen vor Schluss endgültig gesichert hatte, durch die Reihen. Anfassen wollte ihn jeder.

Wer dabei war, der erfreute sich an dem Erfolg, doch in der Heimat folgte eher die Ernüchterung. Als der Flieger am Main landete, da war die Ankunftshalle ebenso so leer wie rund drei Stunden später der Vorplatz des Westfalenstadions, als mit der Ankunft des Trosses in Dortmund die Reise ins Reich der aufgehenden Sonne ihr Ende fand. Nicht einmal der Mond schien in der verschneiten Dezember-Nacht. Noch finsterer wurde es ein halbes Jahr später für Nevio Scala, dessen Brüder zwar die richtige Prognose abgegeben hatten, mehr aber nicht. Die komplette Spielzeit durfte der ehemalige Coach des AC Parma auf der BVB-Bank Platz nehmen, dann räumte er diese mehr oder weniger freiwillig. Im folgenden Bundesligaalltag verblasste der Glanz des Weltpokals rasch, doch den Briefkopf der Borussen wird er trotzdem eine Ewigkeit zieren. Zurecht frohlockte Jörg Heinrich deshalb: „Ein Klub wie Manchester United würde ein Vermögen ausgeben, um diesen Erfolg zu erringen.“

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