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Die großen Erfolge

VfL Bochum UEFA-Cup Qualifikation 1997

„Europa – wir kommen“

„You never walk alone“, dröhnte es aus den Lautsprechern. Die Fans blieben nach dem Abpfiff minutenlang auf ihren Plätzen, spendeten tosenden Beifall. Bochums stolzer Abgang von der europäischen Fußball-Bühne nach einem 2:2 gegen Ajax Amsterdam war begeisternd. Und Präsident Werner Altegoer blickte stolz zurück: „Was wir bewegt haben, ist kaum zu ermessen. Unsere UEFA-Cup-Auftritte haben landauf, landab den VfL für jeden Fußball-Fan zu einem Thema gemacht.“

Manchmal können eben auch Niederlagen Siege sein, und für die einstige „graue Maus“ der Bundesliga war die UEFA-Cup – Teilnahme fast wie ein Märchen, dass über ein Jahr zuvor begann.

Die erste Station: Die Qualifikation

Nach dem zweiten Abstieg 1994/95 hatte sich das Team von der Castroper Straße prompt und souverän den sofortigen Wiederaufstieg in die Bundesliga erspielt. Und schon vier Tage nach dem begeisternden Schlussspiel gegen Arminia Bielefeld präsentierte Präsident Werner Altegoer am 5. Juni mit Georgi Donkov einen bulgarischen Nationalspieler für die Spielzeit 1996/97. An Selbstbewusstsein schien es dem Bulgaren nicht zu fehlen. Denn über einen Dolmetscher ließ er der erstaunten Journalistenschar mitteilen: „Ich will mit dem VfL Bochum in den UEFA-Cup!“ Eine Aussage, die für allgemeines Kopfschütteln und Erheiterung sorgte. Aber wenige Wochen später schlug Klaus Toppmöller in die gleiche Kerbe: „Wenn wir einen guten Start erwischen, haben wir das Potenzial, um um Platz fünf mitzuspielen. Vorausgesetzt, kein Leistungsträger verletzt sich.“ Auch hier wurde der für seine manchmal zu forschen Worte bekannte Trainer nur mühsam belächelt, galt ja schon seine Aussage, mit dem Wiederaufsteiger einen einstelligen Tabellenplatz anzuvisieren als „frech“.

Doch Toppmöller bewies auch „auf dem Platz“, dass sein Team im Konzert der Großen mitmischen konnte. War der 1:0-Auftakterfolg gegen den MSV Duisburg durch einen Közle-Treffer noch mehr als glücklich, galt darauf das 1:1 im Münchener Olympiastadion fast schon als Punktverlust. Denn mit brillantem Fußball versetzte der freche Neuling den Rekordmeister in helle Aufregung. Die LaOla-Welle des VfL nach dem für die Bayern glücklichen Remis in der Kurve der Heimfans ist noch heute ein Novum im Oberhaus. Den Weg nach oben beschritt der VfL auf leisen Sohlen. Man bewegte sich immer um Platz sieben und war dabei vor Rückschlägen nicht gefeit. Nach dem 1:5-Debakel im Weserstadion hieß es gar: „Nun beginnt der Abstiegskampfl“ Doch stets meldeten sich Wosz und Co. mit Erfolgen zurück: eine Berg- und Talfahrt begann. Der Niederlage in Köln folgte der erste Sieg über den BVB seit acht Jahren. In Düsseldorf begeisterte der VfL ebenso wie gegen Kaiserslautern mit einer Aufholjagd. Insgesamt schaffte es das Team ein Dutzend mal, einen Rückstand aufzuholen: Indiz für die gute Moral der Mannschaft. Einmal im Aufwind, trieb es den VfL durch die Saison. Dariusz Wosz, Uwe Gospodarek, Torsten Kracht – die Ranglisten der Bundesligaprofis wurden in den Spitzengruppen gleich reihenweise von VfL-Akteuren geziert. Am Ende der Saison wurde es noch einmal richtig spannend: 2:6 auf dem Bökelberg, 6:0 gegen St. Pauli – geschafft! Am letzten Spieltag wurde trotz der Niederlage in Leverkusen nur noch gefeiert. Das erfolgreichste Jahr der Vereinsgeschichte brachte auch einen Zuschauerrekord: Mehr als 26.000 pro Spiel passierten die Tore des Ruhrstadions. Eine neue, alte Liebe war entflammt!

