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Die großen Erfolge

FC Schalke 04 „Meister der Herzen“ 2001

„Wir haben mehr erreicht als alle erwarten konnten“

Was war das für eine Saison, in der der FC Schalke 04 so dicht wie seit 43 Jahren nicht mehr vor der Meisterschaft stand und praktisch in der Nachspielzeit noch die Schale aus den Händen verlor! Viereinhalb Minuten reichten, um die Königsblauen vom Himmel in die Hölle zu schicken. Ein Szenario wie aus dem Grusel-Kabinett, und für die S04-Fans doch so wahr. Am Ende hatten es mal wieder die „Dusel-Bayern“ gepackt, für Schalke blieb nur die Erkenntnis, die Herzen in ganz Deutschland gewonnen und fast gebrochen zu haben. „Wir waren de Mannschaft, die am attraktivsten und sympathischsten rüber kam“, summierte Andreas Möller seine Erfahrungen. „Gerade durch diesen Ausgang werden wir im nächsten Jahr noch mehr Fans haben als zuvor“, sah auch Rudi Assauer etwas Positives. Und einher gehend mit einer fairen Gratulation zum neuen und alten Titelträger stellte der Manager klar: „Jetzt werden die Bayern noch mehr verachtet als vorher!“

Doch im Rückblick auf diese verrückte Spielzeit konnten Verantwortliche wie Mannschaft und Trainer Huub Stevens mit Stolz behaupten: „Wir haben mehr erreicht als alle erwarten konnten. Darauf bin ich stolz“, zollte der Holländer seiner Truppe „ein großes Lob“.

Denn die hatte sich von Beginn an mit herzerfrischendem Offensiv-Fußball an die Spitze der Bundesliga gespielt. Erste Duftmarke war nach dem geglückten Auftakt gegen den 1. FC Köln der „Viererpack“ in Rostock, dem nach der Übernahme der Tabellenführung durch ein 3:0 über Cottbus am 3. Spieltag zwei Wochen darauf ein fast epochales Ereignis folgte. Auch in Dortmund stand nach 90 Minuten das Schalker „Geburtsdatum“ auf der Anzeigetafel. Und das mit einem Andreas Möller, der die Kritiker längst hatte verstummen lassen, und der nach dem phänomenalen Auftritt am seiner alten Wirkungsstätte am ausgelassensten jubelte. Die Blauen spielten den schönsten Fußball und tanzten auf einmal im Reigen der „Großen“. Als mit dem 2:0 bei Unterhaching die Herbstmeisterschaft gebucht war, es nach dem 2:2 gegen Köln als Erster in die Winterpause ging, waren auf einmal „Bremser“ gefragt. „Meister werden die Bayern“, hatte Rudi Assauer immer wieder orakelt, nicht ahnend, dass er ein knappes halbes Jahr später auf so bittere Art bestätigt wurde.

Denn zur restlichen Rückrunde zeigte der „Überraschungs-Tabellenführer“ Nerven, schwächelte in fünf Spielen zwischen Mitte Februar (1:2 in Bremen) und der „Wiedergeburt“ in Leverkusen. Doch als es gegen die Top-Teams der Liga ging, waren die Schalker wieder da. Da mussten nämlich keine unrealistischen Träume ans Bayer-Kreuz genagelt werden, im Gegenteil, die Fans erlebten die triumphale Rückkehr der Stevens-Truppe. Es folgten die in schönste Erinnerungen gemeißelten Dreier über Kaiserslautern (Rache für Hristov), in München (der erste Sieg seit 1983) und gegen Hertha, als neue Euphorie das Parkstadion erzittern ließ. „Gegen die Großen leisten wir Außergewöhnliches, aber gegen die Kleinen tun wir uns noch schwer“, bestätigte sich einmal mehr Rudi Assauer als mahnender Rufer in der Wüste. „Jetzt sind wir die Gejagten. Wir stehen ganz oben, und das ist ein gutes Gefühl“, strahlte Ebbe Sand bereits nach seinem „Dreierpack“ bei den Bayern. „Diese Situation hatten wir schon einmal, da war die Saison zur Hälfte absolviert. Damals sind wir nicht gut damit umgegangen. Ich hoffe, dass es jetzt anders sein wird“, konnte sich auch Huub Stevens inzwischen S04 als kommenden Deutschen Meister vorstellen.

Leider sollte der Manager sollte Recht behalten: Ausgerechnet beim schon abgestiegenen Revier-Nachbarn Bochum stolperte die Elf zu einem Zähler, der schließlich als doppelter Punktverlust in die Statistik eingehen sollte. Doch die nächste Pflichtaufgabe gegen Wolfsburg lösten Sand, Mpenza und Co., so dass es mit den Bayern im Gleichschritt ins Saisonfinale ging. Doch nachdem Schalke sich in Stuttgart verzockt hatte, glaubten nur noch die kühnsten Optimisten an das Wunder vom „Berger Feld“.

Es kam anders, wie jeder S04-Fan weiß. Fußballgott, wo warst du am 19. Mai zwischen 17.15 Uhr und 17.20 Uhr, fragten sich die Königsblauen, die sich 4 Minuten und 38 Sekunden lang als neuer Deutscher Meister fühlten? Entsetzen, Leere, dann Tränen: Der Drehbuch-Schreiber dieses Spielfilms outete sich als Dramatiker mit einem makabren Sinn für spannende Momente. „Ich kann diese Enttäuschung nicht in Worte fassen. Das war der emotionalste Augenblick in meiner ganzen Karriere. Mir wäre es lieber gewesen, wir hätten richtig den Ar… aufgerissen gekriegt oder Bayern hätte in Hamburg gewonnen. Aber eine Meisterschaft so aus der Hand zu geben, das ist der größte Schlag ins Gesicht, den du dir vorstellen kannst“, schüttete Mike Büskens nach dem 5:3 gegen Unterhaching sein ganzes Repertoire an Gefühlen aus.

Das Problem: Mitarbeiter vom TV-Sender Premiere hatten voreilig das Ende des Spiels der Münchner in Hamburg verkündet, die Schalker Fans das Spielfeld gestürmt und vor Übermut über den heilig gewordenen Rasen des Parkstadions geküsst, ehe in Hamburg der auch noch, auf Großbild-Leinwand live übertragene, „Sudden Death“ eintrat. „Seit diesem Spiel glaube ich nicht mehr an den Fußballgott“, kündigte Assauer dem Herrn von oben die Freundschaft auf. „Wir können nur Stolz auf diese Mannschaft sein, so wie sie dieses Jahr aufgetreten ist“, fand Huub Stevens schließlich in all seiner Enttäuschung noch anerkennende Worte für sein Team. Olaf Thon, der zum Abschied des Parkstadions noch eine knappe halbe Stunde mitwirken durfte, meinte mit Blick auf das Duell gegen Union Berlin energisch: „Wir haben noch ein Ziel vor uns. Es hilft nichts, wenn wir in Trauer verfallen und lange über diese verpasste Chance nachdenken. Jetzt müssen wir den Pokal holen!“

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