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Die großen Erfolge

Borussia Dortmund Deutscher Meister 2002

Auf der Zielgeraden zur Meisterschale

Die Entscheidung über die Meisterschaft fiel erst 16 Minuten vor dem Saisonende, als der eine Zeigerumdrehung zuvor eingewechselte Henrique Ewerthon gegen seinen Lieblingsgegner Werder Bremen das heiß ersehnte 2:1 markierte, doch Glückwünsche wurde schon drei Spieltage vor Schluss verteilt. Allerdings an die falsche Adresse. „Ich gratuliere Bayer Leverkusen zum Titel“, hatte Dr. Gerd Niebaum nach der 0:1-Niederlage der Borussen in Kaiserslautern und dem damit verbundenen Fünf-Punkte-Rückstand die Schale verbal schon an den Rhein geschickt. Dort hatten sie aber offenbar keine Vitrine freigeräumt, denn auf der Zielgraden patzten die Werkskicker gleich doppelt und boten so den Schwarz-Gelben die Trophäe auf dem Präsentierteller an. Das Zugreifen fiel allerdings auch den Dortmundern sehr schwer.

„Das war wirklich ein Zitterspiel“, konnte sich Tomas Rosicky trotz des Last-Minute-Sieges gegen den 1.FC Köln am 31. Spieltag kaum entspannen. Erst Marcio Amorosos verwandelter Foulelfmeter, der nach einer leichten Attacke von Jörg Reeb an Jürgen Kohler hitzige Diskussionen ausgelöst hatte, sicherte den Dreier, der durch die gleichzeitige 1:2-Heimschlappe des direkten Konkurrenten veredelt wurde. Dennoch blieb Daueroptimist Michael Meier, „der Jäger hat am Ende immer die Nase vorn“, diesmal skeptisch: „Ich glaube nicht, dass das Rennen wieder offen ist, wir können nicht davon ausgehen, dass Bayer in dieser Spielzeit ein zweifaches Unterhaching erlebt.“ Weit gefehlt, auch wenn das nächste Unterhaching in Nürnberg beheimatet war. Der Club sicherte sich mit dem 1:0-Sieg den Klassenerhalt und bot zudem dem BVB, an den Farbenstädtern vorbeizuziehen.

Sie taten es mit Glanz und Gloria und dem besten Saisonauftritt überhaupt. „Einfach nur geil“, stieß Sebastian Kehl im Anschluss des 4:3-Triumphes beim Hamburger SV einen Freudenschrei in den Nachmittagshimmel und „Mozart“ Rosicky ergänzte: „Das war eine unglaubliche Partie. Super für die Zuschauer, irgendwie hatte das schon Eishockey-Charakter. Nun liegt alles in unseren Händen.“ Zuvor in den Füßen und mit diesen zauberten sie in der AOL-Arena vom Feinsten und ließen sich selbst durch den Platzverweis von Christian Wörns nicht aus dem Konzept bringen. Das gelang sieben Tage später Paul Stalterie schon eher. Das aus allen Nähten platzende Westfalenstadion war auf eine Meisterfeier eingestellt und hatte keine Lust auf Spielverderber, wie den Kanadier, der sich erdreistete zum 0:1 einzuschieben.

„Das war der wichtigste Treffer meiner Karriere“, strahlte Jan Koller aus jedem Knopfloch, denn sein Ausgleich noch vor dem Seitenwechsel ließ das Stimmungsbarometer schlagartig in die Höhe schnellen. Den Fußball-Tempel versetzte dann der bereits erwähnte Henrique Ewerthon in Ekstase, die Meisterkicker selbstverständlich auch. Jens Lehmann auf Wolke sieben schwebend: „Ich habe immer an den Fußballgott geglaubt. Meister zu werden, ist für jeden Sportler das Höchste, was es gibt.“ Sein Trainer dagegen genoss die Würdigung seiner Arbeit zunächst in aller Stille und Abgeschiedenheit: Matthias Sammer düste nach dem erlösenden Schlusspfiff schnurstracks in die Kabine: „Ich habe schon als Spieler meine Emotionen herausgelassen, sprich den Hampelmann gemacht.“ Dementsprechend ruhig analysierte er: „Diese Mannschaft hat einfach Qualität. Wer in diesem Jahr Deutscher Meister ist, und das sind nun einmal wir, der hat wirklich was vollbracht.“