Die zweite Station: Trabzonspor

Als für den VfL am 16. September 1997 im türkischen Trabzon die so lange herbeigesehnte Europapokal-Premiere anstand, erinnerte zumindest das Ambiente in der Baustelle des Stadions wenig an eine glanzvolle europäische Bühne. Eigentlich hätte gar nicht angepfiffen werden können, angesichts all der Pflastersteine, Betonklötze und Eisendrähte. Und weil statt der genehmigten 8.600 Besucher mindestens 12.000 gekommen waren, legte der VfL schon zu Beginn vorsorglich Protest bei der UEFA ein. Auf dem Spielfeld begann es allerdings mehr als ordentlich. Bereits in der ersten Minute verwandelte Henryk Baluszynski einen Elfmeter, schoss somit das erste „europäische“ Tor für den VfL überhaupt. Vom Spiel selbst gab es übrigens keine Übertragung nach Deutschland, da ein türkischer Privatsender die Exklusivrechte nicht an das Deutsche Fernsehen verkauft hatte. So musste der Reporter von Radio 98,5 den Fans im heimischen Bochum vermitteln, dass Trabzonspor am Ende noch ein 2:1-Sieg gelang, aber zumindest die Bochumer Schlachtenbummler waren einer Meinung: „Runde zwei: Bochum ist dabei.“

Das Rückspiel im Ruhrstadion wurde zu einem deutsch-türkischen Event. Schon die Vorgeschichte ist gespickt mit Anekdoten: die leicht hochnäsigen türkischen Funktionäre beim Bankett, die türkischen Fans aus dem Ruhrgebiet, das Geheimtraining von Toppmöller hinter verschlossenen Türen, die hysterischen Vorkehrungen der Sicherheitskräfte, weil der türkische Ministerpräsident Yilmaz im Stadion weilte. Aber all das war beim Anpfiff vergessen, denn das Spiel entwickelte sich zum Rausch: Fußball zum Verlieben garniert mit haarsträubenden Fehlern. Die Fans beider Lager durchlebten Gefühlswelten. Vom Jubel und vom Rausch bis zum Zittern und Bangen. Es entwickelte sich ein Match der europäischen Extraklasse. Zwar ging der VfL früh in Führung, aber der Ausgleich durch Misse-Misse schockte die Hausherren. Nun waren nach der Europapokal-Arithmetik zum Weiterkommen noch zwei Tore nötig. Kaum hatte Juran kurz vor der Pause zum 2:1 getroffen, traf die Bochumer der nächste Schlag: Waldoch flog vom Platz. Aber die zehn Bochumer hielten nicht nur die Führung, sondern bauten sie auch noch aus: Juran, Dickhaut und der alle überragende Peschel ließen die Fans in Ekstase geraten. Bis zur 68. Minute hieß es 5:1 für Bochum, und das Stadion leerte sich schlagartig. Tausende von türkischen Fans räumen ihre Plätze, während die Bochumer enthusiastisch feierten. Aber dann, innerhalb von wenigen Minuten, strömten die Trabzonspor-Anhänger im Laufschritt wieder zurück auf die Ränge: Osgün und Osman hatten auf 3:5 verkürzt, und im „türkischen Block“ flammte die Leidenschaft wieder auf. Die Kräfte der zehn Bochumer erlahmten zusehends. Ein Tor noch, und für Bochum wäre der UEFA-Cup erledigt gewesen. Und das Tor fiel: Misse-Misse traf, aber gleichzeitig flog die gelbe Fahne des Linienrichters nach oben. Abseits! Eine strittige Szene, aber im Stadion war man vom ganzen Hin- und Her des Spielverlaufs viel zu erschöpft, um darüber zu diskutieren. Am Ende rettete sich der VfL mit Glück und Geschick in die nächste Runde, und alle, egal ob in den Kneipen oder in den Teestuben der Stadt, waren froh, überhaupt bei diesem großartigen Europapokalabend dabei gewesen zu sein.

Brügge – Bitte umsteigen!

Die Anreise nach Brügge war das einfachste an der nächsten Aufgabe des VfL: sie wurde per Bus erledigt, aber alles andere war ein harter Kampf. Bereits im Hinspiel ging es zur Sache: „Da war richtig Hass im Spiel. Vielleicht liegt das am Prestige-Duell“, zeigte sich Torsten Kracht von der rauen Gangart der Gastgeber überrascht, die mit 1:0 siegten. Auch nach dem Spiel hatte sich die frostige Atmosphäre nicht gelegt. Die Belgier verweigerten den obligatorischen Trikot-Tausch und in der Bochumer Kabine floss nur kaltes Wasser – dafür dann im Rückspiel der Siegersekt in Strömen. Zuvor hatten die Fans die schönsten und aufregendsten 93 Minuten und 25 Sekunden der Vereinsgeschichte miterleben dürfen.

