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Die großen Erfolge

FC Schalke 04 UEFA-Pokalsieger 1997

„Steht auf, wenn ihr Schalker seid“

Ein Traum wurde wahr. Was mit der Qualifikation für die Teilnahme am UEFA-Cup 1996 begann, entwickelte sich von Station zu Station zu einer schier unglaublichen Erfolgsstory und fand schließlich im Mailänder Meazza- Stadion ein wundervolles Happyend. Der „kleine“ FC Schalke, der Malocher-Klub aus dem Ruhrgebiet, besiegte das große Inter Mailand und gewann den UEFA-Cup 1997. Der Stoff, aus dem die Fußball-Legenden sind, erhielt neue Nahrung. Und hungrig auf den Erfolg waren sie alle, diese Gemeinschaft der Spieler, die bis auf Olaf Thon noch keine großen persönlichen Erfolge nachweisen konnte, und denen dieses Heldenstück gelang. Selbst für Torwart Jens Lehmann, der später noch viele Meriten sammeln sollte, steht der Triumph 1997 ganz oben: „Mit einer Mannschaft, die keiner kennt, so einen Erfolg zu erreichen, für den Verein, mit dem ich fast alles erlebt habe, bei dem ich zum Profi wurde – das ist unerreicht.“

Was haben sie doch alle geunkt und gefeixt, die selbsternannten Fußball-Fachleute, als Schalke 04 sich für den UEFA-Cup qualifizierte. In der Tat ging die Entwicklung beim Traditionsklub fast rasend, für manche aus anderen Regionen einfach zu schnell. Drei Jahre zuvor war Schalke quasi mausetot: sportlich ohne Perspektive, wirtschaftlich mit 20 Millionen Mark Verbindlichkeiten nahezu am Ende. „Was wollt ihr in Europa“, hallte es in den anderen Stadien den Blau-Weißen entgegen. Maximal eine Runde sollte man überstehen, mehr erschien nicht möglich. Und tatsächlich gaben die Verantwortlichen das Ziel aus, nach zwanzig Jahren Europa-Cup-Abstinenz zumindest die zweite Runde zu erreichen. Doch es ging weiter und weiter...

Die blau-weiße „Tour d’Europe“

Jede Runde, jedes Spiel, hatte seinen besonderen Charakter. Alle waren auf ihre Weise erregende, teilweise dramatische Höhepunkte der Vereinsgeschichte und wurden entsprechend gefeiert. Das Comeback auf der Euro-Bühne und der klare 3:0-Sieg gegen Kerkrade vor 48.000 stolzen Schalkern. Die „Kaffeefahrt“ zum Rückspiel in die holländische Kleinstadt, wo die Schalker nicht nur ein Remis mitnahmen, sondern Manager Rudi Assauer auch einen gewissen Huub Stevens von der Trainerbank. Anschließend das deutsch-türkische Kulturfest im Parkstadion gegen Trabzonspor, unvergesslich in seiner Spannung auf dem Rasen und mit dem Sängerwettstreit auf den Rängen. Das Rückspiel am Schwarzen Meer, wo die Hölle erwartet wurde, Schalke aber dank Johan de Kocks früher Tore sich schon im Himmel wähnte, bis drei Treffer der Gastgeber in nur fünfzehn Minuten den Spies umdrehten und vielleicht für die heikelsten Augenblicke des ganzen Wettbewerbs sorgten: Schalkes prognostiziertes frühzeitiges „Aus“ schien einzutreten, bis Martin Max’ Ausgleichstreffer zum 3:3 die türkischen Hoffnungen auf ein Weiterkommen zunichte machten. Das Schneespiel in Brügge mit dem Traumtor von Mike Büskens zum wichtigen Auswärtstor gegen den belgischen Double-Gewinner. Die Aufholjagd bei strömendem Regen im Parkstadion mit dem erlösenden 2:0 von Youri Mulder in letzter Sekunde. Da war schon ein Traum in Erfüllung gegangen, das Viertelfinale erreicht und der UEFA-Cup auch ins neue Jahr gerettet.