Die Verbesserung der Qualität hatten sich die Schwarz-Gelber im Sommer zuvor einiges kosten lassen. Mit Marcio Amoroso, der für rund 25 Mio. Euro vom AC Parma losgeeist wurde, durchbrachen die BVB-Verantwortlichen eine Ablösesummen-Schallmauer, die in der Bundesliga zuvor als zu utopisch gegolten hatte. Dass er jeden Cent wert ist, wollte der Brasilianer bereits bei seinem Debüt gegen den 1. FC Nürnberg beweisen. Es gelang ihm eindrucksvoll, denn beide Treffer zum 2:0-Sieg gingen auf sein Konto. Bescheidenheit, das war und ist nie eine Tugend von ihm gewesen, das unterstrich der damals 27-jährige schon nach seinem ersten Gala-Auftritt : „Die Tore widmete ich mir selbst.“ Die Selbstbeweihräucherung durfte er in den folgenden Wochen und Monaten fortsetzen, sehr zur Freude seiner Mitspieler. Mit ihm und seinem Torinstinkt kam der BVB-Express so richtig in Fahrt. Vier Siege in Folge und ein makelloses Torverhältnis von 10:0 ließen bei den Anhängern die ersten Titelträume aufkommen. Unter dem Strich verbuchte Marcio Amoroso 18 Treffer auf seiner Habenseite und damit durfte er sich gemeinsam mit Martin Max die Torjägerkanone teilen. Lars Ricken: „Marcio hat einen Riesenanteil an dem, was wir erreicht haben.“ Pflegeleicht sind Stars wohl nur in Ausnahmefällen, der Goalgetter hatte keine Ambitionen, in diese Kategorie eingeordnet zu werden. Ein Herz und eine Seele waren er und Matthias Sammer schon damals nicht, doch der Erfolg übertüncht alle Schwächen. Der BVB-Coach diplomatisch: „Dafür, dass wir auch schon einmal unterschiedlicher Meinung sind, haben wir das ganz gut gelöst.“ Gelegentlich in Form einer Geldstrafe, insbesondere dann, wenn es unterschiedliche Ansichten über die Dauer der Winterpause und dem damit pünktlichen Erscheinen ging.

Ein rauheres Klima

Als die sich dem Ende zuneigte rangierten die Borussen auf Rang zwei, punktgleich Bayer Leverkusen. Für Dr. Gerd Niebaum zu wenig, da auch er die bittere Erfahrung machen musste, dass seine Angestellten gegen die Großen der Liga einfach nicht gewinnen konnten. Gegen die Bayern hatten sie eine 0:2-Heimschlappe hinnehmen müssen, in Schalke setzte es eine Woche später eine 0:1-Niederlage, gegen die Leverkusener sprang im Westfalenstadion nur ein 1:1 heraus. Einen weiteren Dämpfer hatte es auf der europäischen Bühne gegeben. Das Aus in der Champions League stand bereit nach dem Ende der Vorrunde fest. Ein Punkt in Liverpool hätte gereicht, doch das 0:2 führte zu einer bitteren Bauchlandung.

Kein Wunder, dass der Präsident zum Jahreswechsel „ein raueres Klima“ forderte und den Konkurrenzkampf mit der Verpflichtung von Sebastian Kehl weiter anheizte. Hoch her ging es schon im Vorfeld des Transfers, da der Freiburger bei dem Rekordmeister aus München ebenfalls im Wort stand und Uli Hoeneß nicht müde wurde, Giftpfeile in Richtung Breisgau und Revier abzuschießen. Mit dem Jungnationalspieler im Mittelfeld kamen die Westfalen gut aus den Startlöchern und übernahmen die Tabellenführung und hatten sogar die große Möglichkeit, endlich wieder einmal bei den Bayern einen Dreier einzufahren. Marcio Amoroso, der sich mit seiner Reservistenrolle an diesem Tag nicht anfreunden konnte, klopfte eindringlich auf das Dach der Trainerbank und forderte Matthias Sammer somit vehement auf, ihn endlich einzuwechseln. Den Lohn des Nachgebens erhielt der Dortmunder Trainer in Form eines wunderschönen Freistoßtores überreicht, auch wenn das durch Giovanne Elbers kuriosen Ausgleich mit einem 16m-Kopfball noch egalisiert wurde.

Das 1:1 war der Beginn einer harten Durststrecke von vier sieglosen Begegnungen, in der sogar vor heimischer Kulisse weder Revierrivale Schalke noch das bereits abgeschlagene Kellerkind FC St. Pauli bezwungen werden konnte. Dazwischen mussten der BVB noch eine äußerst bittere Bayer-Pille schlucken. Mit einem furiosen 4:0 fertigten die Rheinländer im Gipfeltreffen die Gäste ab und es war die Zeit gekommen, in der Michael Meier seine Theorie vom Jäger und Gejagten entwickelte. Die hatte Jens Lehmann offenbar etwas missverstanden, als er in Freiburg beim grandiosen 5:1 der Schwarz-Gelben Soumaila Coulibaly am Boden liegend einen „Blattschuss“ versetzte. Schiedsrichter Herbert Fandel hatte zwar nichts gesehen, doch in der heutigen Medienwelt bleibt den Fernsehkameras so etwas nicht verborgen. Die Konsequenz folgte prompt: Dortmunds Nummer eins musste viermal aussetzen, der DFB wollte es so.

Philipp Laux sprang in die Bresche, zu Hause mit der entsprechenden Ausbeute in Form von zwei Siegen, auswärts war ihm Glücksgöttin Fortuna weniger hold. Aus Stuttgart (2:3) und Kaiserslautern (0:1) kehrte er ebenso wie seine Mannschaftskameraden mit leeren Händen zurück. Im Schwabenland beklagte Matthias Sammer, „Wer ganz nach oben will, der muss noch größeren Siegeswillen zeigen.“ Außerdem forderte er: „Wenn wir jetzt zurückschlagen, dann beweisen wir wahre Stärke.“ Gegen 1860 München gelang die Umsetzung, auf dem Betzenberg nicht, ein weiterer Rückschlag, den der Präsidenten immerhin zur Gratulation in Richtung Leverkusen inspirierte, es war der falsche Geistesblitz. Glücklicherweise!

Bild bvb 2002