Bochum ging durch Donkovs Elfmeter früh in Führung, dann der Ausgleich durch Jbari, der die VfL-Fans zur Pause zweifeln ließ. Je länger das Spiel dauerte, desto turbulenter wurde es. Nach einer knappen Stunde traf erneut Donkov, im Gegenzug war direkt der Ausgleich möglich. Dem VfL schien die Zeit davon zu laufen, Das Happy-End ließ lange auf sich warten, aber es kam. Ecke Wosz, Kopfball Dickhaut, Kopfball Juran: 3:1! Brügge mobilisierte alle Kräfte, gab sich nicht geschlagen und hatte den Anschlusstreffer und damit die dritte Runde mehrmals auf dem Fuß. Dann aber der Schlusspunkt, der dem VfL-Kapitän vorbehalten war. Wosz ging auf und davon und ließ Torhüter Verlinden keine Chance. Die Partie war entschieden. Ausgelassener wurde im Ruhrstadion noch nie gefeiert. Noch eine Stunde nach dem Abpfiff feierten Vorstand, Trainer und Mannschaft glücklich wie kleine Kinder in dem immer noch gut gefüllten Stadion den großen Erfolg.

Endstation Amsterdam

Das Achtelfinale: Ajax Amsterdam. Die holländische Übermannschaft sollte nun wirklich das Ende für den VfL bedeuten. Doch bis es soweit war, schrieben die Bochumer nochmals Europacup-Geschichte. Vor allem im Hinspiel in der schmucken Arena, als es nach 24 Minuten durch Tore von Reis und Waldoch plötzlich 2:0 für die Gäste stand. Der VfL auf dem Weg zum Fußballwunder? Doch der Traum zerplatzte so schnell wie er aufgekommen war. Innerhalb von nur elf Minuten machte Ajax aus dem 0:2 ein 4:2, und die Bochumer standen regelrecht unter Schock. Keiner konnte fassen, was da passiert war. Thorsten Kracht ließ nach dem Abpfiff seinem Unmut freien Lauf: „Wir sind einfach zu blöd. So etwas darf nicht passieren.“ Dass es in den nächsten Tag viel Lob für den VfL gab, änderte nichts mehr an der Niederlage, die so nicht hätte kommen müssen. Kaum jemand glaubte jetzt noch an eine Wende.

Das Rückspiel im ausverkauften Ruhrstadion – nach UEFA-Auflagen waren nur 24.000 Zuschauer zugelassen – lieferte ideale Bedingungen für ein Spiel „Kämpfer gegen Techniker“. Dauerregen hatte über Nacht den Rasen aufgeweicht, ideal für ein Kampfspiel auf Biegen und Brechen, und genau das wollte der VfL seinen berühmten Gästen bieten. Bochum versuchte, Amsterdam unter Druck zu setzen, wollte aber gleichzeitig auch kein frühes Kontertor riskieren. Als dann Ajax zu Beginn der zweiten Halbzeit in Führung ging, waren alle taktischen Rückversicherungen obsolet. Jetzt wurde gefightet. Ein Doppelschlag machte alle wieder munter. Zunächst traf Hofmann, dann nahm Zoran Mamic Maß, schoss an de Buer und Oliseh vorbei unhaltbar für den Weltklassetorhüter van der Saar ins Netz. Jetzt schien alles möglich. Im Stadion herrschte eine Stimmung wie zuvor gegen Trabzonspor und Brügge. „Wenn wir dieses Ergebnis noch ein paar Minuten länger gehalten hätten, wäre in der Schlussphase vielleicht noch etwas drin gewesen“, sinnierte Klaus Toppmöller später. Doch eine Unachtsamkeit von Dickhaut bescherte Ajax nur vier Minuten nach der Bochumer Führung den Ausgleich. Das Spiel war gelaufen, und der Traum vom dritten Streich geplatzt. Mit erhobenem Haupt war der VfL an diesem 11. Dezember 1997 aus dem UEFA-Cup ausgeschieden.

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