Die spanische Bergetappe CF Valencia schien dann aber für die Knappen das baldige Ende all der schönen Euro-Feten. Eine Millionen-Truppe, die vollmundig ankündigt hatte, den „kleinen“ Schalkern keine Chance zu lassen. Die Spiele im März gerieten zu absoluten Höhepunkten: Schalkes überraschender 2:0-Heimsieg nach einem erregenden Krimi, und das Rückspiel mit dem Tor von Youri Mulder, das bereits nach zwanzig Minuten alles klar machte. Die restliche Spielzeit wurde zu einem einzigen Fest der zahlreich mitgereisten Fans, die sich selbst und ihre „Euro-Fighter“ feierten. Vor dem Halbfinale gegen CD Teneriffa, damals von Jupp Heynckes trainiert, passierten die bösen Verletzungen von Martin Max und Youri Mulder und ließen die Hoffnungen gen Null sinken. Auch auf der Urlaubsinsel lief vieles gegen den S04: ein unberechtigter Elfmeter in der Frühphase des Spiels, ein hektischer Kampf mit zwei Platzverweisen und einem verschossenen Elfmeter von Johan de Kock – ein Drama zu nächtlicher Stunde, das Millionen an den Fernsehgeräten in Deutschland faszinierte. Das Rückspiel, in dem die Taktik der kontrollierten Offensive von Huub Stevens aufging, und die Null zum fünften Mal gehalten wurde, zahlte sich die Geduld aus: Thomas Linke und Marc „Willi“ Wilmots trafen per Kopf. Nach 120 Minuten hatte man das Endspiel erreicht.

Das Drama von Mailand

„Wir haben keine Gegner mehr, schickt uns Inter Mailand her“, skandierten die blau-weißen Anhänger in einem Akt zwischen beglücktem Hochmut und augenzwinkernder Selbstironie, und tatsächlich wurde der Millionen-Klub aus der Lombardei Schalkes Endspielgegner: „Elf“ Millionen-Stars gegen die berühmten elf Freunde. Jeder Mailänder Ersatzspieler war auf der internationalen Fußballer-Börse fast mehr wert als der halbe Schalker Kader. Aber wieder gelang der Kraftakt durch unerbittliche Leidenschaft, erneut siegten Moral und Wille und die Bereitschaft, sich jederzeit für den anderen in die Bresche zu werfen, gegen Spielkultur und persönliche Klasse. Angetrieben von Nemec und Thon erarbeiten sich die Schalker die Dominanz auf dem Rasen und einige Chancen, aber vorerst ohne zählbaren Erfolg. In der 70. Minute nahm dann Marc Wilmots aus 25 Metern Maß und liess Pagliuca keine Chance: 1:0. Danach sang das ganze Parkstadion: „Steht auf, wenn ihr Schalker seid“, und der Manager hatte einmal mehr recht behalten: „Form schlägt Klasse!“

Aber sollte es im Rückspiel reichen? In jenem Giuseppe-Meazza-Stadion, in das überhaupt einmal einzulaufen, Lehmann und Co. schon als einen „Traum“ bezeichnet hatten? Die Chance waren sehr gering, zumal die Mannschaft nach zehn nicht gewonnenen Spielen schon in der Liga auf dem Zahnfleisch ging und eine erneute Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb in weite Ferne gerückt war – außer natürlich: über einen Titelgewinn. Und die Mannschaft schaffte auch diese Bewährungsprobe. In einem dramatischen Kampf wurde einer gleichfalls wütend fightenden Inter-Elf Paroli geboten, und das Quäntchen Glück, als Maurizio Ganz in der Verlängerung nur die Latte traf, hatten sich alle Schalker im wahrsten Sinne des Wortes erarbeitet. Im Elfmeterschießen siegten schließlich die besseren Nerven des Außenseiters, und 30.000 Schalker feierten im Stadion ein blau-weißes Fest.

Die Rückkehr der Mannschaft glich einem einzigen Triumphzug. Thon, Müller, Eigenrauch, Wilmots, Max und Co. haben mehr für das Selbstwertgefühl der Menschen im Revier getan, als viele Image-Kampagnen der Jahre zuvor. Die Sympathien sind ihnen auch von dort zugeflogen, wo man die Schalke-Liebe nicht mit der Muttermilch aufgesogen hat, denn Schalkes Sieg war auch ein Sieg für den Fußball: Wenn es möglich ist, mit Kampf und Einsatz solche Mannschaften wie Valencia und Inter Mailand auszuschalten, dann ist der Lederballsport auch in Zeiten des totalen Kommerzes bunt, faszinierend und unberechenbar wie eh und je.

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