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revierkick

Die großen Erfolge

FC Schalke 04 Pokalsieger 2001

Ein Sieg über die eigene Angst

„Wir haben den Pokal und sind der wahre Meister“, hallte es durch das Olympiastadion, wo die Schalker Fans die Leiden, die sie eine Woche zuvor bei dem Drama der Vier-Minuten-Meisterschaft ertragen mussten, erst langsam in Freunde verwandeln konnten. Tief saß der Stachel der entrissenen Meisterschaft und erst langsam wurde allen klar, dass sich Schalke 04 29 Jahre nach dem letzten Titel endlich wieder ins Geschichtsbuch des deutschen Fußballs eintragen konnte. Mit dem 2:0-Arbeitssieg über Union Berlin wanderte der Pott in den Pott, und zu einem richtigen Triumph gehört auch ein echter Held: Der hieß Jörg Böhme und brach mit seinen beiden Treffern den „eisernen“ Willen des Zweitliga-Aufsteigers Union Berlin. „Ich freue mich, dass wir diesen Pokal gewonnen haben. Der Druck war sehr groß, denn es war nicht einfach, die Mannschaft nach der verpassten Meisterschaft wieder aufzurichten“, gab Trainer Huub Stevens nach der Partie erleichtert zu, ehe in Berlin die Nacht der Nächte anbrach. „Immer wenn der Druck in dieser Saison am größten war, sind wir noch einmal auferstanden und zurück gekommen“, frohlockte Manager Rudi Assauer. Den (verbalen) Vogel schoss allerdings Jörg Böhme ab, der kurz nach dem Abpfiff von Schiedsrichter Albrecht sarkastisch feixte: „Läuft parallel noch ein anderes Spiel und nimmt uns noch jemand den Pokal weg?“

Doch dann wurde alles gut. Erst ruinierte die Bierdusche Gerhard Schröder den feinen Zwirn, dann warf sich dem Bundeskanzler auch noch Unikum Charly Neumann um den Hals: „Jetzt hör mal. Du kannst nicht immer nur nach Dortmund gehen, du wirst jetzt erst mal bei uns Mitglied. Ich schick dir die Unterlagen zu.“ Das unmissverständliche Angebot des Schalker Faktotums beantwortete der bekennende BVB-Fan Schröder mit einem etwas abwehrenden „Ja, ja, ja“. Nach der Ehrung auf dem Siegerpodest im Berliner Olympiastadion drückte der Kanzler auf dem Weg zum Hubschrauber einem Bodyguard sein Jackett in die Hand: „Meine Jacke hat etwas vom Bier mitbekommen. Aber das ist ja wohl auf Schalke üblich.“ Auch DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder wird die ausgelassene königsblaue Jubelparty vor 40.000 mitgereisten Fans so schnell nicht vergessen. Vom blau-weißen Anhang ausgepfiffen und mit „Vorfelder raus“ – Rufen bedacht, staunte der Verbandschef nicht schlecht, als bei der Pokalübergabe plötzlich ein Zivilist vor ihm stand. „Ich bin der Kapitän, ich habe nicht gespielt“, erklärte der verletzte Tomasz Waldoch dem verdutzten „MV“ und nahm den Pott für den „Meister der Herzen“ in Empfang.

Ein Sieg über die Angst

Die Chancen für das Finale schienen von Anfang an höchst ungleich verteilt: dort der Bundesligist und Vizemeister, auf der anderen Seite der Aufsteiger in die Zweite Bundesliga. Vom Zettel her eine klare Sache, aber über dem Spiel schwebte eben die psychologisch entscheidende Frage, ob die Schalker ihre verpasste Meisterschaft eine Woche zuvor wirklich verarbeitete hatten. Und zu Beginn der Partie sah es ganz und gar nicht so aus: Mit selten abgestimmtem Defensiv-Verhalten ließen sich Hajto, van Hoogdalem oder van Kerckhoven ein ums andere Mal von den frechen Berlinern austanzen. Mehrmals schrammte der S04 an einem Rückstand vorbei, und dann wäre es für die angeknackste Schalker Psyche wirklich schwer geworden, den Rückstand gegen eine kämpferisch erstklassig eingestellte Union-Mannschaft zu egalisieren. Aus dieser Konstellation zog die spielerisch eher schwache Partie auch ihre größte Spannung. Erst in der zweiten Halbzeit fanden die Königsblauen langsam zu ihrem Selbstvertrauen zurück. Der zweite Pfostenschuss von Union in der 50. Minute wirkte dann wie ein Wachruf und ließ den nun das Tempo forcierenden Möller, den im Zweikampf bissigeren Mpenza, vor allem aber den allerorten präsenten Jörg Böhme förmlich explodieren. Aber letztlich waren es zwei Standard-Situationen, die das Spiel entschieden. Erst zirkelte Böhme einen Freistoß in den Winkel (53.), dann verwandelte der nervenstarke Linksfuß einen Elfmeter (58.) zum 2:0-Endstand. Und nach der Partie lieferte der zweifache Torschütze auch die Begründung dafür, warum es im Spiel lange Zeit nicht richtig lief: „Wir waren gerade in der Anfangsphase viel zu nervös, aber die Vorstellung, nach einer solchen Saison ohne Titel als Verlierer dazustehen, macht einem schon ganz schön zu schaffen.“

Gelsenkirchen steht Kopf

Nach dem Spiel wich die klamme Angst vor der zweiten Niederlage der ausgelassenen Freunde. Die Party begann in Berlin und setzte sich am nächsten Tag fort, als um 16.25 Uhr der „Triumph-Zug“ im Gelsenkirchener Hauptbahnhof einfuhr. Weit mehr als 100.000 Anhänger säumten den fünf Kilometer langen Weg zwischen Bahnhof und Stadion, den die „Pokal-Helden“ auf einem LKW-Hänger zurücklegten. Im Parkstadion kam der Tross erst nach gut zweistündiger Fahrt an, und in der ausrangierten Arena warteten bereits weitere 35.000 Fans. Die feierten dann nicht nur den Einzug des Pokalsiegers, sondern auch den Abschied von der alten „Betonschüssel“. Es war der letzte Auftritt einer Schalker Mannschaft im Parkstadion nach 539 Spielen in 28 Jahren.

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